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Für ein freies Streben nach Erkenntnis

Ein Plädoyer für die Unabhängigkeit der Wissenschaften – und gegen die seit Jahren zunehmenden Versuche in Politik und Medien, den akademischen Raum für das politische Tagesgeschäft zu vereinnahmen

Eberhard Straub
26.11.2023

Auf dem World Health Summit in Berlin beklagten Gesundheitsminister Karl Lauterbach und der Virologe Christian Drosten unlängst, dass während der Corona-Zeit zu viele Stimmen zu Wort gekommen wären, die von der offiziellen Linie der deutschen Gesundheitspolitik abwichen. Bei künftigen Pandemien sollten stattdessen nur noch Journalisten und Wissenschaftler zu Wort kommen, die die offizielle Linie vertreten. Dies wäre jedoch ein massiver Eingriff in die nicht nur verfassungsmäßig garantierte, sondern auch sachlich zwingend erforderliche Wissenschaftsfreiheit.

Die Freiheit der Wissenschaft setzt ein Denken ohne Autorität voraus, sich also unabhängig von staatlicher, kirchlicher oder privater Einflussnahme entwickeln und behaupten zu können. Die Universität als freie Körperschaft eigenen Rechts repräsentierte diese große Idee, in der bürgerliche Freiheit mit der Verpflichtung und dem Recht zum selbstständigen Denken unmittelbar zusammengesehen wurden. Deswegen umgab in den bürgerlich-liberalen Zeiten vor dem Ersten Weltkrieg den Professor eine besondere Aura, nämlich der unangefochtene und Ehrfurcht gebietende Verfechter geistiger Freiheit zu sein.

Dieser Nimbus hat sich längst verflüchtigt. Heute ist vorzugsweise von Experten die Rede, die gar keine Professoren sein müssen, wenn es darum geht, Maßnahmen der Regierung vor Widerspruch zu sichern und deren Handeln zu rechtfertigen. Politiker berufen sich in der Wissensgesellschaft nicht so sehr auf politische Argumente, sondern auf den Rat von Wissenschaftlern und auf „die Wissenschaft“, um ihre Planungen als unvermeidlich und vernünftig erläutern sowie als alternativlos vertreten zu können.

Ein grundlegender Irrtum
Doch „die Wissenschaft“ gibt es nicht. Es gibt nur Wissenschaftler, die verschiedene Hypothesen vortragen und dafür werben, ihnen zu dem Ansehen zu verhelfen, eine unumstößliche Wahrheit zu sein. Sie brauchen Autoritäten, um dieses Ziel zu erreichen: Parteien, Regierungen, Unternehmen, Organisationen in der „Zivilgesellschaft“, wissenschaftliche Einrichtungen und nicht zuletzt die „Öffentliche Meinung“ als Lautverstärker sozial- oder systemrelevanter Wünschbarkeiten.

Die wissenschaftliche Freiheit gerät dabei in arge Bedrängnis. Denn der sogenannte Experte kann allzu leicht der Versuchung erliegen, um Einfluss zu gewinnen und gar eine ausschlaggebende öffentliche Rolle zu spielen, in die Abhängigkeit von Auftraggebern zu geraten, die ihr – unter Umständen sehr eigenwilliges – Tun und Treiben wegen wissenschaftlicher Erkenntnisse und Übereinkünfte für dringend erforderlich ausgeben möchten. Handlungsfreiheit erübrigt sich dann, wenn „die Wissenschaft“ sagt, was unbedingt gemacht und auf jeden Fall unterlassen werden muss. Von Freiheit kann unter solchen Bedingungen gar keine Rede sein.

Es war schon immer bekannt, dass zwischen „der Wissenschaft“ als hehrem Ziel und den Wissenschaftlern unterschieden werden muss. Letztere sind Menschen voller Ehrgeiz, beachtet, prominent und reich zu werden. Sie verstehen sich darauf, wie Friedrich von Schiller, selbst Professor, von der Wissenschaft, statt für die Wissenschaften zu leben, das heißt, um sich herum Apparate aufzubauen, Stellen zu schaffen, Karrieren zu ermöglichen sowie mithilfe von Geld- und Ideengebern dazu in der Lage, Macht auszuüben und Konkurrenten im Wettbewerb auszuschalten.

Die Eitelkeit und Streitlust der Gelehrten sind seit der Antike berüchtigt. Es ist oftmals nicht die Suche nach Wahrheit, die Forscher zu emsigem Streben verleitet, sondern die Aussicht, Macht im Zusammenhang mit den Mächtigen zu gewinnen. Statt selbstlosem, edlem Streben gibt es viele schlaue Streber, die Erfolg haben wollen. Der Erfolg ist der Ruhm des kleinen Mannes, der sich geschickt den Moden, Launen oder den Forderungen derer anzuschmiegen weiß, die beanspruchen, die Zukunft gestalten, verkrustete Strukturen aufbrechen oder alte Zöpfe abschneiden zu müssen, um Innovationen einzuleiten und die Neuzeit zur jeweils allerneuesten Neuzeit zu überholen.

