23.05.2024

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Studie

Getriebene der weltpolitischen Verwerfungen

Das 20. Jahrhundert war ein Zeitalter von Flucht und Vertreibung, in dem Millionen Menschen aufgrund von Krieg und Verfolgung ihre Heimat verlassen mussten. Jakob Schönhagen entwirft nun ein Bild der internationalen Flüchtlingspolitik von 1945 bis 1975

Peter Steinbach
15.10.2023

Karl Marx hat einmal bemerkt, dass es sich bei der Wiederholung historischer Tragödien oftmals um nicht mehr als eine „lumpige Farce“ handele. Das mag für Elitenkonflikte, bei denen es um den Sturz der Mächtigen geht, durchaus gelten. Wenn es jedoch um Flucht und Vertreibung geht, liegt eine derartige Deutung neben der Sache.

Vertreibung und Flucht, Zwangumsiedlungen und Bevölkerungsaustausch stellen menschliche Tragödien dar und wirken traumatisch nach. Sie stehen für eine Entwurzelung, die irreversibel ist, nicht selten neue Kriegsanlässe in sich birgt und Individuen als Opfer der Inhumanität bis in die dritte Generation hinein belastet. Deshalb galt der Status des Vertriebenen in Deutschland nach 1945 als übertragbar auf die nachfolgenden Generationen, gleichsam als Manifestation einer Verantwortung und einer Leiderfahrung, die nicht einfach abgeschüttelt werden konnten. Heute werden Flucht und Vertreibung wie ein administratives Problem behandelt. Es geht um Quoten und Hilfen, um Verteilung und „Deckelung“.

Objekte der internationalen Politik
In seiner unlängst erschienenen Studie widmet sich der Freiburger Historiker Jakob Schönhagen der Geschichte der internationalen Flüchtlingspolitik. Schönhagen macht darin unter anderem deutlich, in welchem Maße Flüchtlinge „Objekte“ der internationalen Politik blieben, die „Aufnahmegesellschaften“ hingegen erstaunlich von Pflichten und Verantwortung befreit wurden. Beim Lesen der Gesamtdarstellung geht der Blick in die Kriegsjahre zurück, als die Alliierten die Verantwortung für die zwölf Millionen Vertriebenen der Politik und der Bevölkerung zuschrieben. Diese hätten die Voraussetzungen der „deutschen Katastrophe“ zu tragen und deshalb den Vertriebenen Dach und Unterkommen zu verschaffen. Eine internationale Verantwortung wurde allmählich nur für die „Displaced Persons“, die Zwangs- und Fremdarbeiter, die überlebenden KZ-Häftlinge und die Kriegsgefangenen übernommen.

Der Gedanke unteilbarer Menschenrechte und menschlicher Würde, die Einsicht in das individuelle Leiden konnten sich erst mit der Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 durchsetzen. Die Vertriebenen und Ausgesiedelten fühlten sich in der Regel nicht aufgenommen, sie blieben isoliert und spürten die Ablehnung der Zufluchtsgesellschaft, die sich lange der Einsicht verweigerte, dass der Entwurzelte beheimatet werden muss. Heute sprechen wir von Integration durch Arbeit, Sprache, Bildung und gegenseitigem Verständnis. Beheimatung wird nicht ohne Aufnahmebereitschaft gelingen, sie ist keine Selbstverständlichkeit, denn die Bevölkerung in den Zufluchtsgebieten fühlt sich nicht selten durch Integrationsmaßnahmen benachteiligt.

Fluchtbilder wecken Erinnerungen an eine Wirklichkeit, die nach wie vor auch in der Erinnerungsgeschichte der Deutschen spürbar bleibt. Diese lässt sich nicht durch abstrakte Begriffe angemessen erfassen und lebensgeschichtlich verstehen, schon gar nicht, wenn man nicht in der Lage ist, kollektive Konsequenzen politischer Fehlentwicklungen auf das immer individuelle menschliche Leiden zu beziehen, das sich in Erinnerungen der damaligen Jüngsten an die Flucht niederschlägt.

Schönhagen lenkt nun den Blick auf die Flüchtlingsgeschichte in den Jahrzehnten zwischen 1945 und 1975. Er konzentriert sich auf das politische Handeln von Regierungen, Organisationen und Administrationen. Das wirkt politologisch, abstrakt, zuweilen distanziert und lebensfern. Bei erzwungener Flucht, Enthausung und Entheimatung, bei erzwungener Vertreibung und Umsiedlung handelt es sich um Gewalttaten, nicht um eine kategorial zu begreifende Variante der Bevölkerungspolitik von Nationalstaaten und auch nicht um eine vertraglich verhandelte ethnische Säuberung. Im Kern geht es bei einer Auseinandersetzung mit der Flüchtlingspolitik darum, die Folgen kollektiver Gewaltanwendung zu beleuchten, die Vertreibungen begleitet. Es geht um die Auseinandersetzung mit einer Gewaltaktion, die im Zuge von Hilfsmaßnahmen politisch entschärft und humanitär gemildert wird, dabei aber oft dem Kalkül und der Logik des Kalten Krieges folgt.

