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Franken

Immer am Kanal entlang

Nürnberg, Fürth, Erlangen, Forchheim, Bamberg: Am Regnitz-Radweg hat jede Stadt eine besondere Geschichte

Helga Schnehagen
03.07.2023

Eine Empfehlung für Städte-Freunde ist der Regnitz-Radweg in Franken, diesem für viele verkleinerten Abbild Deutschlands. Mit seiner 85 Kilometer langen abwechslungsreichen Talroute und seiner parallelen 73 Kilometer langen orientierungs-freundlichen Route entlang des Main-Donau-Kanals – teilweise decken sich die beiden – wäre die Strecke schnell abgeradelt. Wären da nicht Fürth, Erlangen, Forchheim und Bamberg. Städte, die man nicht links liegen lassen kann.

Ausgangspunkt ist Nürnberg. Eine Einmaligkeit in dieser unerschöpflichen Schatzkammer ist der Johannisfriedhof westlich der alten Stadtmauer. Seine bis zu 500 Jahre alten wertvollen Bronzeepitaphien auf den genormten liegenden Grabsteinen wurden 2018 ins Bayerische Landesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Viel Prominenz liegt hier begraben, darunter auch Albrecht Dürer.

Die Regnitz entsteht genau genommen erst in der 130.000 Einwohner zählenden Stadt Fürth aus dem Zusammenfluss von Rednitz und Pegnitz. Fürth ist der Gralshüter der Sozialen Marktwirtschaft, die Wiege des deutschen Wirtschaftswunders. Dessen geistiger Vater Ludwig Erhard wurde am 4. Februar 1897 in Fürth geboren.

Hohenzoller warb Hugenotten an
Das Geburtshaus des Politikers, das ehemalige Textilgeschäft der Familie Erhard, lädt heute als Café Luise im Stil der 50er und 60er Jahre zu fast schon obligatorischer Einkehr ein. Im zweiten Stock beginnt der Rundgang zu der umfassendsten Ausstellung, die man zur Personen- und Familiengeschichte, zur damaligen Zeit- und Wirtschaftsgeschichte überhaupt finden kann.

Im 2018 eröffneten Neubau des Ludwig-Erhard-Zentrums (LEZ) gegenüber setzt er sich fort. Zum 125. Geburtstag des Politikers erhielt die Dauerausstellung 2022 einige teils kuriose neue Exponate aus Erhards privatem Nachlass.

Auf dem sogenannten Ehrenweg erinnern in der Mathilden- und Schwabacher Straße 16 in den Boden verlegte Bronzeplatten stolz an weitere außergewöhnliche Fürther Persönlichkeiten. Neben Ludwig Erhard und den Wirtschaftspionieren Max Grundig sowie Gustav und Grete Schickedanz an den Schriftsteller Jakob Wassermann, den Verleger Leopold Ullstein, die Komponistin Frieda Fronmülle sowie auch Deutschlands erste Medizinstudentin und Ärztin Emilie Lehmus. Und an einen gewissen Heinz Alfred Kissinger, den späteren US-Außenminister, der trotz hohen Alters diesen Juni in seine Heimatstadt reiste und dort seinen 100. Geburtstag nachfeierte.

Hebt man den Blick, stößt man in der Altstadt rund um den Hauptmarkt auf unerwartet stimmungsvolle Ecken. Über 2000 Baudenkmäler hat die Stadt nach eigenen Angaben im Angebot. Um diese zu entdecken, muss man eventuell etwas genauer hinsehen.

Um Aufschwung ging es auch Markgraf Christian Ernst von Brandenburg-Bayreuth (1644–1712). Als sich die Wirtschaft nach dem Dreißigjährigen Krieg nicht erholte, warb der Hohenzoller Hugenotten an, Glaubensflüchtlinge aus Frankreich, für die er ab 1686 die Neustadt von Erlangen bauen ließ, die heute 112.000 Einwohner hat. Der erste Grundstein galt der Hugenottenkirche. Seitdem prägt der „Temple“ die gut erhaltene Barockstadt genauso wie das rechtwinklige Straßennetz sowie das Schloss und der Schlosspark samt Orangerie.

Die tüchtigen Strumpfwirker, Weber, Spinner, Schneider sowie Hut-, Perücken- und Handschuhmacher verfehlten ihre Aufgabe nicht. Ein Aushänger mit Goldenem Handschuh erinnert noch heute an die edlen Glacé-Handschuhe, mit denen die feine Gesellschaft europaweit beliefert wurde. Auch Christian Ernst ist weiter präsent: als Reiterstatue und Teil des Hugenottenbrunnens im Schlosspark, als Portrait am Paulibrunnen auf dem Marktplatz und als Ritzfigur in der modernen Fußgängerunterführung am Bahnhof.

Im Endspurt zur Schokoladenfabrik
Das Tor zur reichen Vergangenheit von Forchheim mit seinen 32.500 Einwohnern steht seit 2002 in der Hauptstraße der historischen Altstadt. Die Porta Vorchheimensis zeigt zwölf Episoden aus der über 1200-jährigen Geschichte der Stadt, die als karolingische Königspfalz begann und später zum Bollwerk des Hochstifts Bamberg gegen die protestantischen Nachbarn im Süden wurde. Bis heute lassen die Forchheimer es sich nicht nehmen, das Bischofsschloss daher Kaiserpfalz zu nennen. Etwa ein Drittel der Festungswerke ist erhalten. Einen hervorragenden Einblick in die nie bezwungene Anlage gibt das Festungsmuseum in der Kasematte der Roten Mauer.

Am Werksgelände von Piasten vorbei führt die letzte Etappe nach Bamberg. 1923 in Brieg/Schlesien gegründet, wagte die Schokoladenfabrik 1948 in Forchheim den Neuanfang. Beim Werksverkauf in der Piastenstraße 1 kann man sich für den Endspurt mit Naschwerk eindecken.

Mit sieben Millionen Tagesgästen und 700.000 Übernachtungen pro Jahr ist Bamberg (78.000 Einwohner) als städtebauliche Perle End- und Höhepunkt der Tour. Als Gesamtkunstwerk vom Mittelalter bis zum Barock steht die weitgehend unzerstört erhaltene Altstadt zum Großteil unter Denkmalschutz und ist seit 1993 Unesco-Weltkulturerbe.

Spätestens in diesem historischen Ambiente taucht man in die Genusswelt der fränkischen Biere ein mit allein drei Kellern und 14 Brauereien im Stadtgebiet und beinahe 70 Brauereien und rund 3000 Bieren im Umland. Eine Institution ist das „Schlenkerla“ in der Dominikanerstraße 6. Der altehrwürdige Ausschank der traditionellen Rauchbierbrauerei liegt im Herzen der Altstadt. Daneben wird Bambergs rauchige Bierspezialität nur noch außerhalb der Fußgängerzone im Brauereigasthof Spezial, Obere Königstraße 10, ausgeschenkt. Ein Streifzug zu Fuß von der Gärtner- über die Insel- bis hinauf zur Bergstadt mit dem alles beherrschenden romanischen Kaiserdom krönt die Radtour entlang der Regnitz.

Nur wenige Schritte vom „Schlenkerla“ entfernt liegen in Bamberg das Welterbe-Besucherzentrum, Untere Mühlbrücke 5, und die Tourist-Information, Geyerswörthstraße 5. www.regnitzradweg.de


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