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Belgrad

Geschichtsträchtiges Tor zum Balkan

Von römischer Planstadt zum Mini-Dubai an der Save – Ein Besuch in der serbischen Hauptstadt

Helga Schnehagen
31.03.2023

Der Balkan beginnt mitten in Belgrad. Die Stadt liegt genau am Schnittpunkt der Pannonischen Tiefebene mit den Dinariden, dem dominierenden Gebirge der Balkanhalbinsel. Belgrad hat eine lange, bewegte Geschichte. Sie begann irgendwann als Siedlung vor 7000 Jahren in der Jungsteinzeit und setzte sich fort bis zur jetzigen Hauptstadt der 2006 gegründeten Republik Serbien.

Bis dahin soll die „Weiße Stadt“, so ihr Name übersetzt, 150-mal angegriffen worden sein, zuletzt 1999 durch die NATO im Zuge des Kosovokrieges. Oberflächlich sind die Wunden verheilt. Bei genauem Hinsehen sind die Kriegsruinen jedoch nicht gänzlich aus dem Stadtbild verschwunden und ragen, weder abgetragen noch wiederaufgebaut, mahnend empor.

Wer auf dem Belgrader Nikola-Tesla-Airport landet, findet sich auf einer ganz anderen Baustelle wieder. Das wird noch eine Weile so bleiben. Der französische Flughafenbetreiber Vinci, der vom serbischen Staat eine Konzession über 25 Jahre erworben hat, investiert aktuell 730 Millionen Euro in den Ausbau und die Erneuerung, denn er erwartet in den kommenden Jahren ein deutliches Wachstum.

Auch die KfW-Tochter DEG ist an dem Projekt beteiligt. Sie stellte Vinci ein langfristiges Darlehen über 22,4 Millionen Euro bereit. Daneben schmiedet die serbische Regierung schon Pläne für einen neuen größeren Flughafen an anderer Stelle. Zusätzlich ist etwa 80 Kilometer nördlich in Novi Sad, deutsch: Neusatz, ein internationaler Flughafen geplant.

Fischähnliche Menschen

Jeder fünfte Einwohner Serbiens wohnt heute in Belgrad, das mit 1,7 Millionen Einwohnern etwa ebenso viele hat wie Budapest in Ungarn. Damit stehen die beiden Hauptstädte unter den Donaumetropolen nach Wien an zweiter Stelle. In dem modernen, mit Hochhäusern versetzten Stadtbild sorgt eine ganze Reihe grüner Oasen und Brunnen mit hoch aufschießenden Fontänen für erfrischende Kontrapunkte. Seinen ganzen Charme versprüht Belgrad jedoch in der Altstadt.

Serbien ist eine äußerst reiche Kulturlandschaft, deren Rang erst langsam ins westliche Bewusstsein vordringt. Daher lohnt es sich, als erstes das Nationalmuseum am Platz der Republik zu besuchen. Der Rundgang führt chronologisch von der Vor- und Frühgeschichte über das Mittelalter bis zum Ersten Serbischen Aufstand im Jahr 1804. Parallel dazu zeigt die reich bestückte numismatische Sammlung anhand von Münzen, Medaillen und Geldscheinen die Historie auf ihre Weise. Die ältesten auf dem Gebiet des heutigen Serbiens entdeckten Münzen wurden unter griechischem Einfluss vom autochthonen paionischen Stamm der Derronen Anfang des 5. Jahrhunderts v. Chr. geprägt.

Gleich zu Beginn fällt der Blick auf das in einen Modell-Kopf eingefügte, über 400.000 Jahre alte Kieferknochen-Fragment eines Homo heidelbergensis, der ältesten bisher entdeckten Bewohner auf dem Balkan. Dann taucht man ein in die neolithischen Funde aus Starčevo, 27 Kilometer östlich von Belgrad, Vinča, 16 Kilometer südöstlich, sowie Lepenski Vir am Eisernen Tor an der Donau.

Eine touristische Attraktion sind die über 8000 Jahre alten Stein-Figuren mit fischähnlichen Menschenköpfen aus Lepenski Vir. Sie gelten als Europas erste Monumental-Skulpturen. Sogar als „Wiege des frühen Europa“ bezeichnen Archäologen die nur wenig jüngere Vinča-Kultur mit ihren ungewöhnlichen weiblichen Götterfiguren. Sie beansprucht nicht nur, die prächtigste Kultur der Jungsteinzeit in diesem Gebiet zu sein, sondern auch die höchst entwickelte im prähistorischen Europa.

Emblematisch für die Bronzezeit ist nicht der großartige Goldschmuck aus verschiedenen Fundstätten, sondern ein mit Vogelsymbolen versehener tönerner Kultwagen aus dem 16. bis 13. Jahrhundert v. Chr., der beim Dorf Dupljaja, 95 Kilometer östlich von Belgrad, gefunden wurde. Selbst der Wagenlenker besitzt ein Vogelgesicht.

Ferienstraße der römischen Kaiser

Die Eisenzeit beeindruckt mit den Funden der vermeintlichen Königs-Nekropole von Trebeništa am Ohrid-See, heute Nordmazendonien. Der Bronzekrater aus dem 6. bis 5. Jahrhundert v. Chr. gehört neben dem Krater von Vix im archäologischen Museum von Châtillon-sur-Seine/Frankreich zu den besten seiner Art. Die goldene Totenmaske erinnert an die der Makedonen-Könige.

