20.09.2021

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Gesellschaft

Erkenntnisse aus einem Sonderweg

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie verfolgt Schweden eine andere Strategie als die meisten Staaten: weitestgehend ohne Maskenpflicht, ohne Lockdown und ohne Überwachung der Bürger durch die Behörden. Die Aussagen über die Folgen dieses Weges sind widersprüchlich. Hier der Bericht eines vor Ort ansässigen Zeitgenossen

Jörg Weißbach
23.05.2021

Über den besonderen Umgang der Schweden mit der Corona-Pandemie ist schon oft und kontrovers berichtet worden. Doch wodurch unterscheidet sich dieser Weg von den Strategien anderer europäischer Staaten? Und zu welchen Ergebnissen führt er? Warum überhaupt verhalten sich die Skandinavier so gänzlich anders? Wer Antworten auf diese Fragen sucht, sollte nicht nur in die Gegenwart schauen, sondern auch in die Geschichte des Landes eintauchen.

Ein positives Verhältnis zum Staat

Vor fast 500 Jahren ist Schweden – begünstigt durch die Reformation – ein von Gustav I. Wasa geschaffener, geordneter und verwalteter Zentralstaat geworden. Seit dieser Zeit gibt es keinen administrativen Flickenteppich der Regionen oder Provinzen, auch wenn auf verschiedenen Ebenen eine demokratisch verankerte Selbstverwaltung implementiert ist. Dabei fällt den „Myndigheten“ (den Behörden) eine weitreichende Steuerungsfunktion zu, die wie im Fall der Gesundheitsbehörde „Folkhälsomyndigheten“ die Regierung beraten und Regierungsbeschlüsse veranlassen. Die Umsetzung der Regierungsentscheidungen liegt dann wiederum auf behördlicher Ebene.

Dieser Behördenapparat genießt bei den schwedischen Bürgern ein großes Vertrauen. Er unterliegt nicht den Eitelkeiten des Politikbetriebes, ist weniger kurzlebig in seinen Entscheidungen und frei vom Verdacht der eigenen Vorteilsnahme, da alle behördlichen Regelungen allgemein veröffentlicht und transparent sind.

Anders als in anderen Ländern vertrauen die Schweden also grundsätzlich ihrem Staat. Es fällt daher schwer, Misstrauen zu säen, das Potential für Proteste zu schaffen und diese zu organisieren. Verschwörungstheoretiker haben kaum eine Nische, in der sie ihre abgekapselte Weltsicht kultivieren könnten. Das liegt auch daran, dass die Schweden historisch gesehen keine schlechten Erfahrungen mit ihrem Staat haben. Die letzten kriegerischen Scharmützel während der Union mit Norwegen liegen über 200 Jahre zurück. Totalitäre Systeme wie Nationalsozialismus oder Kommunismus haben den schwedischen Behördenstaat mit seiner verlässlichen Administration nicht überwinden können.

„Folkhemmet“ und Eigenverantwortung

Auch sonst ist die schwedische Gesellschaft eine merkwürdige Symbiose aus kollektiven Strukturen und einem hohen Maß an Individualismus. So ist die Gleichheit aller Bürger in Hinblick auf sozialen Standard, Bildung und Teilhabe an staatlichen Leistungen durch fast ein Jahrhundert „Folkhem“ traditionell verankert, verbunden mit einer flachen Hierarchie.

Auf der anderen Seite gibt es zahlreiche Möglichkeiten an eigenbestimmten Lebensformen – in den Städten mit der höchsten Zahl an Single-Haushalten in Europa, in ländlichen Gegenden durch eine geringe Einwohnerzahl. So ist Schweden zwar um 100.000 Quadratkilometer größer als Deutschland, hat aber nur ein Zehntel der Einwohner pro Quadratkilometer (nämlich 23, während Deutschland auf 234 kommt). Zudem wurden die Bauern durch eine Landreform Anfang des 19. Jahrhunderts gezwungen, dörfliche Siedlungen aufzulösen („Enskiftet“) und in der Mitte ihrer Ländereien zu wohnen, was den äußeren Abstand und die innere Distanz weiter vergrößerte.

