14.04.2024

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden

Robert Blum

„Ich sterbe für die deutsche Freiheit, für die ich gekämpft“

Der ebenso wortgewaltige wie charismatische Repräsentant der 48er-Revolution wurde vor 175 Jahren in Wien erschossen. Schwerpunkt seines Wirkens war allerdings weder die Main- noch die Donaumetropole, sondern Leipzig

Bernhard Knapstein
31.10.2023

Als im Morgengrauen des 9. November 1848 Robert Blum die Worte sprach, „Ich sterbe für die deutsche Freiheit, für die ich gekämpft. Möge das Vaterland meiner eingedenk sein“, waren es seine letzten Worte. Kurz darauf bohrten sich in der Brigittenau bei Wien Bleikugeln in den Leib des charismatischen 1848er-Revolutionärs. Der gebürtige Kölner starb einen Tag vor seinem 41. Geburtstag.

Der wohl wichtigste deutsche Revolutionär von 1848 entfaltete seine politischen Aktivitäten ab den 1830er Jahren in Leipzig, wo Blum als Sekretär am Leipziger Theater tätig wurde – und er das bürgerliche Ringen um Verfassung, Demokratie, deutsche Vereinigung und Freiheitsrechte der Vormärz-Zeit erlebte. Blum tauchte ein in die patriotischen Versammlungen rund um Leipzig und wurde – ohne akademische Bildung und ganz Autodidakt – bald zu einem wortgewaltigen Redner.

Er schrieb in dieser Phase selbst literarische Werke, Gedichte und Schauspiele. Gedruckt wurde nur das Bühnenstück „Die Befreiung von Candida“ 1836. Aufgeführt wurde es nicht. Stets ging es um Freiheitskampf – mal den der Griechen, mal den der Polen. Auch ein Klage-Gedicht auf den südamerikanischen Freiheitskämpfer Simón Bolívar entstand. Doch Blum war mehr Redner und Aktivist als Dichter, sodass der literarische Ruhm ausblieb.

Eher Redner und Aktivist als Dichter
Mit der zweiten Welle der Demagogenverfolgung in Folge des Frankfurter Wachensturms von 1833 tauchten die die Revolution maßgeblich vorantreibenden Burschenschaften an den Universitäten weitgehend in den Untergrund ab. So auch in Leipzig, wo Robert Blum schon bald Kontakt zu Burschenschaftern der sogenannten Kochei bekam, deren schwarz-rot-goldene Bänder die Studenten allerdings nur in geschlossenen Räumen offen trugen, auf der Straße aber aus Sicherheitsgründen sorgsam verbargen. Blum stellte der Burschenschaft für die feierliche Aufnahme neuer Mitglieder sein Grundstück an der Frankfurter Straße nahe des Kuhturms zur Verfügung. In diesem Dunstkreis der Verschworenen traf Blum auf den Redakteur der „Leipziger Allgemeinen Zeitung“ und seinen späteren Schwager Georg Günther, der wie auch Blum selbst nach der Märzrevolution in die Frankfurter Nationalversammlung einziehen sollte. Günthers Schwester Eugenie „Jenny“ Günther unterstützte Blums Ideale und heiratete ihn 1840.

Im selben Jahr noch gab Blum erstmals die „Sächsischen Vaterlandsblätter“ heraus, mit denen er auch Spenden für politisch Verfolgte wie Heinrich Hoffmann von Fallersleben sammelte, dem die preußische Regierung erst die Professur und dann die Staatsbürgerschaft entzog.

Um dem Drang der bürgerlichen Freiheitsrechte und der Demokratie zu mehr Inspiration zu verhelfen, brauchte es allerdings auch entsprechende Anlässe und unverdächtige Tarnorganisationen für die Verbreitung revolutionärer Gedanken. Für November 1840 organisierte Blum mit seinem Schwager Günther und weiteren Männern deshalb ein Schillerfest, aus dem auch ein Schillerverein hervorging. 1842 gründete Blum zudem den Literatenverein, auf dessen freitäglichen Versammlungen im Hotel de Pologne in erster Linie all jene Stellen von Schriften verlesen wurden, die von der Zensur zuvor gestrichen worden waren. Blum lehnte sich selbst als Vorstandsmitglied ab, um den Verein nicht frühzeitig bei der Regierung in Misskredit zu bringen. Doch dass die Fronten durchaus durchlässig waren, belegte die Wahl des Zensors Carl C.C. Gretschels in den Vorstand des Vereins.

