20.09.2021

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
Ein anderer Blick auf die Ereignisse vor über hundert Jahren: Diese Illustration aus dem „Le Petit Journal“ zeigt einen Herero-Überfall auf deutsche Siedler im Jahre 1903
Foto: akg imagesEin anderer Blick auf die Ereignisse vor über hundert Jahren: Diese Illustration aus dem „Le Petit Journal“ zeigt einen Herero-Überfall auf deutsche Siedler im Jahre 1903

Geschichte und Gesellschaft

Genozid oder Notwehr?

Wie ist die Niederschlagung der Herero und Nama durch kaiserliche Truppen vor über hundert Jahren zu bewerten? Wer sich Zahlen und Zusammenhänge der damaligen Ereignisse ansieht, kommt zu differenzierteren Ergebnissen als heutige Politiker

Wolfgang Reith
02.06.2021

Nun hat sich Deutschland doch erweichen lassen: Es erkennt einen fragwürdigen Völkermord im heutigen Namibia in den Jahren 1904 bis 1907 an und zahlt dafür in den nächsten 30 Jahren 1,1 Milliarden Euro. Da die Verhandlungen zwischen den Regierungen beider Staaten erfolgten, ohne die Nachkommen der betroffenen Bevölkerungsgruppen (Herero und Nama) einzubeziehen, haben diese bereits angekündigt, den Kompromiss nicht mitzutragen. Wenn Bundespräsident Steinmeier nach Namibia fliegt, um offiziell um Entschuldigung zu bitten, wollen sie massiv demonstrieren, da seine Anwesenheit unerwünscht sei.

In der Tat ist unklar, ob es sich beim Krieg gegen Herero und Nama juristisch um einen Genozid handelte, zumal horrende Zahlen ins Spiel gebracht werden, die jeglicher Realität entbehren. Von mindestens 75.000 Opfern ist die Rede. Selbst das berüchtigte Blaubuch nach dem Ersten Weltkrieg verstieg sich nicht zu solchen Zahlen, und auch bei DDR-Historiker Horst Drechsler fallen sie geringer aus. Die Quellenlage ergibt nämlich ein sehr viel differenzierteres Bild.

Der in Deutsch-Südwestafrika tätige Missionar Irle nannte 1874 und damit vor der Kolonialzeit eine Gesamtzahl von 70.000 bis 80.000 Herero, ebenso Landeshauptmann Leutwein 1894, der zehn Jahre später aber nur noch 60.000 Herero schätzte. Missionar Bernsmann sprach 1880 von 50.000 Angehörigen des Hererovolkes, Leutnant Eggers 1895 von 45.000 und Oberleutnant Streitwolf 1902 gar von nur 23.000. All diese Zahlen betreffen die Zeit vor 1904. Für das Jahr 1906 wird eine Zahl zwischen 17.000 und 20.000 genannt, die Krieg, Flucht, Hunger, Seuchen und Krankheiten überlebt hatten. Das stimmt in etwa mit der Zahl von 1926 überein, als man das Volk der Herero auf rund 20.000 Personen schätzte. Brigitte Lau, frühere Archivarin in Windhoek und bestens vertraut mit der Materie, hielt 1989 die Zahl von 70.000 bis 100.000 Herero vor dem Krieg für zu hoch, die der Überlebenden mit 17.000 für zu niedrig. Sollten sich nämlich, wie mehrfach behauptet, 50.000 Herero am Waterberg versammelt haben, wo seien dann die übrigen 20.000 bis 50.000 Personen gewesen, argumentierte sie.

Wenn in diesen Tagen „Kolonialforscher“ gar von 100.000 Opfern sprechen, so hätte es 1908 kaum noch lebende Personen der besagten Volksgruppen geben können. Denn die Bevölkerungszahl im Machtbereich der deutschen Kolonialverwaltung lag insgesamt nur unwesentlich darüber. Folglich darf hinter den heute genannten Zahlen ein „System“ vermutet werden, das sich in der neueren deutschen Geschichtsschreibung häufig abzeichnet: Die Zahlen deutscher Opfer werden im Laufe der Jahre immer weiter reduziert, während man bei von Deutschen verübten Taten die Opferzahlen nach oben „korrigiert“.

Im Fall Namibias kommt ein Faktor hinzu, der gerne ausgeblendet wird: Es waren die Herero und Nama, die dem Deutschen Reich den Krieg erklärten, welches sich dann zur Wehr setzte. Der damalige Bundestagspräsident Lammert wies bei seinem Besuch in Windhoek 2015 darauf hin, dass man bei allem der indigenen Bevölkerung zugefügten Leid die deutschen Opfer nicht vergessen dürfe, Farmer und ihre Familien, die während der Aufstände ab 1904 von Herero und Nama zum Teil bestialisch ermordet wurden. Man kann den Abwehrkampf der Kaiserlichen Schutztruppe daher durchaus als Notwehrhandlung bezeichnen, der nach dem Völkerrecht gerechtfertigt war, was bei der gegenwärtigen „politischen Korrektheit“ natürlich keine Gültigkeit besitzt.

Zuletzt erhebt sich die Frage, warum Reparationszahlungen für die Regierungen der anderen ehemaligen deutschen Kolonien keine Rolle spielen, ja solche Forderungen gar nicht erst auftauchen. Tansania (früher Deutsch-Ostafrika) hat schon lange erklärt, dass es im Verhältnis zu Deutschland in die Zukunft schauen will und die Vergangenheit als abgeschlossen betrachtet – obwohl sich in den Jahren 1905 und 1906 auch dort die eingeborene Bevölkerung gegen die Kolonialherrschaft erhob (Maji-Maji-Aufstand) und dabei zahlreiche Opfer zu beklagen hatte. Und in Kamerun oder Togo wird heute die deutsche Kolonialzeit – im Vergleich mit der französischen Verwaltung nach 1920 – als eher „segensreich“ betrachtet.

