28.11.2022

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Geschichte über polnische Aufstände nur aus polnischer Sicht

Deutsche gedachten aller Opfer – Vorsitzender des Dachverbands der Deutschen Minderheit erhielt Morddrohungen

Chris W. Wagner
17.07.2022

Am Sankt Annaberg in Oberschlesien [Góra św. Anny], wo vor 101 Jahren die blutigen Kämpfe der Polnischen Aufstände stattfanden, gedachten deutsche Oberschlesier am 5. Juli dem Geschehen von damals. Es ist genau der Tag, an dem 1921 die Waffen zum Schweigen kamen. Dieses Datum nahm die Führung der Deutschen Minderheit im vergangenen Jahr zum
100. Jahrestag zum Anlass, aller Opfer zu gedenken. „Auch wenn der Friede zu der Teilung Oberschlesiens führte, wurde letzten Endes kein Blut mehr vergossen. Deshalb erinnern wir ganz bewusst an diesen Tag“, sagte Rafał Bartek, der Vorsitzende des Verbandes deutscher Gesellschaften in Polen und frisch gebackener Nachfolger Bernard Gaidas.

Bartek erinnerte daran, dass von 1922 bis 1939 eine Zeit herrschte, die einzigartig in der Geschichte Oberschlesiens war: Unabhängig seiner Nationalität hätte man in der Heimat bleiben und trotzdem in Polen oder Deutschland leben dürfen. Und trotzdem sei dies auch eine Zeit gewesen, wie Bartek betonte, in der viele Familien geteilt worden seien und viele in einem anderen Wohnort jenseits der neuen Grenze, aber innerhalb der Region, umgezogen seien, um in dem Staat zu leben, für den man sich in der Volksabstimmung 1921 ausgesprochen habe. „Das Traurige ist, und wir waren vor zehn, elf Jahren schon viel weiter, dass man darüber nicht offen sprechen kann beziehungsweise das Gefühl hat, man dürfe nicht offen darüber sprechen“, sagte er am Annaberg. Hierbei spielte er auf den im Juni einberufenen „Nationalen Tag der Schlesischen Aufstände“ an, der ab diesem Jahr an jedem 20. Juni polenweit gefeiert wird.

„Wir wollen die Geschichte Oberschlesiens nicht nur den Oberschlesiern erzählen, sondern auch in anderen Teilen Polens“, sagte Andrzej Sznajder, der Leiter des Institutes für Nationales Gedenken (IPN) Kattowitz, in einer Pressekonferenz am 7. Juni voller Pathos. Doch die angekündigte Geschichtserzählung erfolge nur aus polnischer Sicht und sei voller nationaler Propaganda, so Bartek.

Für die polnische „Aufklärungskampagne“ werden weder Mühe noch Kosten gespart. Mehr als 25 Publikationen und 600.000 Broschüren „informieren“ über die Aufstände und die Volksabstimmung. In 120 Städten werden Ausstellungen gezeigt. In der Aktion „Dir Polen“ (Tobie Polsko) werden Gräber polnischer Aufständischer mit weiß-roten Bändern geschmückt. „Die Aufständischen stehen für Glaube, Hoffnung und ein Wunder. Retten wir die Gräber der Schlesischen Aufständischen vor dem Vergessen“, heißt das Motto dieser Aktion, mit der einzig der für Polen Kämpfenden gedacht wird. In Vorbereitung ist unter anderem eine wissenschaftliche Ausgabe von mehr als 40 Reden Wojciech (Adalbert) Korfantys (1873–1939) im Schlesischen Sejm in den Jahren 1922 bis 1929. Der bei Siemianowitz/Laurahütte [Siemianowice Śląskie] geborene Journalist und Politiker war zuvor Mitglied des Deutschen Reichstags gewesen. Er war Gründungsinitiator der autonomen Woiwodschaft Schlesien.

Während der Feierlichkeiten am 20. Juni in Kattowitz wurde das Denkmal des „Lemberger Adler“ (Orlęta Lwowskie) und der Lemberger Kadetten im Beisein des römisch-katholoischen Erzbischofs von Lemberg, Mieczysław Mokrzyck,i eingeweiht. Als „Lemberger Adler“ werden polnische Kinder- und Jugendsoldaten bezeichnet, die während des polnisch-ukrainischen Krieges 1918 und 1919 sowie während des Polnisch-Sowjetischen Krieges von 1919 bis 1921 Lemberg [Lwiw] verteidigten, das heute in der Ukraine liegt.

Eine „Papsteiche“ wurde zum „100-jährigem Jubiläum der Rückkehr (sic!) Oberschlesiens zu Polen“ gepflanzt. Diese Eiche soll von Papst Franziskus gesegnet worden sein. Die deutsche Volksgruppe stehe einsam da, „wenn es um das Gedenken aller Opfer der militärischen Auseinandersetzungen von vor 100 Jahren geht“, bedauerte Bartek, den derzeit zusätzliche Sorgen plagen.