In der Neuzeit hat die digitale Revolution diese Distanzierung beschleunigt und das soziale Gefüge in Schweden weiter verändert. Fast alles kann ohne körperlichen Kontakt online erledigt, bargeldlos bezahlt und im Homeoffice erledigt werden.

Vor diesem Hintergrund sind die Pandemie-Regeln von Abstand, Hygiene und Maskenpflicht, die in fast allen Ländern eingeführt wurden, in Schweden mit einer ruhigen Reserviertheit beurteilt und je nach Risikoabwägung angewendet worden. Von einer kurzatmigen, hysterischen Hyperaktivität, die dem unaufgeregten schwedischen Wesen ohnehin fremd ist, wurde der Fokus schnell hin zu einer anwendbaren Strategie verschoben, die auf der langfristigen Toleranz und Unterstützung der Bevölkerung basiert.

Anfängliche Fehler

Dennoch sagte König Carl XVI. Gustav in seiner Weihnachtsansprache 2020 in der Rückschau auf den bisherigen Verlauf der Corona-Pandemie einen Satz, der ein breites Echo auslöste: „Ich denke, wir sind gescheitert“ („Jag anser att vi har misslyckats“). Er beklagte damit eine fehlerhafte Strategie, die in der ersten Corona-Welle viele Tote zur Folge hatte, und stellte sich in seinem Votum an die Seite der trauernden Angehörigen. In der Tat hatte die erste Welle die schwedische Gesellschaft und ihre Behörden trotz vieler Vorwarnungen unvorbereitet angetroffen. Folgende Schwachstellen kann man diagnostizieren:

Erstens herrschte ein großer Materialmangel, da viele Lager und Vorräte für den Katastrophenfall durch die MSB („Myndighet för samhällsskydd och beredskap“) in den letzten Jahren aufgelöst worden waren. Es fehlte an Schutzausrüstung auf allen Ebenen, so dass unnötig viele Mitarbeiter in der Pflege und in den medizinischen Einrichtungen erkrankten.

Zweitens gab es eine große Fluktuation in den helfenden Berufen, auch mit unausgebildetem Personal, so dass die Altenheime, Pflegeeinrichtungen und auch die Versorgung zuhause durch den Pflegedienst („Hemtjänst“) das Infektionsgeschehen weiter in die gefährdeten Personengruppen hineinschleusten. 

Drittens wurden die Rückkehrer aus den alpinen Wintersportgebieten unzureichend auf das Virus getestet und isoliert.

Viertens gab und gibt es eine große Anzahl Migranten, die in den Vorstädten der Ballungsräume in beengten Wohnsituationen im Verband der Großfamilie leben. Dort wurden Warnhinweise erst viel später in anderen Sprachen plakatiert und veröffentlicht.

In diesen Segmenten der Kranken- und Pflegeeinrichtungen, der gefährdeten Senioren in ihrer häuslichen Umgebung und der eingewanderten Großfamilien in den Ballungsräumen, waren denn auch die höchsten Todesraten zu beklagen.

Leben ohne Lockdown

Inzwischen haben sich die schwedischen Zahlen der Verstorbenen trotz Sonderwegs an das westeuropäische Niveau angeglichen – weitestgehend ohne Maskenpflicht (im „Kollektivtraffik, dem städtischen Nahverkehr, gibt es nun zumindest theoretisch eine), ohne Schließung des öffentlichen Lebens und ohne allgegenwärtige Sanktionen. Allerdings wird im öffentlichen Raum nach wie vor überall zur Wahrung des Mindestabstandes und zur Handhygiene angehalten. Noch sind die Inzidenzzahlen im Vergleich zu den Nachbarländern sehr viel höher, doch die Anzahl der schwer Erkrankten und die Belastungen in den Krankenhäusern sind etwa auf einer Linie mit dem restlichen Europa.

Andererseits gab es dafür in Schweden niemals einen strengen Lockdown, kein „Anfahren“ und „Abbremsen“, keine Obergrenzen unterfüttert mit Zahlen und Tabellen, keine gefühlte Überwachung durch den Staat, sondern das Angebot und die Bitte um Kooperation. „Rekommendationen“ – so heißt es im Behördenjargon, also Empfehlungen. Diese haben aber gleichwohl in den Ohren und im Bewusstsein der Menschen verbindlichen Charakter. Es gibt kaum jemanden, der sich darüber hinwegsetzt.