Wolfgang Reith ist Studienrat und Schulleiter a.D., Autor und Präsident der Afrika-Fördergesellschaft. 2017 erschien „Die Oberhäuptlinge des Hererovolkes. Von den Anfängen der Hererokultur bis zum Machtkampf der Gegenwart“.



Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ gern mit einer

Anerkennungszahlung


Kommentare

Hein ten Hof am 09.06.21, 12:06 Uhr

Bei Interesse im Netz: "Deutsche Bindestrich Schutzgebiete Punkt de", eine Fülle an wirklich sehr guten Informationen auch über den Herero Aufwand 1904.
War irgendwie wohl doch etwas anders.
politiker, wie Fischer oder Wieczorek-Zeul kommen in dem Artikel auch zu Wort. Recht interessant.

U.a. wird der Begriff Schutzgebiete erläutert.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Film "BRD made in USA" immer wieder aufgekocht wird. Nach dem Motto *Noch eine Runde für die Damenkapelle, der Herr im blauen Anzug zahlt.*
Für die Engländer wäre dies ein "gullible Fritz". Wie immer.

Das im Artikel erwähnte Blaubuch (Grossbritannien) sollte für Versailles lediglich beweisen, dass die Deutschen unfähig sind Kolonien zu bewirtschaften. Es wurde eingestampft nachdem der Zweck erfüllt war.

Persönlich kann ich nur sagen, dass ich einige Male in den ehemaligen afrikanischen Deutschen Kolonien gewesen bin. Schon als Jugendlicher vor einigen Jahren. Überall waren wir gern gesehen und angesehen , allein wegen der Nationalität.

sitra achra am 03.06.21, 12:49 Uhr

Die Darstellung der Ereignisse im ehemaligen Deutsch-Südwest durch sogenannte Kolonialforscher ist eine pure verleumderische Farce. Von Genozid zu reden ist eine einzige Unverschämtheit, die die wahren Genozide, z.B. die Ausrottung der meisten indianischen Stämme (Neusprech "Indigenen") in Nordamerika oder die 20 Millionen von den Briten ermordeten Inder während der britischen Kolonialzeit und und und... in ihrer Bedeutung
verharmlost. Ein Schlag ins Gesicht der Opfer.
Tatsache ist auch, dass ab 1914 Hereros und Nama von den Briten zum Aufstand anhand fragwürdiger Versprechungen, die man ihnen machte, aufgehetzt wurden. Die Folge waren schreckliche Massaker an deutschen Zivilisten. In den gleichen Zeitraum fällt der unter ähnlichen Umständen der von den Briten initiierte sogenannte Bastardaufstand.
Nach der verlorenen Schlacht am Waterberg drangen die Häuptlinge der Hereros darauf, ihren Stamm durch die Wüste nach Südafrika zu führen, obwohl die Deutschen ihnen weitestgehend Strafverschonung versprochen hatten. Die luftigen Versprechungen der Engländer auf ein angenehmes Leben in South Africa waren allerdings verlockender, sodass durch fehlende Orientierung beim Queren der Wüste die Katastrophe eintrat.
Dies den Deutschen anzulasten, ist eine Ungeheuerlichkeit. Wenn es jemanden gibt, der sich reuigst entschuldigen und Reparationen leisten müsste, sind es die Anstifter und Verursacher dieses tödlichen Exodus.
Die unüberlegte und schnoddrige Übernahme der Schuld durch die aktuelle Politik beweist die Charakterlosigkeit der politischen Führung in diesem Land und ihre generelle Verachtung der Werte und Traditionen des deutschen Volkes. Man darf von ihnen schon als der fünften Kolonne des Deutschenhasses sprechen.
Die eine Milliarde, die so mir nichts dir nichts zum Fenster hinausgeworfen wird, sollte den künftigen zwangsenteigneten deutschen Farmern zugute kommen.
Meine Informationen zu diesem Thema habe ich hauptsächlich dem Reprint des Buches "Der Feldzug in Südwest 1914/15" von Dr.Hans von Oelhafen und dem Artikel "Krieg gegen den Terror statt Völkermord" in der PAZ vom 11.01.14 entnommen.

Tom Schroeder am 02.06.21, 15:07 Uhr

Es ist wie immer: Da haben deutsche Bürger in vergangenen Zeiten ihre Mordlust und Gier hemmungslos ausgelebt und heute wird mit viel Geschrei und medialem Tamtam versucht den "Nachfahren" in die Tasche zu greifen. Ich war weder da dabei, noch im WK2 oder sonst derartiges. Ich setze mich dafür ein, dass hier so was nicht passiert, aber warum soll ich für die Verfehlungen meiner Ur-Urgroßeltern bezahlen, die waren höchstwahrscheinlich auch nicht daran beteiligt, wenn man diese Logik dennoch weiter verfolgt - ich arbeite für mein Geld! Genug bezahlt - wenn schon, dann sorgen wir HIER und JETZT für die akut bedrohte Sicherheit unserer jüdischen Mitbürger und helfen dem Staat Israel sich gegen die ständige existentielle Bedrohung durch seine "Nachbarn" zu behaupten. Das ist die richtige Konsequenz aus heutiger Sicht betrachtetem früherem verwerflichen Handeln, nicht eine Ablasszahlung und dann wieder Augen zu daheim!

Kommentar hinzufügen

Captcha Image

*Pflichtfelder

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag. Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!