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Nah am Abgrund und doch sicher: Das Berggasthaus Aescher-Wildkirchli liegt geschützt an einem Felsüberhang
Foto: appenzell.chNah am Abgrund und doch sicher: Das Berggasthaus Aescher-Wildkirchli liegt geschützt an einem Felsüberhang

Appenzellerland

Fromme Höhlenbewohner

Bei den Eremiten des Wildkirchli – Die Schweizer Einsiedelei ist spektakulär an einer steilen Felswand im Alpstein-Gebirge gelegen

Dagmar Jestrzemski
02.05.2022

Schlägt man den 1855 veröffentlichte Roman „Ekkehart. Eine Geschichte aus dem 10. Jahrhundert“ des Biedermeier-Autors Josef Victor von Scheffel auf, wird man in eine poetische, humorvolle und vielschichtige Darstellung hochmittelalterlichen Lebens hineingezogen. Das seinerzeit populäre Kultbuch, heute ein Klassiker, erschien in über 300 Auflagen.

Die Handlung des Romans ist im Hegau, einem historischen Gau des Herzogtums Schwaben nordwestlich des Bodensees, und im Appenzeller Land angesiedelt. Mehrere Anekdoten aus den St. Gallener Klostergeschichten über die Klosterbrüder Ekkehart I. und II. hat der Autor für die Lebensgeschichte eines fiktiven St. Gallener Mönchs namens Ekkehart verwendet und phantasievoll ausgeschmückt. In St. Gallen wurde Ekkehard I. für den Verfasser des Walthari-Liedes gehalten. Dementsprechend stellte Scheffel seine Romanfigur als Dichter des Walthari-Liedes vor, das an die Nibelungen-Dichtung anknüpft und volkssprachliche Überlieferungen verarbeitet.

Vom Roman führt eine inhaltliche Verbindungslinie zum beliebten Berggasthaus Aescher-Wildkirchli in spektakulärer Lage im Alpsteinmassiv, Kanton Appenzell Innerrhoden in der Ostschweiz. Das denkmalgeschützte Gebäude wurde 1860 in 1487 Meter Höhe unter einer beeindruckenden 80 Meter hohen, überhängenden Felswand der Ebenalp errichtet, genannt Aescher. Dabei wurde in eine von drei miteinander verbunden Felsenhöhlen in bis zu 1500 Meter Höhe hinein gebaut.

Inspiration für Roman „Ekkehart“

Das Aescher-Wildkirchli ist eines der ältesten Berggasthäuser der Schweiz und zugleich das berühmteste der Alpen, oder, wie mitunter behauptet wird, sogar der ganzen Welt. Im Appenzeller Land ist die Berghütte mitsamt den begehbaren Höhlen eines der beliebtesten Ausflugsziele und eine wahre Sehenswürdigkeit. 2015 zierte ein Foto der Wildkirchli-Hütte das Titelbild der „National Geographic“. Vorgestellt wurden „die 225 atemberaubendsten Reiseziele der Welt“. Zuvor hatte schon der Hollywood-Schauspieler Ashton Kutcher ein Bild des Berggasthofs Aescher-Wildkirchli auf seinem Instagram-Account gezeigt. Daraufhin setzte ein Ansturm von Touristen aus aller Welt ein, dem die damaligen Betreiber der Hütte mit ihrer bescheidenen Ausstattung schon bald nicht mehr gewachsen waren.

Die Wildkirchli-Stiftung als Eigentümerin des Restaurants veranlasste mit Hilfe von Spendengeldern eine grundlegende Modernisierung des Gebäudes und seiner Außenanlagen mitsamt den Übernachtungseinrichtungen. 2019 fand die Wiedereröffnung des Aescher-Wildkirchli mit neuen Pächtern statt.

Wer in das Berggasthaus Aescher-Wildkirchli einkehrt, genießt bei ausgezeichneter Verköstigung einen grandiosen Rundblick über die Appenzeller Alpen. Vom Ort Wasserauen zum Aescher-Wildkirchli führen mehrere Wanderwege. Der leichteste Aufstieg erfolgt mit der Luftseilbahn Wasserauen-Ebenalp. Von dort erreicht man das Gasthaus in 15 Minuten über einen Wanderweg, der zuletzt durch zwei Höhlen führt. Am Grat der Ebenalp hat man eine grandiose Aussicht bis zum 2502 Meter hohen Säntis, dem höchsten Berg im Alpstein, und auf den malerischen Seealpsee.

