16.04.2024

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden

Rastenburg

Hengste, Industrie und Fortuna

Ein Ritt durch die Geschichte der ostpreußischen Stadt von den Anfängen 1329 bis ins Jahr 1946

Wolfgang Kaufmann
18.09.2023

Die ostpreußische Stadt Rastenburg ist unter anderem dadurch bekannt geworden, dass in ihrer Nähe das legendäre Führerhauptquartier Wolfsschanze lag. Allerdings begann die Geschichte Rastenburgs bereits im Jahre 1329, als der Deutsche Orden hier eine hölzerne Fluchtburg der Prußen übernahm, wonach an deren Fuß die Siedlung Raste-kaym entstand. Dieser aus dem Prußischen abgeleitete Name lässt sich in etwa mit „Pfahlbau-Dorf im Moosbruch“ übersetzen.

Rastekaym erhielt 1357 das Stadtrecht. Zu dieser Zeit war die Burg bereits von litauischen Truppen niedergebrannt und hernach in Stein neu errichtet und mit einer Schutzmauer versehen worden. Zwei Jahre später begann der Deutsche Orden zudem mit dem Bau des Vorgängers der örtlichen Sankt-Georgs-Kirche.

Stadtrecht ab 1357
Ab 1410 unterstand das nunmehrige Rastenburg dem Ordenshochmeister. Wie alte Dokumente berichten, gab es damals aufgrund des mittelalterlichen Klimaoptimums zahlreiche Weinberge im Umland.

1440 trat Rastenburg dem Preußischen Bund bei. Dieser Zusammenschluss von 53 adligen Grundherrn und 19 Städten, darunter auch Danzig, Elbing und Thorn, fungierte als Bündnis gegen den Deutschen Orden, der sich am Rande des finanziellen Ruins befand und deshalb immer höhere Steuern eintrieb. Zwischen 1454 und 1466 gab es sogar Krieg mit dem Orden, der durch den Zweiten Frieden von Thorn endete. Rastenburg geriet danach wieder unter die Kontrolle des Hochmeisters und gehörte infolgedessen ab 1525 zum Herzogtum Preußen, das aus dem Rest des Ordensstaates entstanden war und 1618 durch Erbschaft an die brandenburgischen Hohenzollern fiel.

Kurz darauf, nämlich im Jahr 1626, erteilte der Markgraf von Brandenburg und Herzog in Preußen, Georg Wilhelm, dem Obristen Hildebrand von Kracht angesichts der vielfältigen militärischen Bedrohungen den Auftrag, 3000 Mann für die Landesverteidigung zu rekrutieren. Damit schlug die Geburtsstunde des ältesten preußischen Regiments, das später Grenadier-Regiment „König Friedrich der Große“ (3. Ostpreußisches) Nr. 4 hieß und über längere Zeit auch in Rastenburg in Garnison stand. Dieser Truppenverband nahm bis 1918 an insgesamt 13 militärischen Konflikten teil – beginnend mit dem Dreißigjährigen Krieg (1618–1648).

Bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts avancierte Rastenburg zur drittreichsten Stadt im späteren Ostpreußen nach Königsberg und Memel. Dadurch kam auch die Bildung nicht zu kurz, wie beispielsweise die Gründung eines der ältesten Gymnasien in der Region im Jahre 1546 zeigte.

Allerdings ging ein Gutteil des Wohlstandes durch Naturkatastrophen, Stadtbrände und Plünderungen verloren. Deshalb fiel Rastenburg bis 1698 auf Platz sechs zurück. Andererseits blieb es vom verheerenden Tatarensturm 1656 und der Großen Pest zwischen 1709 und 1711 verschont.

1782 zählte Rastenburg um die 2000 Einwohner – nicht mitgerechnet die Angehörigen des Stabes und der fünf Kompanien des Infanterie-Regiments. Die Einwohnerzahl wuchs bis 1905 auf fast 12.000, während die Stadt auch sonst eine positive Entwicklung nahm. Marksteine derselben waren unter anderem der Anschluss an das Netz der Ostpreußischen Südbahn von Königsberg nach Lyck am 1. November 1867 sowie der Rastenburg–Sensburg–Lötzener Kleinbahnen ab Mai 1898 und die Gründung eines Gestütes im Jahre 1877. Letzteres hatte neben den Gestüten in Braunsberg, Marienwerder, Georgenburg und Trakehnen wesentlichen Anteil am Erfolg der ostpreußischen Warmblutzucht. Zuletzt verfügte man in Rastenburg über 117 Hengste, die pro Jahr um die 7000 Stuten deckten und damit für ein Sechstel des Nachwuchses an Pferden in Ostpreußen sorgten.

Während des Ersten Weltkrieges stand Rastenburg, das auch zu einem Zentrum der Lebensmittelindustrie geworden war, nur zwei Wochen lang unter russischer Besatzung, weshalb die Kriegsschäden relativ gering blieben.

Das Führerhauptquartier
Im September 1940 begann die Organisation Todt unweit von Rastenburg mit der Errichtung des Führerhauptquartiers Wolfsschanze, wobei die Baustelle den Tarnnamen „Chemische Werke Askania“ trug. Bis 1944 entstanden rund 100 Bunker und Gebäude, darunter auch der Bunker Nr. 13 im streng gesicherten Sperrkreis 1. In diesem verbrachte Hitler zwischen dem 24. Juni 1941 und 30. November 1944 rund 800 Tage, um von hier aus den Feldzug gegen die Sowjetunion zu leiten. Die Wolfsschanze, die besonders durch das fehlgeschlagene Attentat vom 20. Juli 1944 Bekanntheit erlangte, wurde beim Herannahen der Roten Armee am 24. Januar 1945 von deutschen Pioniertruppen gesprengt. Die übriggebliebenen Ruinen dienen seit 1959 als Touristenattraktion, wobei die Besucherzahlen pro Jahr in die Hunderttausende gehen.

Seit dem Kriegsende 1945 steht Rastenburg unter polnischer Verwaltung, weshalb es nun auch einen anderen Namen trägt. Am 7. Mai 1946 verfügten die Behörden eine Umbenennung der alten ostpreußischen Stadt in Kętrzyn, wobei der polnische Historiker Wojciech Kętrzyński als Namenspate diente. Heute leben hier nach der Flucht oder Vertreibung der deutschen Bevölkerung um die 28.000 Bürger der Dritten Polnischen Republik.


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ gern mit einer

Anerkennungszahlung


Kommentar hinzufügen

Captcha Image

*Pflichtfelder

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag. Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

powered by webEdition CMS