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Verschmelzung von monarchischer Pracht und demokratischer Herrschaft: Die verstorbene Königin Elisabeth II. verliest – hier 2012 – in ihrer Thronrede das Regierungsprogramm. Neben ihr sitzend ihr Gemahl Prinz Philip
Foto: ddp imagesVerschmelzung von monarchischer Pracht und demokratischer Herrschaft: Die verstorbene Königin Elisabeth II. verliest – hier 2012 – in ihrer Thronrede das Regierungsprogramm. Neben ihr sitzend ihr Gemahl Prinz Philip

Monarchie

Glanz und Gloria des Dauerhaften

Der Tod der Queen bewegt weltweit die Menschen. Woher rührt die Begeisterung selbst vieler Nicht-Monarchisten für Monarchie und Krone? Zur Antwort gehört die Kontinuität im Amt und ein Stil, den Demokratien nicht bieten können

Eberhard Straub
18.09.2022

Wir leben in postmodernen, postchristlichen, posthumanistischen, postdemokratischen, auch schon in postfaktischen Zeiten – aber noch nicht in postmonarchischen. Noch immer gibt es Monarchien, die es, obschon angeblich veraltet, gut verstanden haben, sich im Wechsel der Zeiten mit erstaunlicher Überlebenskunst zu behaupten. In Spanien wurde gar die Monarchie 1976 wieder eingeführt, um dem neuen Spanien Legitimität zu verschaffen, die weit zurück reicht in die Geschichte.

Die meiste Aufmerksamkeit findet immer wieder das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland, jetzt wegen des Todes der Königin Elisabeth II. Die Queen stellte sich und ihre Regierung unter das im 14. Jahrhundert auf Deutsch formulierte Motto der Prinzen von Wales: „Ich dien“. Diese Devise war schon den Römischen Kaisern der Antike bekannt. Seit Seneca musste sich der Kaiser als Diener des allgemeinen Wohls verstehen; verpflichtet, wie ein niederer Sklave, zur Arbeit und damit zum Verzicht auf Selbstverwirklichung oder Authentizität. Das schloss gar nicht aus, dass ein Monarch sagen konnte: „Der Staat bin ich.“ Denn das meinte, ganz von sich abzusehen, ganz und gar in seinem Amt aufzugehen und mehr eine Idee zu verkörpern als eine unverwechselbare Person zu sein. Er veranschaulicht die Dauer des königlichen Staates. Denn der König stirbt nicht, weil er in seinem Nachfolger aufersteht und fortlebt.

Unabhängigkeit von den Konjunkturen des Zeitgeistes

Die Krone, die er trägt, ist das Sinnbild einer beständigen Ordnung, des status, von dem sich unser Staat ableitet, der das Stabile sichtbar machen soll. Königliche Herrschaft ist in diesem Sinne die ruhige Ausübung der Herrschaftsrechte. „Herrschen heißt sitzen – auf dem Thron, dem Amtssessel im Römischen Senat, dem Ministersitz, dem Heiligen Stuhl. Entgegen einem harmlosen Zeitungsschreiber-Standpunkt ist herrschen weniger eine Angelegenheit der Faust als des Sitzfleisches“, wie José Ortega y Gasset 1930 im „Aufstand der Massen“ zu bedenken gab.

Die Herrschaftsrechte eines Königs oder einer Königin mögen heute sehr unbestimmt sein. Aber mit Ratschlägen, Empfehlungen und Warnungen verfügen sie durchaus über erhebliche Möglichkeiten, die Entscheidungen der wechselnden Regierungen zu beeinflussen. Sie wahren die Kontinuität des Staates und können aufgrund ihrer Kenntnis der Amtsgeschäfte Politiker vor Fehlern bewahren oder ihnen Wege weisen, wie sie am besten aus Schwierigkeiten herausfinden, in die sie wegen ihrer parteipolitischen Abhängigkeiten geraten sind. Die Überlegenheit der Monarchen beruht auf ihrer sachbezogenen Überparteilichkeit und – da nicht abwählbar – auf ihrer Unabhängigkeit von den Stimmungen der Wähler sowie der Meinungsbildner in Medien und Parteigremien, die Interessen verfolgen, welche den meisten Bürgern undurchsichtig bleiben.

