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Goldene Zwanziger

Großer Kenner der Berliner Unterwelt

Einer der „namhaften Kulturjournalisten“: der Polizeireporter Leo Heller – Vor 100 Jahren erschienen sein Buch „Berliner Razzien“

Bettina Müller
14.04.2024

Schriftsteller, Lyriker, „Brettldichter“, Bohémien, Journalist. Der 1876 in Wien geborene Fabrikantensohn Leo Heller hatte viele Facetten. Ernst von Wolzogen gelang es 1901, ihn als Texter für sein literarisches Kabarett „Überbrettl“ nach Berlin zu locken. Und Heller eilte herbei, nicht ahnend, dass das „Überbrettl“ nach zwei Jahren Geschichte sein würde. Als Redakteur der „Nationalzeitung“, des späteren „8-Uhr-Abendblatts“, konnte er sich jedoch weiterhin seine Brötchen verdienen, während er gleichzeitig Zeitschriften und Zeitungen des In- und Auslandes mit seinen Texten und Gedichten flutete.

Als Wiener mit reichlich schwarzem Humor gesegnet, war die Beschäftigung mit düsteren Tabuthemen in Prag ebenfalls charakteristisch für seine Werke. Ihn interessierten vor allem gesellschaftliche Randgruppen, nicht die Reichen und Schönen. So entstanden zunächst zahlreiche „Dirnenlieder“, die unter anderem in Berliner Kabaretts geschmettert wurden, und das waren Vertonungen seiner Texte, geboren aus der Naturalismusbewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Da ging es mitunter ziemlich rabiat zu: „Doch jüngst, da hat er sie heimlich gesehn / Mit einem des Nachts auf der Straße gehen.

Er lief ihr schnell nach beim Laternenschein / Schlug er ihr meuchlings den Schädel ein.“

Als der Erste Weltkrieg endete, Berlin zum Hexenkessel und zum „Chicago Deutschlands“ wurde, gab es kein Halten mehr. Alle Gestrandeten der Stadt durften sich zu Wort melden: Verbrecher, Dirnen, Schieber und andere zwielichtige Nachgestalten. In den 1920er Jahren ging Heller in diesem Genre völlig auf und verfasste mehrere Bücher zum Thema, von denen das vor genau 100 Jahren veröffentlichte Reportagewerk „Berliner Razzien“ das erfolgreichste war. Er war live dabei, als die Polizei in Kaschemmen oder „Nacktbetrieben“ klar Schiff machte.
Heller präsentierte in seinen Werken – aus einem künstlerischen Anspruch heraus – stets Menschen am Rande der Gesellschaft. Das sorgte für viele für eine ganz neue Perspektive oder regte zumindest zum Nachdenken an, wozu aber die wenigsten bereit waren.

„Er zeigt die Deklassierten so wie sie sind und überlässt es mit mildem Lächeln dem Zuschauer, das alles entweder ekelhaft zu finden oder zu bemitleiden“, hieß es da schon mal 1927 in einer Kritik seines Theaterstücks „Vom Venusberg bis Kreuzberg“. Im selben Jahr hatte sich sein Mut und sein Fleiß bereits ausgezahlt, er zählte laut dem Berliner „Wochenspiegel“ neben Al­fred Kerr, Egon Erwin Kisch und Siegfried Jacobsohn zu den „namhaften Kulturjournalisten Berlins“.

In der Zwischenzeit hatte er auch noch den Stummfilm für sich entdeckt und für mindestens zwölf Filme das Drehbuch geschrieben. Dass einer davon „Dirnentragödie“ hieß und mit Asta Nielsen prominent besetzt war, verwunderte damals niemanden.

Das neue Jahrzehnt brach an, das Ende kam schnell. 1932 starb seine Ehefrau, und Leo Heller verließ die Stadt für immer. Der große Kenner der Berliner Unterwelt geriet in Vergessenheit und verstarb am 31. Januar 1941 in Prag.

Die eigene Dichtung war wahr geworden: „Die aus der Zeitung wie aus dem Troge / Täglich geistige Nahrung beziehen / Lasen gerührt die Nekrologe / Und vergaßen ihn.“

Von Bettina Müller herausgegeben: Leo Heller, „Berliner Razzien. Reportagen aus der Unterwelt“, Elsengold Verlag, Berlin 2021, 192 Seiten, 20 Euro


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