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Immer mehr Wertschöpfung wird ins Ausland verlagert

Produktionsbedingungen werden so schlecht beurteilt wie noch nie seit dem Beginn der DIHK-Meinungsumfragen im Jahre 2008

Peter Entinger
26.02.2024

Zum Feiern ist Markus Miele derzeit nicht zumute. Zwar wird die Miele & Cie. KG, deren geschäftsführender Gesellschafter er ist, am 1. Juli 125 Jahre alt, doch die Stimmung rund um den Firmensitz im westfälischen Gütersloh ist so trist wie das Februarwetter. „Ich bin seit 1999 im Unternehmen, und wir haben seitdem mehrere sehr herausfordernde Phasen erlebt. Aber nicht mal die Finanzkrise von 2008/09 hat sich bei uns so gravierend bemerkbar gemacht“, sagte der 55-Jährige kürzlich. Jede Sparte des Haushaltsgeräteherstellers ist betroffen. „Von den verkauften Stückzahlen her haben wir im vergangenen Jahr das gesamte Wachstum von mehr als fünf Jahren verloren“, lautet die düstere Bilanz.

Das bleibt naheliegenderweise nicht ohne Folgen. Innerhalb der kommenden drei Jahre will Miele die Produktion seiner Waschmaschinen fast vollständig nach Polen verlagern. Bis zu 2700 Stellen weltweit sind potentiell von Abbau oder Verlagerung betroffen, rund 700 davon am Hauptsitz in Gütersloh.

Polen und die USA profitieren
Der Einbruch bei Herstellern von Haushalts- und Gewerbegeräten wie Miele hat immer noch mit den Folgen der Corona-Pandemie zu tun. Zu Zeiten der Lockdowns waren die Menschen zu Hause, Reisen waren nur eingeschränkt möglich. Konsumforscher haben damals schon festgestellt, dass die freiwerdenden Gelder verstärkt in die eigenen vier Wände investiert wurden. Manch einer hat so wohl auch den Kauf einer Waschmaschine vorgezogen.

Miele zählt zu den Premiumherstellern, das Preissegment ist entsprechend. Diese Branche hat sich eigentlich immer als sehr krisensicher erwiesen. Doch offenbar sind die Probleme auch in der deutschen Mittel- und Oberschicht angekommen. Viele Verbraucher haben entweder noch ein neuwertiges Gerät oder sind auf kostengünstigere Varianten umgestiegen. Hinzu kommen Inflation, gestiegene Energiepreise und unsichere Weltmärkte. „Den weltweiten Einbruch der Nachfrage nach Hausgeräten sowie die drastischen Preissteigerungen auf der Kostenseite hat auch die Miele Gruppe zu spüren bekommen“, heißt es bei Miele.

Miele räumt ein, dass man damit gerechnet habe, dass das „Pandemie-Hoch“, als viele Menschen in ihr Zuhause investiert haben, irgendwann wieder vorbei sein würde. „Es sind jedoch die wirtschaftlichen Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine hinzugekommen, mit einem allgemeinen Einbruch der Konsumneigung, hohen Steigerungen bei Preisen und Zinsen sowie der Krise im Bausektor. Damit haben auch wir nicht gerechnet“, sagte Miele, der weiter angab, dass es in Polen weniger bürokratisch zugehe.

Schon im vergangenen Sommer berichtete der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) davon, dass jedes sechste deutsche Industrieunternehmen Teile seiner Produktion ins Ausland verlegen würde. Ende des Jahres gab es Meldungen, ein Drittel der Firmen würde darüber nachdenken. Wie andere Firmen auch baut Miele nicht einfach Arbeitsplätze ab. Man investiert vielmehr anderswo, etwa in Polen, aber auch in den USA. Zum Beispiel hat der Tech-Riese Bosch, der mit seiner Haushaltssparte mit Miele konkurriert, sein Engagement in den Vereinigten Staaten verstärkt. 560 Stellen im Stammwerk bei Stuttgart werden gestrichen, einzelne Tätigkeitsfelder sollen an kostengünstigere Standorte außerhalb Deutschlands verlegt werden.

Alle Branchen sind betroffen
Für Branchenkenner kommt diese Entwicklung wenig überraschend. „Wir sehen diese Abwanderungstendenzen seit zwei Jahren in unseren Umfragen und haben immer wieder davor gewarnt“, sagt Peter Adrian, Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK). Zum Jahreswechsel hätten die Unternehmen die Produktionsfaktoren in Deutschland in der DIHK-Standortumfrage so schlecht bewertet wie noch nie seit Erhebung der Daten im Jahr 2008.

Die Abwanderung zieht sich dabei quer durch alle Branchen. Der Automobilzulieferer Continental schließt sein Werk in Deutschland spätestens 2028. Der Bau einer Fabrik in Rumänien läuft bereits. Konkurrent Michelin hat unlängst nachgezogen. Die ZF Group fährt ihr Personal in der Bundesrepublik ebenfalls runter und investiert kräftig in Serbien. Immerhin scheint die Regierung mittlerweile auch Wind von der Abwanderung bekommen zu haben. „Wir brauchen eine Wirtschaftswende“, stellte Finanzminister Christian Lindner in der vergangenen Woche fest.


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