Grundlagen der Hilfsbereitschaft
Eines der Ergebnisse der Studie ist die Einsicht in die keineswegs selbstverständliche Hilfsbereitschaft, die sich weniger an der individuellen Not orientiert, sondern vielmehr politische Zweckmäßigkeitserwägungen anstellt. Inzwischen hat sich die Weltöffentlichkeit an Massenfluchtbewegungen gewöhnt, unterscheidet vielleicht politische Verfolgung von wirtschaftlich bedingter Migration – und verliert dabei den Blick für die Folgen der Entwurzelung von (Bürger)kriegsflüchtlingen. Mitleid könne man nicht lernen, schrieb Theodor Fontane, um dann festzustellen, „... aber verlernen“. Wenn sich die Welt in den vergangenen Jahrzehnten augenscheinlich an den Exodus von Menschen gewöhnt hat, denn ist das eine Folge der fragilen Empathie all jenen gegenüber, die im 20. Jahrhundert durch Kriege und Bürgerkriege, durch Unsicherheiten, Verluste und eine ungeheure Brutalität geprägt wurden, und die in der Folge alle rhetorischen Selbstverpflichtungen auf Humanität und Zivilität als eine schwache Besänftigung des Weltgewissens ausweist und somit zugleich Lügen straft.

Überraschend an der Arbeit ist die zeitliche Begrenzung bis zum Jahr 1975. Denn dadurch werden die jüngsten flüchtlings- und integrationspolitischen Kontroversen ausgeblendet, die seit den achtziger Jahren an Brisanz gewannen. Eine gravierende Lücke einer Analyse „verschlungener Wege der internationalen Flüchtlingspolitik“ stellt auch der Verzicht auf die deutsche Nachkriegsgeschichte da, die mit Flucht, Vertreibung und Umsiedlung der Deutschen aus den Ostgebieten und der Massenflucht aus der SBZ und DDR lange Zeit die deutschen Vorstellungen von Flucht, Entheimatung und notwendiger neuer Beheimatung prägten.

Reflektiert wird hingegen die „Vorgeschichte“ nach dem Ersten Weltkrieg, als in Europa etwa 13 Millionen Menschen zur Flucht aus Russland und zur Umsiedlung aus der Türkei und Griechenland gezwungen waren. Vor allem die Situation im sowjetischen Machtbereich zeigt, wie diktatorische Systeme ethnisch begründete Konflikte verschärften und Volkstumskämpfe zu einem die europäische Ordnung belastenden und die Kriegsgefahren vergrößernden Problem machten. In jener Zeit der Bürgerkriege sind auch die Ursprünge der modernen Flüchtlingshilfe zu suchen. Alles zusammen führt diese Zeit den Autor zu seiner leitenden Frage: „Wie, warum und unter welchen Bedingungen entwickelte sich die anfangs als transitorisch wahrgenommene Flüchtlingsproblematik zu einem als ,Weltpolitik' verstandenen Phänomen, das die internationale Gemeinschaft mit einer global ausgreifenden Politik zu lösen versuchte?“

Zeitalter der Vertreibungen
Im Zentrum der Studie stehen allerdings die Fluchtbewegungen, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg ereigneten und „alle bis dahin gekannten Dimensionen“ übertroffen hätten. Die Hilfsorganisationen der Vereinten Nationen helfen zunächst bei der Rückführung der „Displaced Persons“, schließlich auch denen, die ihre „Repatriierung“ in Stalins Herrschaftsbereich aus Furcht vor Repressalien ablehnen, weil sie nicht in die sowjetisch beherrschten Staaten und ihre ihnen politisch fremd gewordenen Heimatgebiete zurückkehren wollen. Sie werden durch Ansiedlungsprogramme unterstützt, die jedoch bereits in den fünfziger Jahren weitgehend eingestellt werden.

Wegen der politischen Erklärungen, um die Außenpolitiker nie verlegen sind, werden ausgerechnet die deutschen Erfahrungen mit Flucht, Vertreibung und Aussiedlung sowie mit der Flucht aus der Sowjetischen Besatzungszone und aus der DDR auf der internationalen Bühne in jenen Jahren kaum diskutiert. Für die Weltpolitik handelt sich dabei weiterhin um ein deutsches Problem, um eine spezifische Weise. Dabei zeigt sich, dass nicht nur die Aufarbeitung des Nationalsozialismus einen gewissen „Sonderweg“ markiert, sondern auch die Bewältigung der Folgen einer Entheimatung und Integration von mehr als zwölf Millionen Menschen.