Kaiser Franz Joseph sah seine besondere Aufgabe darin, seine Völker vor ihrer Regierung zu schützen, wie er 1912 Theodor Roosevelt gegenüber sein Amtsverständnis knapp bestimmte. An diesem Amtsverständnis hast sich seitdem kaum etwas geändert, gerade wegen der Diskretion und dem gebotenen Respekt vor dem Parlamentarismus. „Alle Geschäfte müssen erlernt werden, und heutigen Tages ist das Geschäft eines konstitutionellen Souveräns, soll es gut gehen, ein recht schwieriges“, wie 1838 Leopold, der erste König der Belgier, seiner Nichte, der Königin Viktoria, schrieb.

Erst in der bürgerlichen Erwerbs- und Arbeitsgesellschaft lag es nahe, das Königtum als Beruf mit zu ihm gehörenden Tüchtigkeiten und Merkmalen, eben als ein erlernbares Metier aufzufassen. Aus dem absoluten Monarchen und Souverän wurde ein Staatsorgan. Er hat keinen ausgeprägten, eigenen Willen mehr, sondern ist der notwendige Mittelpunkt eines ausgebildeten Systems feststehender Einrichtungen, sodass der monarchische Wille nur noch formaler Art ist. Der Dichter Franz Grillparzer fand dafür im ersten Regierungsjahr des jungen Kaisers Franz Joseph das treffende Bild, wenn er Kaiser Rudolf II. in seinem Kaiserdrama „Ein Bruderzwist in Habsburg“ sagen lässt: „Ich bin das Band, das diese Garbe hält, / unfruchtbar selbst, doch nötig, weil es bindet!“

Das Königtum als Beruf

Um in diesem Sinne tatsächlich binden und zusammenhalten zu können, bedurfte es seitdem einer gründlichen, „berufsorientierten“ Erziehung, der sich die Prinzen und Prinzessinnen unterwerfen mussten. Im Gegensatz zu vielen Parteipolitikern sind heutige Könige nicht nur gut unterrichtet, sondern verfügen auch in zahlreichen Gebieten über die Qualitäten eines Fachmannes. Dilettanten gibt es unter ihnen nicht. Sie würden für Unordnung sorgen, sich also überflüssig machen.

Aber es ist nicht nur die Professionalität der Monarchen, die zu ihrem Geschäft gehört. Die Völker bedürfen anschaulicher Wahrheiten. Die Demokratie beruht auf Abstraktionen wie Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz. Darüber kann man sich Gedanken machen, doch solche Konzepte lassen sich nicht in Bildern ausdrücken. In der Krone vereinigen sich die Zeiten, sie ist ein Symbol für die Geschichte, in der sich Volk und Staat entwickelten. Sie und die Zeremonien zu ihren Ehren sind überpersönlich und doch untrennbar mit der Person verbunden, die gekrönt wurde und damit den unmittelbaren Zusammenhang von Geschichte und Gegenwart als Lebensmächte sinnlich erfahrbar machen. Die Demokratie ist unfähig zu spezifisch demokratischen Formen der Repräsentation. Wenn sie sich festlich inszeniert, um ihre Würde hervorzuheben, geschieht das meist in Schlössern und mit dem großen Apparat von Uniformen, antiquarischen Schmuckelementen bis hin zu Musikstücken, die nicht für Demokraten geschrieben wurden.

Die wahre Majestät

Man mag von der Volkssouveränität überzeugt sein und die Geheimnisse der Gewaltenteilung fest im Herzen tragen, doch keiner würde es noch wagen, von der Majestät des Volkes zu reden, obschon dieses doch der Souverän ist. Dem Staat Majestät zuzubilligen, gilt als lästige Staatsvergottung, die Demokraten unwürdig ist. Wer unter dem Eindruck eines motorisierten Gesetzgebers an die Heiligkeit des Rechtes erinnert, macht sich lächerlich oder verdächtig. Denn das Recht muss sich den gewandelten Bedürfnissen einer ständig bewegten Gesellschaft anpassen. Konkrete Gestalten wie der Bürger, der Akademiker oder Arbeiter verschwinden. Es gibt nur Menschen irgendwo „vor Ort“ oder „draußen im Lande“. Personen kommen vielleicht bei Verkehrsunfällen oder im Personennahverkehr vor.

Dennoch hat sich gerade deshalb ein Heimweh nach Festlichkeit, repräsentativen Formen und nach Schönheit erhalten, um sich gemeinsam zu vergewissern, Teil eines großen Ganzen zu sein mit einem Altertum, das der Gegenwart Bedeutung verleiht und in die Zukunft hinüberweist. Alle Versuche, einen demokratischen Stil zu finden, führten von einer Verlegenheit in die andere.