Auf den Versammlungen floss „Wein wie Blut in Strömen“. Erster Gast der Literatenvereinigung war der in dieser Zeit angesagte Dichter Georg Herwegh, dessen Besuch zur Gründung des Herwegh-Clubs in Leipzig führte, in dessen illustrer Runde sich auch der junge Theodor Fontane wiederfinden sollte. Ein anderer Gast der Literaten um Blum war Hoffmann von Fallersleben, der weinselig zur vorrevolutionären Situation konstatieren sollte: „Für alles in der Welt dürfen wir uns vereinen, nur nicht für die Einheit unseres Vaterlandes.“

Leipziger Gemetzel mit acht Toten
Blum suchte indessen nicht nur kulturelle und akademische Anknüpfungspunkte für seine Aktivitäten, sondern auch religiöse. In den 1840er Jahren schloss er sich dem rasch wachsenden Deutschkatholizismus des schlesischen Predigers Johannes Ronge an und gründet in Leipzig eine eigene Gemeinde, die es auf knapp 350 Mitglieder brachte.

Hier konnte Blum seine Ideale als Laienprediger auch mit religiösem Ansatz verbreiten und gegen Rom zu Felde ziehen. Doch ein überragender Erfolg und eine Durchsetzung eigener Vorstellungen zur christlichen Gemeinschaft blieben Blum versagt, sodass er selbst mit der Bewegung zu fremdeln begann.

Nachdem königliches Militär am 12. August 1845 unter Protestanten das sogenannten Leipziger Gemetzel mit acht Toten und vier Verwundeten angerichtet hatte, trommelte die Kochei für den Folgetag 600 bis 700 Studenten zu einer Versammlung zusammen, der sich noch einmal etwa das Drei- bis Vierfache an Bürgern anschloss, und entsandte eine Abordnung, darunter auch Blum, an den Stadtrat, um eine Untersuchung der Ereignisse, eine ehrenvolle Bestattung der Toten und eine Mäßigung der Kommunalgarde einzufordern, die inzwischen beauftragt worden war, für Ruhe in der Stadt zu sorgen. Das Vorkommnis erregte schnell überregional Aufsehen und machte insbesondere Robert Blum nun auch deutschlandweit bekannt.

Blum blieb der Kochei eng verbunden. Auch wenn dem Nichtakademiker Latein und Griechisch im Schwadronieren fehlten, zeichnete er sich durch Charisma und wortgewaltige Rhetorik aus – und wurde Ehrenmitglied der Burschenschaft. Die Aufnahme von Nichtakademikern ist ungewöhnlich und nur mit der Progressbewegung der 1840er Jahre zu erklären, die – maßgeblich von Blum beeinflusst – zu einer Verbindung zwischen Burschenschaft und dem „Volksleben“ führte.

Als Ende Februar 1848 die Kunde über die Revolution in Frankreich die Stadt Leipzig erreichte, überschlugen sich die Ereignisse. Die Revolution flutete Blum in die verfassunggebende Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche. Als Delegierter reiste er im Oktober 1848 nach Wien, um die dortige Oktober-Revolution zu unterstützen – letztlich auch bewaffnet. Er wurde verhaftet, verurteilt und liquidiert.

Blums Erschießung gab der Revolution noch einmal einen deutlichen Schub und begründete einen regelrechten Blum-Kult, der erst mit den Einigungskriegen abebbte.


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ gern mit einer

Anerkennungszahlung


Kommentare

Chris Benthe am 08.11.23, 10:28 Uhr

Wunderbarer Bericht. Geschichte zum Anfassen. Und in diesen Zeiten sehr, sehr wichtig. Oh ja !

Berlin 59 am 07.11.23, 14:32 Uhr

Wenn man richtig Pech hatte, sagte man in den 1970 igern bei uns, da biste erschossen wie Robert Blum. Keiner wusste wer das war. Googlen ging noch nicht und ansonsten war es auch nicht so wichtig. Damals in Ost - Berlin hatte man anderen sorgen. Hing manchmal auch mit erschießen zusammen. An der Berliner Mauer.

Kommentar hinzufügen

Captcha Image

*Pflichtfelder

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag. Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

powered by webEdition CMS