Hier liegen die Wurzeln des Alpsteintourismus. Bereits im 18. Jahrhundert begannen die in der sogenannten Unteren Wildkirchli-Höhle lebenden Eremiten und die Sennen der Alp, Wanderer und Gäste zu verpflegen. Touristen, Schriftsteller, Maler und Naturforscher entdeckten die herrliche Landschaft und den Reiz des Bergsteigens.

Auch die internationalen Kurgäste des Molkenkurorts Weissbad trugen wesentlich zum Aufschwung des Tourismus im Appenzeller Land bei. Damals schon galten die Einsiedler als Sensation, diese Asketen der Bergwelt, umrankt von mysteriösen Erzählungen.

Von 1850 an wurde der Zugang zur Bergwelt durch die Anlage von Wanderwegen und Berggaststätten erleichtert. Kurz vor der Veröffentlichung seines „Ekkehart“ logierte auch Victor von Scheffel in der 1846 eröffneten Berghütte am Eingang der Unteren Höhle, dem Vorgänger des Gasthofs Aescher-Wildkirchli. Dort, in der ehemaligen Unterkunft der Eremiten, vollendete er seinen historischen Roman. In dem erneuerten Eremitenhäuschen sind gegenwärtig Höhlenbärenknochen und Steinwerkzeuge aus der Altsteinzeit ausgestellt, die bei Grabungen zum Vorschein kamen.

„Fahr' wohl, du hoher Säntis“

Erstmals wird der Name Wildkirchli 1524 als Bezeichnung für eine Andachtsstätte in der Felswand der Ebenalp erwähnt. In der sogenannten Altarhöhle mit hallenartig erweitertem Eingang errichtete der Kapuzinermönch Tanner 1621 an einer ehemaligen Andachtsstätte einen dem Erzengel St. Michael geweihten Altar. An St. Michael wurden dort Wallfahrtsgottesdienste abgehalten, die im Volk großen Anklang fanden.

Die Altarhöhle wurde 1657 von Pfarrer Ullmann als Kapelle eingerichtet. Am Eingang wurde ein Glockenturm errichtet. Von 1658 bis 1853 wohnten in der Unteren Höhle Eremiten, die während der Sommersaison Gottesdienste für die Sennen der Alp abhielten. In großer Zahl strömte auch die Innerrhoder Bevölkerung hinauf zu den Gottesdiensten.

Möglicherweise wurden die Höhlen bereits in frühmittelalterlicher Zeit von Klausnern bewohnt. So jedenfalls dachte es sich Scheffel. Hierher verlegte er den Schluss seines Romans und damit zugleich den Ort der Entstehung des Walthari-Liedes. Aufgrund der Rache und Strafe eines ihm feindlich gesonnenen Paters war Ekkehart in die Schweiz geflohen. In der Eremitenhöhle im Alpsteingebirge verlebte er die Sommermonate mit Beten und Dichten zur Wiedergewinnung seiner Seelenruhe. In der Altarhöhle feierte er mit den Sennen die Heilige Messe.

Zum Alpmeister, seinem Freund, sprach Ekkehard einmal: „Wenn ich wieder auf die Welt käme und hätte vom Himmel herniederzufallen und die Wahl wohin, ich glaube, ich ließ mich zum Wildkirchlein fallen und nirgend anders hin.“

Nachdem er das Walthari-Lied in lateinischer Sprache niedergeschrieben hatte, sang er ein wehmütiges Lebewohl auf die schöne Landschaft, bevor er wieder über den Rhein zog: „Fahr' wohl, du hoher Säntis, der treu um mich gewacht, Fahr' wohl, du grüne Alp, die mich gesund gemacht. Hab' Dank für deine Spenden, du heil'ge Einsamkeit, vorbei der alte Kummer – vorbei das alte Leid. Geläutert ward das Herze und Blumen wuchsen drin: Zu neuem Kampf gelustig, steht nach der Welt mein Sinn.“

• Je nach Witterung öffnet das Berggasthaus Aescher-Wildkirchli im Mai in die Saison. Infos zu Wildkirchli-Führungen unter www.ebenalp.ch und www.appenzell.ch



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