In den Monarchien ist alles anders. Sie können mit einem Reichtum an Zeremonien und Formen den Tag und den Augenblick herausheben aus der banalen Alltäglichkeit. Dort ist es angemessen, in Schlössern mit Staatsgästen zu feiern und Diener in traditionelle Livreen zu kleiden. Die ungemeine Attraktivität der Königshäuser und monarchischer Repräsentation hat wenig mit den nur noch Gelehrten vertrauten Ideen um Thron und Altar zu tun. Die Könige bringen für Momente Schmuck ins kärgliche Dasein, in das Volksleben, dem es an freudigen, besinnlichen und festlichen Gelegenheiten mangelt zu bekunden, welche Lust es bereitet, in Demokratien als wahrhafter und wehrhafter Demokrat mit anderen, die seinesgleichen sind, zu leben.

Die Feierlichkeit gemessener Zeremonien, zelebriert von Gestalten in Samt, Seide, Purpur und Hermelin, poetisieren das eherne Gehäuse, in dem sich eine durchrationalisierte, von der Maschine disziplinierte Massengesellschaft eingerichtet hat. Über Hofberichterstattung, Hochglanzfotografien, Filme und Live-Übertragungen können die Massen an prächtigen Ereignissen teilnehmen, deren Exklusivität auf diese Art demokratisiert wird. Ganz abgesehen davon, dass sie als Publikum bei Paraden, Umfahrten, Hochzeiten oder Begräbnissen unentbehrlich sind.

Ein dauerndes Erfolgsstück

Die ästhetisierte Monarchie als Spektakel, als große Oper mit viel Kulissenzauber ist ein dauerndes Erfolgsstück. Die Poesie und der schöne Schein bewahren wegen ihrer Substanzlosigkeit die Throne vor der Einsturzgefahr. Monarchien leiden nicht an Altersschwäche, weil sie sich trotz absichtlich gepflegter Traditionen den demokratischen Bedürfnissen öffnen und jedermann die Illusion verschaffen, dazuzugehören, obschon die einfachen Leute doch nur dabei sein können. Da das Volk sich längst als Publikum begreift, gefällt es sich in der Rolle des „Adabei“, wie Münchner sagen, der als „Zaungast“ gut unterhalten sein möchte, indem höfliche Könige ihn gar wie einen „Zaunkönig“ aufmerksam behandeln.

Monarchen als Staatskünstler dürfen diesen Dienst nicht vernachlässigen. Sie müssen das Volk unterhalten und sichern damit ihren herausgehobenen Rang, weil es zu ihren Aufgaben gehört, die Kunst der Repräsentation zu repräsentieren. Dazu bedarf es vieler Übung, Disziplin und Selbstverleugnung, um sich nicht dabei zu langweilen, auf gefällige Weise für andere da zu sein. In der Komödie „Harold und Maud“ bemerkte die alte Maud: „I don't miss the kingdoms, but I miss the kings“ (Ich vermisse nicht die Königreiche, aber ich vermisse die Könige.“ Sie dachte noch an die Monarchen, die sie und ihr Mann vor 1914 gesehen hatten, während der letzten Epoche alteuropäischer Eleganz und Liebenswürdigkeit.

Doch sie irrte sich. Die Könige gibt es weiterhin und sie bemühen sich sehr, als Königsdarsteller einem sehr demokratischen Geschmack zu gefallen. Nur alten Monarchen, wie der verstorbenen Königin Elisabeth oder der spanischen Königin Sofia, gelang und gelingt noch die schwere Kunst, Anmut und Würde zu vereinen. Mancherlei Unsicherheiten bei Jüngeren nimmt das Publikum gar nicht mehr wahr, das ohnehin „Menschlichkeit“ bei Prinzen und Prinzessinnen erwartet. Sie sollen in schöner Form nicht nur ihren Adel repräsentieren, sondern mit ihrem Auftreten das gesamte Volk nobilitieren und es in Eintracht mit der Tadellosigkeit seiner ehrwürdigen und deshalb auch schönen Geschichte halten.

Gerade darauf beruht die Volkstümlichkeit der Monarchen, ihre Völker daran zu erinnern, sich nicht von den rasch wechselnden Aktualitäten überwältigen zu lassen und die Vergangenheiten ihrer Geschichte und ihre Vorfahren in Ehren zu halten, denen sie verdanken, was sie sind.

• Dr. Eberhard Straub ist Historiker und Publizist. Zu seinen Werken gehören „Kaiser Wilhelm II. Die Erfindung des Reiches aus dem Geist der Moderne“ (Landt Verlag 2012) sowie „Der Wiener Kongress. Das große Fest und die Neuordnung Europas“ (Klett-Cotta 2014).
www.eberhard-straub.de



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