Der Gewinn dieses Weges ist ein doppelter: Die Behörden versuchen, die Menschen in den gemeinsam eingeschlagenen Weg einzubinden und sie in ihrer Eigenverantwortung anzusprechen. Man muss sagen, dass dies weitgehend gelungen ist und bei den Menschen kaum Widerstand provoziert hat. Das dialogorientierte Element hat den Vorrang vor einem fremdgesetzten kontrollierenden Rahmen.

Langfristigkeit vor kurzfristiger Hektik

Zum anderen hatte diese Strategie zum Ziel, langfristig wirksam zu sein und die anderen gefährdeten Bereiche der Gesellschaft und der Wirtschaft zu schützen. Das öffentliche Leben blieb weitgehend geöffnet – ob Friseur, Einzelhandel oder Restaurant – und bietet weiterhin eine Einnahmequelle zum Lebenserwerb für den Betreiber und ein Stück gefühlter Normalität für die Besucher, Kunden und Gäste. Dafür blieben die psychologischen Belastungen und materiellen Verwerfungen, falls überhaupt messbar, in Schweden deutlich geringer als andernorts. Insgesamt erscheint das öffentliche Leben als geregelt und nicht als dauerhafter Ausnahmezustand. 

Eingriffe in die Grundrechte gibt es auch hier, etwa durch normierte Gruppengrößen in Kultur und Sport oder bei der Religionsausübung. Doch liegt der Fokus hierbei nicht auf der Optimierung des Verhinderns, sondern auf Lösungen, die einen Weiterbetrieb ermöglichen. In der schulischen Bildung zum Beispiel streben die Vorgaben, wann immer möglich, eine weitgehende Beibehaltung der Öffnung an. Flankiert von der Möglichkeit, den Kindern und Jugendlichen einen sicheren Rahmen sowie auch Schutz vor einer Überlastung der häuslichen Situation zu gewährleisten. Offensichtlich hatte das Offenhalten der Schulen und Kindergärten keinen merklichen Einfluss auf die Corona-Zahlen. 

Der Schutz vor einer einzelnen Krankheit wurde in Schweden also nicht absolut gesetzt, sondern in Relation zu anderen notwendigen Werten gestellt. So sollte ein Auseinandertriften der Gesellschaft und eine unnötige Vereinsamung ihrer Mitglieder verhindert werden. Der oft zu hörende Vorwurf, quasi um jeden Preis in erster Linie eine Herdenimmunität angestrebt zu haben, lässt sich nicht belegen.

Versuch einer Bewertung

Der schwedische Sonderweg in der Pandemie ist der Versuch, aufgrund wissenschaftlicher Bewertungen der Sachverständigen gemeinsam mit der Bevölkerung einen verbindlichen und langfristigen Weg durch die Krise zu finden. Für die endgültige Bewertung bedarf es einer gründlichen Analyse und einer differenzierten Betrachtung.

Sicher kann man jedoch schon jetzt sagen, dass es nicht nur den einen Königsweg durch die Pandemie gibt, sondern dass es sich in Schweden wie in anderen Ländern immer um ein Abwägen von Schutzmaßnahmen, Gütern und Entscheidungsprozessen handelt, die die körperliche und psychische Gesundheit, den gesellschaftlichen Zusammenhalt sowie die wirtschaftlichen und beruflichen Folgen betreffen.

Eines lässt sich jedoch festhalten: Unabhängig von den Corona-Zahlen ist es den Schweden in der Pandemie gelungen, gesellschaftliche Verwerfungen, wie es sie in Deutschland als Begleiterscheinung der zahlreichen Lockdowns gibt, zu vermeiden. Proteste wie die Zehntausende zählenden Demonstrationen der „Querdenker“-Bewegung gibt es hier nicht. Dafür ein um so größeres Vertrauen in das Handeln des Staates.

Jörg Weißbach ist Pastor an der Deutschen St. Gertruds-Gemeinde Stockholm, der ältesten deutschen Auslandsgemeinde.
www.svenskakyrkan.se/deutschegemeinde



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