01.10.2022

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Im Britischen Museum in London: Der Stein von Rosetta mit seinen drei untereinanderstehenden Schriftblöcken aus Hieroglyphen sowie in Demotisch und Altgriechisch
Foto: paIm Britischen Museum in London: Der Stein von Rosetta mit seinen drei untereinanderstehenden Schriftblöcken aus Hieroglyphen sowie in Demotisch und Altgriechisch

Altertumsforschung

„Ich hab’s!“

Vor 200 Jahren gelang es Jean-François Champollion anhand des Steines von Rosetta und anderer Quellen die demotische Schrift zu entziffern sowie die hieratische Schrift und die Hieroglyphen zu entschlüsseln

Veit-Mario Thiede
23.09.2022

Die ägyptischen Hieroglyphen waren von etwa 3000 vor bis ungefähr 400 nach Christus in Gebrauch. Bald danach konnte sie niemand mehr lesen. Die bildhafte, mit Menschengestalten, Tieren und Dingen arbeitende Schrift verleitete die sich an ihrer Entzifferung versuchenden Gelehrten zu der Grundauffassung, dass jedes Hieroglyphenzeichen für einen Begriff, wenn nicht gar für einen tiefgründigen Gedanken stehe. Am 27. September 1822 aber offenbarte Jean-François Champollion (1790–1832) während seines in Paris gehaltenen Vortrags den phonetischen Charakter der mit Hieroglyphen geschriebenen Namen griechischer und römischer Könige und Königinnen, die über Ägypten geherrscht hatten. Dieses Ereignis gilt als entscheidender Schritt auf dem Weg der Entzifferung der Hieroglyphen.

Eigentlich sollte der diesjährige runde Jahrestag in Hildesheim mit der Schau „Entziffert“ gefeiert werden. Sie ist aber auf das nächste Jahr verschoben worden. Erarbeitet wird sie von Christian E. Loeben, der am Museum August Kestner in Hannover als Kurator die ägyptische Sammlung betreut. Er findet die Verschiebung nicht tragisch, da es ohnehin keinen genauen Stichtag für die Entzifferung gebe, sondern diese sich weit über das Jahr 1822 hinaus hingezogen habe.

Die Entdeckung des Steins von Rosetta im Jahre 1799 durch an Napoleons Expedition nach Ägypten teilnehmende Soldaten veranlasste viele Gelehrte, sich an der Entzifferung der Hieroglyphen zu versuchen. Er weist drei Inschriften auf. Die obere, mit Hieroglyphenzeichen verfasste, ist nur zu einem Drittel erhalten. Fast vollständig sind die darunter folgenden Fassungen auf Demotisch und Griechisch überliefert. Demotisch, das Loeben als ägyptische Steno-Schrift charakterisiert, war zur Entdeckungszeit des Rosetta­steins auch noch nicht entschlüsselt.

Das etwa 1,2 Meter hohe Stelenfragment aus schwarzem Granodiorit gelangte als Kriegsbeute nach England, wo es in Londons British Museum zu sehen ist. Eigens für die Hildesheimer Schau wird die erste vollplastische Rekonstruktion des Steins von Rosetta angefertigt. Sie basiert auf neuesten Forschungen des Münchner Universitäts-Professors Friedhelm Hoffmann, der seine zwei Meter hohe Rekonstruktion bereits in dem zusammen mit Stefan Pfeiffer verfassten Band „Der Stein von Rosetta“ (Ditzingen, Reclam Verlag, 2021) beschrieben hat. Laut den beiden Autoren handelt es sich bei den drei Inschriften um ein von den ägyptischen Priestern 196 v. Chr. verfasstes Dekret zu Ehren von König Ptolemaios V.

Ausstellung auf 2023 verschoben

Der englische Universalgelehrte Thomas Young (1773–1829) entdeckte auf dem Rosettastein die von einer Kartusche umgebenen Hieroglyphen, mit denen der Name „Ptolemaios“ geschrieben ist. Die alte Lehrmeinung, dass eine Hieroglyphe für ein Wort oder einen Namen steht, konnte also nicht immer stimmen. Daher schloss Young, dass die in Kartuschen stehenden Hieroglyphen für die Namen der nicht-ägyptischen Könige und Königinnen als phonetische Zeichen zu lesen sind. Die anderen Zeichen seien jedoch als Ideogrammschrift aufzufassen. Das glaubte auch sein französischer Rivale Champollion. Ihren Wettlauf um die Entschlüsselung der Hieroglyphen hat Edward Dolnick in seinem spannenden Wissenschaftsroman „Die Entschlüsselung der Hieroglyphen. Zwei rivalisierende Genies, das Alte Ägypten und der Stein von Rosette“ (Zürich, Nagel & Kimche Verlag, 2022) beschrieben.