Zweifelhafte Einigkeit
Neuer Dinge begierig zu sein, in Staat, Politik und Gesellschaft, ein Trieb, den die alten Römer für verwerflich, weil schädlich für jede vernünftige Ordnung, hielten, gilt jetzt als unersetzlicher Faktor, um nicht zu erstarren sowie in der ersten Liga auf vorderen Plätzen mitspielen zu können und der Gefahr entrückt zu sein, absteigen zu müssen. Diese schlichte Metapher veranschaulicht, dass Wissenschaftler und die Wissenschaften unter gar keinen Umständen im Elfenbeinturm verharren dürfen, vielmehr, stets ihre gesellschaftlichen Aufgaben im Blick, an das allgemeine Wohl und den öffentlichen Nutzen zu denken haben.

Worin beides besteht, darüber gibt es keine einhellige Meinung. Doch wenn alles, was von Politikern und Wirtschaftsführern unternommen wird, alternativlos ist, dann sollen Experten dafür sorgen, dass in der Konsensdemokratie diese Behauptung zum Konsens wird. Wer diese von Wissenschaftlern in Verbindung mit Politikern, Behörden, Wirtschaftsverbänden und den „Qualitätsmedien“ popularisierten Überzeugung nicht teilt, gerät schnell in den Verdacht, ein Wissenschaftsleugner und Schwurbler zu sein sowie Verschwörungstheorien anzuhängen.

Solche Vorwürfe sind ein schweres Geschütz, das einschüchtert und solche unruhigen Geister disziplinieren soll, die noch immer auf ihrer geistigen Selbstständigkeit bestehen und sich eigensinnig der Verantwortungsgemeinschaft entziehen, in der ein Element sich mit dem anderen verschränkt, um mit Synergieeffekten die Funktionstüchtigkeit unserer Werteordnung als umfassendes System einander ergänzender Subsysteme zu erhalten. Bei Bedarf suchen und finden sogenannte Experten bereitwillig Gründe, andere Experten, die sich dem politisch erforderlichen Konsens verweigern, zu diskreditieren und sie, im Einklang mit der systemrelevanten Fußballsprache, energisch auf ihre Abseitsstellung aufmerksam zu machen.

Dieses Verhalten erzeugt mehr Zweifel an der Seriosität der Wissenschaftler als die angebliche Borniertheit von unaufgeklärten Zeitgenossen, die noch alle fünf Sinne beisammenhaben und nicht sofort in Panik verfallen, sobald diese allseits verlangt wird, um soziale Gewissenhaftigkeit und ihr entsprechende Gesinnungstüchtigkeit in „unserer“ Wertegemeinschaft zu bekunden.

Den verloren gegangenen Glauben soll eine Wissenschaftsgläubigkeit mit umfassendem Autoritätsanspruch ersetzen, obgleich diese mit der Wissenschaft und ihrer Wissenschaftlichkeit gar nicht zu vereinbaren ist. Die Parteien und Politiker klammern sich an die Wissenschaft wie Ertrinkende an Planken, seit die überkommenen politischen und juristischen Ideen in ihrer Geschichtlichkeit und mit ihrer Vergänglichkeit immer weniger Halt bieten. Allerdings könnte ein Blick zurück in die Geschichte der Wissenschaften rasch darüber unterrichten, wie oft und wie leidenschaftlich Gelehrte irrten und als Irrende Kollegen deren Irrtümer vorwarfen.

Mit „der Wissenschaft“ an den Abgrund
Sämtliche sehr ernsthaften Torheiten unserer aufgeklärten Moderne sind mit wissenschaftlichen Theorien verknüpft gewesen. Der wissenschaftliche Sozialismus, der wissenschaftliche Antisemitismus, der Rassismus, die Vernichtung unwerten Lebens, Rassenhygiene, überhaupt viele fragwürdige Eingriffe in das Zusammenleben im Namen der Volksgesundheit, führen tief hinein in Verirrungen des wissenschaftlichen Geistes, der sich anmaßte, sämtliche Welträtsel lösen zu können, und mit solchen Beteuerungen unter Wissenschaftlern und ihrer wissenschaftsgläubigen Gefolgschaft erhebliche Verwirrungen anrichtete.

Allzu oft vergaßen gerade Naturwissenschaftler, dass sie meist nur den Staub sehen, den sie vor den Phänomenen aufwirbeln, aber nicht die Phänomene selbst erkennen. Die freien Wissenschaften wurden unvermeidlich in Dienst genommen, je mehr der Interventionsstaat sich seit der Französischen Revolution dazu berufen fühlte, in seinem Sinne ordnend und strukturierend in das gesamte Leben einzugreifen.