In den fünfziger Jahren scheint Flucht vor allem eine Folge neuer Staatsbildungen zu sein. Das zeigte sich nach der Unabhängigkeit von Bangladesch, nach der Separation von Pakistan und Indien sowie noch einmal nach dem Ende des Vietnamkrieges. Allerdings entsteht dabei allmählich auch eine sich über die Ziele der Flüchtlingsorganisationen hinwegsetzende weltbürgerliche Solidarität, die die menschlichen Dimensionen der Entrechtung, der Flucht und der Vertreibung erschließt und die Öffentlichkeit darüber informiert.

Diese Aspekte werden in der Geschichte der internationalen Flüchtlingspolitik allerdings nur gegen Ende gestreift. Im Zentrum der auf breiter Literaturgrundlage erarbeiteten Studie stehen die außen- und interessenpolitisch geprägten Antriebskräfte, die um Aushandlungen bemühten Institutionen, die „situativen“ Praktiken, die Regierungen, Expertengruppen und Organisationen, die die Flüchtlingspolitik als außen- und innenpolitisches Problem begreifen. Die Kriegs- und Bürgerkriegsflüchtlinge werden in „unzähligen Lagern, Einreisezentren und internationalen Asylbehörden“ aufgefangen, die „rund um den Globus“ entstehen, aber nicht im notwendigen und humanitär gebotenen Maß integriert.

Angesichts der tiefen Einschnitte, die jede Flucht bedeutet, hilft es nicht, sich bewusst zu machen, dass Menschen immer in Bewegung waren. Gewiss: Sie handeln, reisen, entdecken, erschließen und wandern, suchen neue Chancen, um der Not zu entkommen. Mobilität kann neue Lebenschancen eröffnen, kann Aufstieg, Wohlstand und neue Verwurzelung nach sich ziehen. Doch gilt das nicht für erzwungene Mobilität, die Sicherheit nimmt, Leben umstürzt und die Zukunft unsicher macht. Bereits im Alten Testament wird davon erzählt. Ganze Völker werden in Gefangenschaft und Knechtschaft geführt, zur Zwangsarbeit gezwungen. Wer entkommen will, muss Risiken eingehen und Gefahren entgehen, muss fliehen, sich in den Zufluchtsgebieten durchsetzen, neu beheimaten, sich integrieren. Zurück bleiben die Erinnerungen an Flucht, Vertreibung, Rettung. Sie werden wichtiger Bestandteil der kollektiven Erinnerung und oft mit dem Versprechen verbunden, aus der Geschichte zu lernen, Formen eines zivilisierten Zusammenlebens zu entwickeln und so eine erneute Vertreibung zu vermeiden.

Lehren der „deutschen Not“
All dies bewusst war dem ersten deutschen Vertriebenenminister Hans Lukaschek. Dieser war dem Kreisauer Kreis verbunden, sollte im Breslauer Wehrkreis als Beauftragter den Umsturz unterstützten und war insofern nach 1945 historisch unbelastet. Lukaschek fühlte sich als Anwalt der Vertriebenen und Ausgesiedelten, der Flüchtlinge. Er leistete einen der ersten wichtigen Beiträge zur Integration der aus dem Osten Vertriebenen, denn in seiner Amtszeit wurden das Lastenausgleichsgesetz und das Bundesvertriebenengesetz verabschiedet.

Hätte die internationale Flüchtlingspolitik sich daran orientiert und soziale Integrationsziele ähnlich konsequent verfolgt wie die – zeitlich oft befristeten – Schutzziele, wäre sie erfolgreicher und für die Menschen hilfreicher gewesen. Deshalb darf auch die Erinnerung an die deutsche Flucht und Vertreibung nicht in den Hintergrund gedrängt werden. Geraten diese jedoch aus dem Blick und aus dem Gedächtnis, schwindet die Erfahrung an eine Not, die man noch mit Erika von Hornstein in den fünfziger Jahren als spezifisch „deutsche Not“ bezeichnet hatte und die, wie sich seitdem gezeigt hat, exemplarisch die menschliche Vertreibungs- und Flüchtlingsnot beschrieb.

Prof. Dr. Peter Steinbach lehrte Politikwissenschaft und Geschichte an den Universitäten Passau, Karlsruhe und Mannheim sowie an der FU Berlin. Er ist Wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin.


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