23.05.2022

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Kultur

In der neuen Heimat Fuß gefasst

Die neue Bavariathek in Regensburg erzählt vom schwierigen Neubeginn der Heimatvertriebenen und Aussiedler nach dem Krieg

Markus Bauer
27.01.2022

Mit der Sonderausstellung „Neuanfänge – Heimatvertriebene in Bayern“ nimmt nun auch die Bavariathek im Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg ihren Betrieb auf. Durch einen Brand hatte sich die Eröffnung dieser direkt an das erst zwei Jahre zuvor eröffnete Museum der Bayerischen Geschichte angegliederten medienpädagogische Abteilung verzögert.

Im Zentrum dieser Vertriebenen-Ausstellung stehen Unternehmensgeschichten, Biographien von Personen aus den einzelnen Herkunftsgebieten und Zeitzeugenaussagen. Dabei kommen 13 aus fast allen Herkunftsgebieten stammende Männer und Frauen auch in einem 15-minütigen Film zu Wort und äußern sich zu unterschiedlichen Aspekten ihrer Vertreibung und Integration. Vier von ihnen stammten aus den Sudetengebieten, je zwei aus dem Banat und Odessa sowie jeweils einer aus Schlesien, Ostpreußen, der Batschka (Serbien) und dem damaligen Warthegau (Polen). Auskunft gibt darüber hinaus ein für die Wohnraumbeschaffung zuständiger Mitarbeiter im Landkreis Schwabmünchen.

„Wir waren die Flüchtlinge“, schildert etwa Marlene Wetzel-Hackspacher (1922–2019), die aus Mährisch-Schönberg stammende erste Konditormeisterin in Bayern, damalige Gespräche mit den Menschen in Bayern, die nicht glauben wollten, dass „noch ganze Ströme, ja Millionen“ kommen würden.

Vertriebene als neue Arbeitgeber

Die aus Schlesien geflüchtete Ruth Pirzer macht deutlich, dass viele Heimatvertriebene keine konkreten Vorstellungen über das sie aufnehmende Land hatten. Dass auch Hobbys wie das Fußballspielen viele Kontakte zu Arbeitsstellen eröffneten, wird aus den Originaltönen ebenso ersichtlich wie – später – die Schaffung von Arbeitsplätzen durch von Heimatvertriebenen gegründete Unternehmen, teilweise Wiedergründungen früherer Firmen oder auch Gründungen neuer Bereiche.

„Durch meinen Fleiß und meine Kenntnisse hat man mich akzeptiert“, bekennt der aus Odessa stammende Anton Bosch, der 1974 als Aussiedler nach Deutschland kam. Die berufliche Tätigkeit hat vielfach zur erfolgreichen Integration beigetragen, oft aber auch das ehrenamtliche Engagement, nicht selten in der Landsmannschaft der Herkunftsregion, wo dann auch das Brauchtum und die Kultur von dort im Mittelpunkt steht.

Neben diesen 13 Personen, die auch mit Bild- und Texttafeln vorgestellt werden, gibt es Erläuterungen und jeweils einige Exponate von acht Unternehmen, die ihre Wurzeln in Orten der früheren Siedlungsgebiete haben und nach der Vertreibung in der neuen Heimat oder auch darüber hinaus erfolgreich Fuß gefasst haben: Wenzel Meinl (Graslitz/Geretsried: Blechblasinstrumente), Klira (Schönbach/Bubenreuth: Gitarren), Chiba (Abertham/Teisendorf: Handschuhe), Kunert (Warnsdorf/Immenstadt: Nylonstrümpfe), Kersa (Lobositz/Mindelheim: Puppen, Stofftiere), Phönix (Penzig/Konstein: Glaswaren), Ernst Müller & Co. (Karlsbad/Barbing beziehungsweise Neutraubling: Nährmittel) sowie Rehorik (Karlsbad/Regensburg: Kaffeerösterei).

Der Gründungsdirektor des Regensburger Hauses der Bayerischen Geschichte, Richard Loibl, verwies bei der Ausstellungseröffnung auf die Aufbereitung von Flucht und Vertreibung in der Dauerausstellung des Museums und brachte den Begriff „Verlustgeschichte“ für die tschechische Seite ins Spiel. Da die Bavariathek sozusagen die Forschungsabteilung des Museums ist, sei die Idee zu diesem Forschungsprojekt entstanden.

Vertriebenenbeauftragte zu Gast

Durch den Brand in dem für die Bavaria­thek vorgesehenen Gebäude während der Bauphase 2017 und durch Corona habe sich der Start der Bavariathek verzögert. Mit der Sonderausstellung stehe diese nun aber allen Interessierten, besonders Schülern, offen. „Jugendliche können sich auch an der Forschungsarbeit beteiligen“, erklärte Loibl: „Vertreibung und Integration dürfen nicht vergessen werden.“

Über ihren Heimatort Pfatter kam Sylvia Stierstorfer, die Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene, in ihrem Grußwort auf die Nachbarstadt Neutraubling zu sprechen, eine der fünf bayerischen Vertriebenenkommunen. Hier werde deutlich, „wie viel Energie trotz des Leides der Flüchtlinge“ geflossen sei, machte die Landtagsabgeordnete deutlich. Der Erfolg Bayerns und Deutschlands sei nach dem Krieg eng mit den Vertriebenen verbunden gewesen. „Sie haben wesentlich an der Erfolgsgeschichte mitgeschrieben“, brachte es Stierstorfer auf den Punkt.

Besonders bei ihren Gesprächen in Schulklassen stellt die Politikerin fest, dass viele Kinder Großeltern aus den früheren Siedlungsgebieten haben, aber viele Inhalte und Themen in den Familien nicht besprochen wurden. Doch auch ältere Bürger würden häufig nach ihren Wurzeln suchen, hat die Beauftragte festgestellt. Daher wünschte sie dieser Ausstellung viele Besucher – vor allem Schüler, damit sich auch die junge Generation noch für die Flucht- und Vertreibungsgeschichte mancher ihrer Vorfahren interessiert.

„Wir stellen mit Freude fest, dass in Bayern und Deutschland die Integration so toll gelungen ist. Aber wir dürfen auch die Schicksale und Familiengeschichten nicht aus den Augen verlieren“, fasste Stierstorfer zusammen und erwähnte die wichtigsten Etappen der letzten Jahre in den bayerisch-tschechischen Beziehungen: „Bayern ist Brückenbauer zu den Nachbarn im Osten.“

• „Neuanfänge – Heimatvertriebene in Bayern“ läuft am Donaumarkt 2, 93047 Regensburg, bis 15. April, der Eintritt ist frei, geöffnet: Dienstag bis Freitag 9 bis 15 Uhr, sonnabends und sonntags 11 bis 17 Uhr. Infos und „digitale Erzählung“ im virtuellen Museum: www.hdbg.de/neuanfaenge



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Kommentare

sitra achra am 29.01.22, 11:39 Uhr

Der "Erfolg" der Integration der Flüchtlinge (tatsächliche, keine fingierten aus ideologischer Verblendung!) scheint vielmehr zu beweisen, dass man Menschen wie Vieh beliebig an andere Orte verschieben kann. Heimat und Kultur scheinen keine Werte mehr zu sein.
Ich kann mir jedenfalls, im Falle eines Falles, nicht vorstellen, mich und meine Familie an einen dystopischen Ort wie Afrika deportieren zu lassen.
Selbst Auswanderereldorados wie Paraguay schieben den freiwillig auswandernwollenden Deutschen, die es in ihrem Land nicht mehr aushalten, einen Riegel vor gegen Überfremdung.

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