28.05.2020

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Gut besucht: Autokinos wie hier am Flughafen Essen/Mülheim neben dem Luftschiffhangar erleben gerade eine Renaissance
Foto: imago images/Jochen TackGut besucht: Autokinos wie hier am Flughafen Essen/Mülheim neben dem Luftschiffhangar erleben gerade eine Renaissance

Kultur

Hunger nach Unterhaltung

Die Lockdown-Krise macht der Kulturbranche schwer zu schaffen. Aber es gibt auch Krisengewinner wie Autokinos

Harald Tews
02.05.2020

Die Kulturbranche zählt mit zu den ganz großen Verlierern der gegenwärtigen Lockdown-Krise. Und trotzdem gibt es auch hier Krisengewinner: Autokinos sowie Streamingdienste, die das Kino übers Internet nach Hause bringen. 

Kaum zu glauben, dass Autokinos ein Comeback feiern. Sie galten fast als ausgestorben. Doch jetzt kehrt allerorten das 50er-Jahre-Gefühl zurück, als die Fahrt zum Film ein Vorwand zum heimeligen Kuscheln mit dem/der Liebsten war. 

Da die Sehnsucht nach Kino und Zweisamkeiten in Zeiten staatlich erzwungener Distanzwahrung weiterhin groß ist, suchen viele nach Alternativen. Multiplex- und Programmkinos dürften noch eine Weile geschlossen bleiben. Nicht aber Autokinos, wo die gesundheitliche Ansteckungsgefahr gleich Null ist. 

Da der Ton der Spielfilme direkt in die Autos ins Radio übertragen wird, steht die Bundesnetzagentur derzeit vor einem Berg von Anträgen auf Erteilung von Funkfrequenzen. Seit Anfang März hat sie bereits mehr als 43 Rundfunkfrequenzen für die Tonübertragung zugeteilt. Bundesweit sollen so auf freien Flächen an die 100 neue Autokinos entstehen, mit denen die Betreiber derzeit konkurrenzlos sind. 

Um ein Autokino zu eröffnen, braucht es nicht viel. Eine Leinwand für den Film, ein großer Parkplatz für die Autos und ein paar Dixi-Klos – fertig. Denn nur für den Gang zur Toilette darf man das Auto verlassen. Speisen dürfen nur per Lieferservice zum Fahrzeug gebracht werden. 

Mecklenburg-Vorpommern war selbst das zu viel. Nachdem in Güstrow, Wismar, Neubrandenburg und Möllin bei Gadebusch Kinovorstellungen geplant waren, untersagte das Gesundheitsministerium diese kurzerhand. Argument: Es handele sich um unerlaubte Freizeitaktivitäten. Als sich viele beschwerten, dass nun auch das Sitzen in Autos verboten sei, lenkte die Behörde ein und gab grünes Licht. 

Kino aus dem Netz

Das Gegenteil zu diesem Retro-Kino ist das Kino der Zukunft aus dem Internet. Die heutigen Riesenbildschirme in den Wohnzimmern ersetzen den Gang ins Kino, wenn man sich dort den Wunschfilm direkt per kostenpflichtiger Datenübertragung, dem sogenannten Stream, ansehen kann. Entsprechende Anbieter wie Disney+, Netflix und Amazon Prime profitieren hier von der Krise. Klar vorn liegt dabei das US-Medienunternehmen Netflix, das allein in diesem ersten Quartal weltweit fast 15,7 Millionen Neu-Abonnenten gewonnen und damit einen Umsatz von 5,8 Milliarden Dollar erzielt hat. 

Den Zulauf zum Internet bestätigt auch eine Umfrage von S&L Research unter 865 deutschen Kinogängern, gemäß der nahezu die Hälfte der Umfrageteilnehmer in der Zeit der Ausgangsbeschränkung neue Abonnements für SVoD-Anbieter (Subscriptional Video on Demand) abgeschlossen haben. Für die traditionellen Kinos wird es schwer sein, diese Kunden nach Aufhebung der Restriktionen wieder für sich zu gewinnen. Wozu Geld für eine Kinokarte ausgeben, wenn man ein teures Abonnement der neuesten Spielfilme und Serien fürs Heimkino hat? 

Immerhin gaben in derselben Studie 93 Prozent der Befragten an, „sehr wahrscheinlich" nach der Sperre wieder ins Kino zurückzukehren. Voraussetzung dürften verbesserte Hygienebedingungen sein. Wer jetzt Abstand zu seinen Nächsten hält, wird kaum in einem vollen Kinosaal sitzen wollen. Distanz und Desinfektion gelten als wichtige Voraussetzungen. 

Das macht den Neustart für die Kinobetreiber nicht einfacher. Denn das Virus wird nicht über Nacht verschwinden. Die Kino-, aber auch Theaterbetreiber, werden sich darauf einstellen müssen, nur jeden zweiten Platz zu besetzen, damit auch zukünftig der Sicherheitsabstand gewahrt bleibt. Damit entgeht ihnen auch mindestens die Hälfte der Einnahmen. Mittelfristig geht man sogar nur von einem Drittel der Besucher aus. 

Der Verlust von wöchentlich 17 Millionen Euro, den die bundesweit 1734 Kinos in der gegenwärtigen Krise bereits hinnehmen müssen, wird sich so nicht wieder einspielen lassen. Man wird neue Wege finden müssen, um zu überleben. Es sollte gelingen. Denn der Hunger nach Kultur, das zeigt der Ansturm auf Autokinos und Heimkino-Angebote, ist jetzt schon riesig, und er wird nach dem Ende der Krise noch weit größer sein.



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