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Kirchenschätze mit islamischem Einschlag: Blick in die Ausstellung
Foto: Kruszewski/bphKirchenschätze mit islamischem Einschlag: Blick in die Ausstellung

Kirchenschätze

Fromme Zweckentfremdung

Verflechtungen der Kulturen – Eine Hildesheimer Schau zeigt, wie islamische Kunst sich in kirchlichen Objekten niederschlug

Veit-Mario Thiede
20.01.2023

Das Dommuseum von Hildesheim präsentiert noch bis zum 12. Februar rund 90 Prachtwerke aus dem Mittelmeerraum. Sie sind Bestandteile mitteleuropäischer Kirchenschätze an und sind 800 bis 1000 Jahre alt. Aber was hat es mit dem merkwürdigen Titel „Islam in Europa. 1000–1250“ auf sich?

Die Ausstellungsstücke stammen nach Aussage des Kurators Felix Prinz zumindest teilweise aus „islamisch geprägten Regionen“ wie dem Reich der Abbasiden und dem der Fatimiden sowie den seinerzeit islamischen Gebieten der Iberischen Halbinsel. Das erst byzantinische, dann arabische, danach normannische und schließlich staufische Sizilien ist als Schmelztiegel der Kulturen vertreten.

Auch das christliche Kaiserreich Byzanz steht im Blickpunkt. Denn „die Machthaber im Mittelmeerraum verband über die Grenzen von Sprachen und Religionen und geographische Entfernungen hinweg eine gemeinsame Kultur der verwendeten Objekte“, wie Prinz erklärt. Sie gingen als einfache Handelsware, kostbare diplomatische Geschenke und Raubgut in die Kirchenschätze ein.

Den Anstoß zur Ausstellung gab die 1000 Jahre zurückliegende Wahl Godehards zum Bischof von Hildesheim. Präsentiert werden im östlichen Mittelmeerraum angefertigte Seidenstoffe aus dem goldenen Schrein des 1131 heiliggesprochenen Godehard. Auch das „Keilförmige Reliquiar“ aus dem 10. Jahrhundert (mit späteren Ergänzungen) gehört zum Hildesheimer Domschatz. Das wohl in der Stadt hergestellte Reliquiar hat zwei islamische Zutaten: eine wahrscheinlich abbasidische Schachfigur aus Bergkristall sowie einen roten Schmuckstein mit arabischer Inschrift.

Es folgen weitere fromme Zweckentfremdungen von Objekten aus islamisch geprägten Regionen. Etwa die eigens für die Schau abmontierten beiden Schmuckplatten jenes Lesepults, das König Heinrich II. vor 1014 dem Aachener Dom stiftete. Sie weisen eine Bergkristalltasse aus dem Reich des Kalifen von Bagdad und einen Teller aus dem Reich von Byzanz auf, die umgedreht auf den Platten befestigt sind.

Viele Luxusobjekte aus dem Mittelmeerraum widmeten die mitteleuropäischen Geistlichen zu Reliquiaren um. Ein schönes Beispiel ist der „Rosettenkasten“ aus dem Stiftsmuseum von Xanten. Den vor etwa 1000 Jahren in Byzanz hergestellten Kasten schmücken aus Tierknochen geschnitzte Relieftafeln mit mythologischen und biblischen Gestalten wie Herkules und Josua. Solche Kästen dienten in Byzanz als repräsentative Luxusobjekte in den Haushalten der Wohlhabenden. In dem nach Xanten gelangten Kasten aber ruhten die Reliquien des Ortsheiligen Viktor.

Figürliche Gießgefäße aus Bronze beschließen die Schau. Sie stammen aus islamisch geprägten Regionen und aus Hildesheimer Produktion. Diese „Aquamanile“ genannten Gefäße dienten bei liturgischen Zeremonien der Handwaschung. Sie haben das Aussehen von Tieren wie Hirsch und Löwe oder von Fabelwesen. Aquamanile produzierten die Mitteleuropäer allerdings erst seit dem 12. Jahrhundert, während sie in islamischen Gebieten bereits seit Jahrhunderten gebräuchlich waren.

• Bis 12. Februar im Dommuseum Hildesheim, Domhof 18–21, geöffnet täglich außer montags von 11 bis 17 Uhr, Eintritt: 6 Euro. Internet:
www.dommuseum-hildesheim.de


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