Seit jeher brauchten im Übrigen Staaten wissenschaftlich geschulte, virtuose Feinmechaniker, weil sie auf neue Waffen, Befestigungsanlagen oder Belagerungsmaschinen angewiesen sind. Heute nehmen die Verwissenschaftlichung und Technisierung der Kriege Ausmaße an, die noch vor einigen Jahrzehnten unvorstellbar waren. Im Zweiten Weltkrieg gehörten zum Beutegut der Sieger nicht nur deutsche Patente, sondern auch deutsche Forscher, die ihre Phantasie und Neugierde denen zur Verfügung zu stellen hatten, die sich ihrer Person bemächtigten und ihnen recht behagliche Lebensumstände zu bieten vermochten. Die Wissenschaften dienten nicht allein dem Zweck, den Lebensgenuss zu steigern, ohne sie wären die kriegführenden Mächte seit dem 20. Jahrhundert überhaupt nicht in der Lage gewesen, sich mit einem Horizont von Gräbern zu umgeben, weil fähig, in größter Seelenruhe Leben in größtmöglicher Zahl zu vernichten und die festen Grundlagen des Lebens für jene, die dem Tod entgehen, auf kürzere oder lange Zeit zu erschüttern.

Was Wissenschaft auszeichnet
Daran hat sich nichts geändert. Ein Wissenschaftler, der nicht mit der Waffenproduktion und mit der Vernichtung je nach der Situation politisch unwerten Lebens in Verbindung gebracht werden möchte, müsste mit der Unterstellung unpatriotischen Verhaltens rechnen, pflichtvergessen „unsere“ Wertegemeinschaft in Schwierigkeiten zu bringen sowie auf diese Weise Schurken und Verbrechern Vorteile zu verschaffen. Waffen und deren raffinierte Effizienz sind unersetzliche Mittel, von Ungeistern bedrängte Menschen vor Schrecken zu bewahren.

Es zeichnet den Wissenschaftler aus, sich dessen stets bewusst zu bleiben und für die gute Sache mutig und einfallsreich zu streiten. Seit der beginnenden Industrialisierung sahen sich die Wissenschaftler genötigt, zum Fortschritt das ihre beizutragen und sorgsam die „Lebensqualität“ zu steigern – ein löbliches Ziel und zugleich ein kämpferisches, da es nicht nur um neue Arzneien, Geräte oder Maschinen ging. Im Wettbewerb der Nationen garantiert wissenschaftliche Leistungsfähigkeit und Einsatzbereitschaft einen bevorzugten Platz in der Oberliga der Staaten.

Mühelos ließ und lässt sich alles, was mit dem Menschen und dem Leben zusammenhängt, verwissenschaftlichen. In seinem Alltag mit seinen Nöten und Unvollkommenheiten entwickelte sich beim Verbraucher, auf seine Gesundheit bedacht und auf Ruhe vor ärgerlichen Störungen, eine anspruchsvolle Erwartung, dass „die Wissenschaft“ dazu da sei, ihn vor jeder Unbill zu bewahren. Parteien, Regierungen, Verbände unterstützen ihn in dieser Haltung. Insofern sind die Wissenschaftler dauernd dazu angehalten, auf alle Wünsche angemessen zu reagieren. Doch sollten sie sich nicht nur als funktionstüchtig erweisen, sondern als bewährte und gefragte Kompetenzträger stets auch Respekt erwarten. Das macht die besondere Würde der ehedem freien Wissenschaftler aus.

Dr. Eberhard Straub ist Historiker und Publizist. Zu seinen Werken gehören „Zur Tyrannei der Werte“ (2010) sowie „Der Wiener Kongress. Das große Fest und die Neuordnung Europas“ (2014, jeweils Klett-Cotta).
www.eberhard-straub.de


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Kommentare

sitra achra am 05.12.23, 13:48 Uhr

Als Fazit zu diesem sehr klugen Artikel fällt mir potzblitz Sokrates Diktum ein: Ich weiß, dass ich nicht weiß.
Man mag sich zwar beklagen, dass der Mensch in seiner Struktur trotz wissenschaftlichen Fortschritts stets der gleiche bleibt, auch wenn er vermeint, fortschrittlich Bäume auszureißen, aber der alte Adam ist höchst resistent gegenüber soziokultureller Entwicklung. Vielleicht kann eine Art genetischer Transformation a la Professor Klaus diese Art der Dysgenik durch Genchirurgie ein wenig lindern. Ansonsten the same procedure as every age: Wissen ist Macht, Nichtwissen macht nichts (alter Spontispruch).

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