Ein rosaroter Obelisk, den der reiche Entdeckungsreisende William Bankes (1786–1855) mitsamt des Sockels 1821 nach England schaffen ließ, brachte frischen Wind in die Entzifferungsbemühungen. Auf dem Obelisken entdeckte Bankes neben der Kartusche für Ptolemaios eine weitere. Da auf der griechischen Inschrift des Sockels sowohl von einem Ptolemaios als auch einer Kleopatra (mehrere Herrscher und Herrscherinnen trugen nacheinander diese Namen) die Rede ist, ordnete Bankes die zweite Kartusche Kleopatra zu und verschickte Abbildungen der Kartuschen. Auch an Champollion. Der kam auf die Idee, die Hieroglyphen beider Namen auf Übereinstimmungen zu vergleichen. Die gab es und so entdeckte er die phonetische Bedeutung mehrerer Hieroglyphen und erschloss weitere, indem er auf anderen Königskartuschen die Namen identifizierte.

Seine Entzifferungserfolge griechischer und römischer Namen stellte Champollion am 27. September 1822 in seinem Vortrag vor, dem auch Young und Alexander von Humboldt beiwohnten. Der Vortrag und die nachfolgend veröffentlichte Publikation heißen „Brief an Monsieur Dacier“. Der gedruckte Text schließt mit dem Datum 22. September 1822. Derartige „Briefe“ waren damals eine Form, wissenschaftlich zu veröffentlichen.

„Brief an Monsieur Dacier“

Obwohl sich Champollion in seinem Vortrag nur auf griechische und römische Namen konzentriert hatte, kam Jahrzehnte später die Erzählung auf, dass er bereits am 14. September 1822 erkannt habe, dass auch die Namen der „echten“ ägyptischen Pharaonen wie etwa Ramses und Thutmosis mit hieroglyphischen Lautzeichen geschrieben sind. Er sei ins Büro seines Bruders geeilt und habe gerufen: „Ich hab's!“ Anschließend sei er ohnmächtig geworden. Diese Geschichte schrieb sein Neffe Aime 67 Jahre nach dem „Ereignis“ auf. Hermine Hartleben schmückte sie in ihrer 1906 erschienenen Champollion-Biographie weiter aus.

Noch 1822 glaubte Champollion, dass außer den phonetisch geschriebenen Königsnamen die Hieroglyphenschrift aus Ideogrammen bestehe. Wie, wann und warum er doch noch zu den richtigen Einsichten gelangte, ist nicht überliefert. Im Jahre 1824 verkündete er plötzlich: „Die Hieroglyphenschrift ist ein komplexes System, eine zugleich figurative, symbolische und phonetische Schrift.“ Er hatte erkannt, dass die meisten Hieroglyphen phonetisch zu lesen sind, also erst mehrere von ihnen ein Wort ergeben. Da die alten Ägypter jedoch fast nur die Konsonanten aufschrieben, sahen viele Wörter mehrdeutig aus. Um Eindeutigkeit zu erzielen, setzten sie sogenannte Bedeutungszeichen dahinter, wie Champollion erkannte.

Der Ägyptologe Karl Richard Lepsius (1810–1884) zeigte, dass Champollions Übersetzungssystem richtig war. Er korrigierte es allerdings, indem er erstmals zeigte, dass die Hieroglyphenschrift nicht nur Einkonsonantenzeichen aufweist, sondern auch Silbenzeichen, die für zwei oder drei Konsonanten stehen. Dies beschrieb er in seinem 1837 veröffentlichten „Brief an Herrn Professor H. Rosellini“. Das Neue Museum auf der Berliner Museumsinsel widmet Lepsius ab 15. Oktober die Schau „Abenteuer am Nil. Preußen und die Ägyptologie“.



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