Eindrucksvolle Begleiter in die Unterwelt sind auch die etwa gleichalten Bernsteinfiguren aus dem Fürstengrab von Novi Pazar in Südserbien. Herausragend sind die dreieckigen Platten mit eingravierten mythologischen Szenen, die als Kopf- oder Brustschmuck getragen wurden. Der Bernstein kam aus dem Baltikum, Hersteller waren vermutlich Griechen aus Süditalien.

Die Sammlung aus der Römerzeit gipfelt zweifelsohne in dem Bronzekopf von Konstantin dem Großen und der Belgrader Kamee, auf welcher der Imperator zu Pferde über gefallene Barbaren triumphiert. Serbiens größter Schatz aus der Zeit Konstantins, drei vergoldete spätrömische Prunkhelme, wird dagegen nicht in Belgrad, sondern im Wojwodina-Museum von Neusatz ausgestellt.

In der Spätantike war das heutige Serbien ein wichtiges Grenzgebiet des Römischen Reichs. Entlang des Donaulimes entstand eine Vielzahl befestigter Militärlager. An den Kreuzungen der Handelsstraßen erwuchsen reiche Städte, und mindestens 16 römische Kaiser, vor allem des 3. und 4. Jahrhunderts, erblickten hier das Licht der Welt. Zu ihnen gehörte auch Konstantin der Große, der um 280 in Niš geboren wurde. Die „(Ferien-)Straße der Römischen Kaiser“ zwischen der antiken Kaiserresidenz Sirmium im Norden und der römischen Provinzhauptstadt Justinijana Prima im Süden folgt eindrucksvoll ihren Spuren.

Belgrads römische Geschichte begann im ersten Jahrhundert v. Chr. mit der Eroberung der keltischen Siedlung Singidunum. Mit dem Einzug der IV. Legion des Flavius im Jahr 86 erlebte die römische Stadt ihre größte Blüte. In dieser Zeit wurde auch die erste Festungsanlage aus Stein errichtet. Der Weg zum weitläufigen Kalemgedan-Park mit dem bis ins 18. Jahrhundert ausgebauten Bollwerk führt durch das Herz der Altstadt.

Vom Platz der Republik bummelt man über die Fürst-Michael-Straße direkt drauf zu. Die Fußgängermeile Knez Mihailova ist Belgrads Prachtstraße. Die prunkvollen Fassaden ihrer Gründerzeit-Bauten, die zwischen 1870 und 1925 entstanden sind, zeugen vom Reichtum ihrer Erbauer und Bewohner. Hier flanieren nicht nur Einheimische entlang eleganter Geschäfte und zahlloser Restaurants, hier folgen auch Touristengruppen aus der ganzen Welt aufmerksam ihrem jeweiligen Stadtführer, darunter viele deutsche.

Kafana reiht sich an Kafana

Von den Aussichtspunkten des Kalemgedan aus liegt einem Belgrad zu Füßen. Der Blick fällt auf den Zusammenfluss von Save und Donau sowie die unter Naturschutz gestellte Große Kriegsinsel an ihrer Mündung, auf die beliebten Floß-Restaurants am Save-Ufer, auf den barocken Glockenturm der Orthodoxen Kathedrale in Alt-Belgrad und die futuristische „Waterfront“ in Neu-Belgrad.

„Belgrad am Wasser“ ist ein gigantisches futuristisches Neubauprojekt mit Wohnungen, Hotels, Büros, Geschäften, Lokalen und vielem mehr. Ein Mini-Dubai an der Save im Wert von rund 3,5 Milliarden Dollar, das 2014 von der serbischen Regierung und dem Immobilieninvestor Eagle Hills aus Abu Dabi begonnen wurde und von weiteren Partnern in den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt wird. Zentraler Punkt ist der Belgrad Tower, Kula Belgrad, ein 42-stöckiger, 168 Meter hoher Wolkenkratzer, der schon jetzt das neue Wahrzeichen der Stadt ist.

Nostalgiker, die lieber über Kopfsteinpflaster gehen und traditionelle urbane Atmosphäre suchen, kehren zurück zum Platz der Republik und tauchen ein in die Altstadt. In Belgrads ältestem Viertel Dorćol gleich neben dem Knez Mihailova folgen die Straßen bis heute dem rechtwinkligen Grundriss der römischen Stadt mit der Kreuzung der alten Handelsstraßen in alle Welt.

Das angrenzende Skadarlija-Viertel wird von der pittoresken Skadarska Straße bestimmt. Hier reiht sich Kafana an Kafana. Kafane sind ein Erbe der Osmanenzeit, gemütliche Cafés und Gasthäuser, in denen heute serbische „Hausmannskost“ serviert wird. Vor 100 Jahren trafen sich hier Dichter, Schriftsteller und Maler. Die Lokale haben sich seitdem kaum verändert. Dieses liebenswerte Montmartre-Milieu sollte man sich in Belgrad unbedingt gönnen.

• Tourist-Info, Knez Mihailova 56, Internet (deutsch): www.serbia.travel/de


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