Eine E-Mail mit einer gegen ihn gerichteten Morddrohung erreichte den Verband deutscher Gesellschaften und zwei andere Organisationen der Deutschen Minderheit. „Die E-Mail ist so drastisch, dass wir uns entschieden haben, ihren Inhalt nicht zu veröffentlichen, um das Ausmaß der Hasssprache nicht zu erhöhen. Leider zeigt diese Nachricht, dass die aktuelle gesellschaftspolitische Situation einen erheblichen Einfluss auf die Wahrnehmung der Deutschen Minderheit in Polen hat“, sagte Bartek gegenüber dem „Wochenblatt.pl“, der Zeitung der Deutschen in der Republik Polen. Die betreffenden Organisationen der Deutschen reichten bei der Staatsanwaltschaft eine Anzeige wegen des Verdachts einer Straftat gegen Unbekannt ein.



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Kommentare

Chris Benthe am 22.07.22, 13:06 Uhr

Ich habe es satt, das Gefasel von Versöhnung und Verständigung, wenn dabei immer wieder Deutsche den Kürzeren ziehen, während der polnische Nationalismus - wieder einmal - fröhliche Urständ feiert, siehe Westukraine.
Polen fühlt sich - wieder einmal - stärker als es real ist, im Windschatten windiger Garantiemächte, dieses Mal sind es die USA. Das ist gefährlich und muss öffentlich diskutiert werden. Wieder einmal könnte ein selbstüberschätztes Polen die mittreibende Kraft eines Weltkonfliktes werden. Und was den heiligen Johannes Paul betrifft, der würde sich im Grabe umdrehen.

Waffenstudent Franz am 18.07.22, 22:46 Uhr

Polnisches Kampflied von 1848

Brüder, Sensen in die Hände!
Auf zum Kampfe laßt uns eilen!
Polens Knechtschaft hat ein Ende.
Länger wollen wir nicht weilen.
Sammelt Scharen um Euch alle.
Unser Feind der Deutsche falle!

Plündert! raubet! senget!
Laßt die Feinde qualvoll sterben!
Wer die deutschen Hunde hänget,
wird sich Gottes Lohn erwerben.
Ich, der Probst, verspreche Euch
fest das ewge Himmelreich.

Jede Sünd’ wird Euch vergeben,
selbst der wohlbedachte Mord,
den der Polen freies Leben
unterstützt von Ort zu Ort!
Aber Fluch dem Bösewicht,
der vor uns für Deutschland spricht.

Polen soll und muß besteh’n!
Papst und Gott verspricht es mir.
Rußland, Preußen muß vergeh’n.
Heil dem polnischen Panier!
Darum jauchzet froh darein
„Polska zvie“ groß und klein!

Ralf Pöhling am 17.07.22, 17:28 Uhr

Einen freundlichen Gruß an die Polen. Ich erinnere im Zusammenhang mit dem obigen Artikel an den 22. September 1984, als Helmut Kohl und François Mitterand sich als Stellvertreter ihrer beiden großen Nationen zur Versöhnung auf dem Soldatenfriedhof von Verdun die Hand gaben. Deutschland und Frankreich waren über Jahrhunderte Erzfeinde, die sich immer wieder gegenseitig ihre Gebiete streitig machten. Die Knochenmühle von Verdun hatte während des ersten Weltkrieges über 700.000 Opfer gefordert. Auf beiden Seiten. Mit dem Handschlag zwischen Kohl und Mitterand an jenem geschichtsträchtigen Ort, wurde die Erzfeindschaft ad acta und damit der eigentlich ursprüngliche Grundstein der Europäischen Union, die den Krieg zwischen den Europäern auf alle Zeit ausschließen sollte, gelegt. Dieser Grundstein ist leider mittlerweile unter dem Umverteilungs- und Regulationswahn der EU Bükokraten verschüttet worden und damit aus dem Blick der Öffentlichkeit verschwunden. Ich halte es für zielführend, ihn wieder freizulegen, denn was zwischen Deutschen und Franzosen wunderbar funktioniert hat, funktioniert auch zwischen Deutschen und Polen. Dafür braucht es aber auf beiden Seiten Offenheit, keine einseitige Geschichtsschreibung und keine Agression. Deutsche und Franzosen haben ihren Frieden geschlossen und Franzosen leben heute in Deutschland, wie auch Deutsche in Frankreich völlig unbehelligt und vollkommen unabhängig früherer Zwistigkeiten bezüglich alter Gebietsansprüche. Es hat schlicht keine Bedeutung mehr. Genau dies sollte auch das Ziel für die Polen und die Deutschen sein. Jede Nation braucht ihren eigenen, gesunden Patriotismus. Aber jede Nation sollte auch ehrlich und lückenlos mit der eigenen Vergangenheit umgehen. Nur so öffnet sich die Tür zum Dialog, der dauerhaften Frieden und eine stabile Freundschaft erst ermöglicht. Letzten Endes ist es genau das, was die Europäische Union eigentlich herbeiführen sollte. Daran sollten wir gemeinsam arbeiten. Unsere Feinde stehen nicht innerhalb der EU, sondern außerhalb.

sitra achra am 17.07.22, 11:56 Uhr

Wenn sich ein Gedenken gegen eine andere Nation richtet, kann es mit der Eigenliebe nicht weit her sein. Eine solche
nationalistische Verirrung ist schlicht und einfach erbärmlich und zeugt nicht von Vaterlandsliebe, sondern projiziertem Eigenhass. Uneuropäisch ist dieser Exzesss obendrein und passt nicht in die Moderne.
Polen hat auf diese chauvinistische Art und Weise fertig.

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