19.07.2024

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Gedenkstätten

Ju 52 stürzte 1935 bei Stettin ab

Das Verkehrsflugzeug gehörte zur Deutsch-Russischen Luftverkehrsgesellschaft Deruluft

Karl-Heinz Engel
22.10.2023

Es dürfte die Ur-Angst wohl jedes Piloten sein, dass Navigation, Höhenmessung und andere Sicherheitskomponenten an einem Flugzeug versagen. Noch dazu, wenn Dunkelheit und Winterwetter herrschen, wie am Abend des 31. Januars 1935 im Raum Stettin. Eine Ju 52/3m näherte sich von Süden her dem Flughafen Stettin/Altdamm. Viel zu tief jedoch, denn bevor die dreimotorige Maschine zum Landeanflug ansetzen durfte, hätte sie noch die bis 148 Meter hohe Barriere der Buchheide zuzüglich ihrer 30 bis 40 Meter aufragenden Waldbestockung überwinden müssen. Dahinter erst fällt das Terrain ab.

Dann, es war gegen 19 Uhr, geschah es: Das Flugzeug – allein die Ju-Leermasse betrug 5,7 Tonnen – raste in den von Hügelketten und Schluchten durchfurchten Wald, riss eine Schneise zwischen die Stämme, zerbarst und ging in Flammen auf. Die acht Passagiere und drei Besatzungsmitglieder hatten keine Chance, den Absturz zu überleben.

Was genau die Katastrophe heraufbeschwor, konnte nie ganz geklärt werden. Handelte es sich um einen Pilotenfehler? Doch nach eingehenden Untersuchungen sprach vieles dafür, dass die Tragflächen, Leitwerke und Propeller der Ju infolge der Witterung vereist waren. Das kann dazu führen, dass Maschinen in Überlast geraten, also zu schwer werden, ihre Aerodynamik und letzten Endes ihre Flugfähigkeiten verlieren. Von Vereisung betroffen sein können auch Messinstrumente.

Folge von Überlast?
Aufzeichnungen zufolge war die Maschine um 16 Uhr in Berlin nach Danzig gestartet. Andere Angaben nennen allerdings Danzig als Abflugort mit Richtung Berlin. Wie auch immer: Der Pilot soll jedenfalls die Wetterverschlechterung erkannt und sich zu einem Zwischenstopp in Stettin/Altdamm entschlossen haben. Dem Funkverkehr nach betrug die Flughöhe seiner Ju 52 um 18.17 Uhr noch 400 Meter. Sie sank dann innerhalb der nächsten 20 Minuten auf 200 Meter, Tendenz weiter fallend. Damit war die Buchheide nicht zu überwinden. Die Reise endete schließlich im Inferno. Bis zum rettenden Altdamm wären es noch etwa sechs Kilometer gewesen.

Durch Eisbildung gerieten Flugzeuge früher des Öfteren in Not. Heute bannt die Enteisungstechnik die Gefahr weitestgehend. Die verunglückte Ju 52 mit der Kennung D-AREN gehörte zur Deutsch-Russische Luftverkehrs A.G. (Deruluft). Die war 1921 von der Aerounion AG Berlin und der sowjetischen Handelsvertretung gegründet worden, widmete sich vor allem dem Fluggeschäft mit Osteuropa, gab aber wegen zunehmender Spannungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion 1937 ihren Betrieb auf.

Prominentes Opfer des Buchheide-Unglücks war der 45-jährige Wilhelm Freiherr Marschall von Bieberstein, Luftwaffenoffizier, Leiter des Flughafens Königsberg und hoher NS-Funktionär. Ein im Absturzbereich sehr bald errichteter Denkstein ist jedoch nicht ihm, sondern einem eigentlich unbekannten Passagier namens Albrecht Rudelsdorff gesetzt worden, wahrscheinlich von Angehörigen. Dieser grob behauene Findling steht noch heute, nach bald 90 Jahren, an der Unglücksstelle, obzwar die Inschrift inzwischen deutlich verwittert ist.

In der 9000 Hektar großen Stettiner Buchheide verbergen sich etliche Denkmäler sowohl aus deutscher als auch aus polnischer Zeit. Sie verweisen auf Natursehenswürdigkeiten, erinnern aber auch an Persönlichkeiten und historische Begebenheiten. Sie sind allerdings nicht immer leicht zu finden, obwohl manche Kartenwerke auf sie aufmerksam machen.

PM-Kürzel als Wegweiser
Wer sich auf dem weit verzweigten Wegenetz der Buchheide auf die Suche begibt, sollte deshalb auch auf Bäume mit hellfarbigen PM-Kürzeln über einem Doppelstrich-Pfeil achten. PM bedeutet Pomnik, und Pomnik heißt auf Deutsch Denkmal. Die Pfeile leiten Wanderer dann tatsächlich weiter auf Trampelpfaden zu denkwürdigen Stätten, häufig jedenfalls.

Zum Rudelsdorff-Stein jedenfalls findet man auf diese Art ziemlich sicher. Wer ihn entdeckt, wird aber verblüfft darüber sein, dass es etwa 50 Meter davon entfernt ein Denkmal gibt, das ebenfalls an die Ju 52-Katastrophe erinnert. Es handelt sich um eine 450 Kilogramm wiegende Granitpyramide mit den eingemeißelten Namen der Todesopfer und dem Bildnis einer Ju 52. Der Stein wurde in den Vereinigten Staaten im Auftrag dort lebender Nachfahren von Unglücksopfern gefertigt und auch finanziert. Er wurde im Sommer 2012 aufgestellt.

Die beiden Denkmäler sind relativ leicht zu finden. Man fährt am besten vom Stadtteil Podejuch [Podjuchy] die ul. Smocza hinauf Richtung Buchheide. Unter der Autobahn hindurch geht es etwa vier Kilometer weiter auf ziemlich holpriger Asphaltpiste ins Waldgebiet. Dann rechts auf PM-Zeichen achten. Von dort etwa 250 Meter weiter stehen die beiden Denkmäler zwischen Bäumen. Zur weiteren Orientierung: Auf der anderen Straßenseite erhebt sich der 148 Meter hohe Bukowiec mit Stahlgitterturm.


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