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Polen

Kampfansage an Kaczyński und Tusk

Ein 36-jähriger Thorner mit deutschen Wurzeln mischt mit seiner „Konfederacja“ das Parteiensystem des Landes auf

Bodo Bost
14.08.2023

Sławomir Mentzen ist seit März Chef der Partei „Konfederacja Wolność i Niepodległość“ (Konföderation der Freiheit und Unabhängigkeit). Er ist das neue junge unverbrauchte Gesicht der polnischen Parteienlandschaft. Obwohl es schon seine fünfte Parteigruppierung ist, verkörpert der 36-Jährige ein völlig anderes Politikerbild als etwa der Vorsitzende der größten Oppositionspartei, der liberalkonservativen Bürgerplattform (PO) Donald Tusk – 66 Jahre alt – oder der Chef der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) und stellvertretende Ministerpräsident Jarosław Kaczyński – 73 Jahre alt. Die beiden Letztgenannten, die vom Alter her problemlos Mentzens Vater sein könnten, dominieren die polnische Politik seit gut zwanzig Jahren. Mentzen spricht vor allem jüngere Wähler an, die sich von der Jugendlichkeit der Konfederacja angezogen fühlen. Seine Popularität erlangte Mentzen vor allem dank der sozialen Medien, darunter das bei jungen Leuten beliebte Videoportal TikTok. Der Zugang zu den von der PiS kontrollierten öffentlichen Medien, aber auch zu den oppositionsnahen Medien war Mentzen lange verwehrt. Ende Mai startete er eine Tour quer durch Polen unter dem Motto „Ein Bier mit Mentzen“.
Vor den polnischen Parlamentswahlen Mitte Oktober will die am Nikolaustag des Jahres 2018 gegründete Konföderation sich noch einmal neu erfinden: weg vom bisherigen Schmuddelimage, hin zu einer Volkspartei in der Mitte der Gesellschaft. Vor der Europawahl 2019 verkündete Mentzen die „Fünf Säulen der Konföderation“, die ihm heute oft vorgeworfen werden: „Wir wollen keine Juden, keine Homosexuellen, keine Abtreibung, keine Steuern und keine Europäische Union.“ Damit geriet der Besitzer mehrerer Steuerbüros und Doktor der Ökonomie, dessen Vater Mieczysław Mentzen Mathematikprofessor an der Thorner Universität ist, in die Schlagzeilen und gewann mit fünf Prozent kein Mandat. Heute ersetzt er Juden durch Ukrainer oder Flüchtlinge.

Neu, jung und unverbraucht
Inzwischen liegt seine Partei in den Umfragen bei 15 Prozent und wäre damit hinter der PiS mit knapp 34 und der PO mit 28 Prozent drittstärkste Kraft bei den Parlamentswahlen. Nach derzeitigem Stand könnte die PiS nach der Wahl ihre Regierung nur fortsetzen, wenn sie ein Bündnis mit Mentzen einginge. Zwar lehnt Kaczyński das bislang noch strikt ab, doch schon jetzt stimmen Abgeordnete beider Parteien im Sejm oft gemeinsam ab.

Mentzen ist ein Ultrakatholik, er ist gegen Abtreibung und Ehescheidung und orientiert sich streng an der Soziallehre der Kirche. Als Ultrakonservativer trat er 2018 der Dietrichswaldener Konföderation bei, die auf Initiative seines einstigen Weggefährten Grzegorz Braun gegründet wurde. Dietrichswalde [Gietrzwałd] im Ermland, wo es 1877 zu Marienerscheinungen kam, ist heute nach Tschenstochau der zweitgrößte Wallfahrtsort in der Republik Polen. „Wir, die Unterzeichnenden, (...) bringen unseren aufrichtigen Willen zum Ausdruck, unser privates und öffentliches Leben der Herrschaft Christi, des Königs von Polen, und dem Schutz seiner Heiligen Mutter zu unterwerfen“, versprach Mentzen damals. Kaczyński kanzelte den halb so alten Mentzen und die Seinen noch vor Kurzem als „Wirrköpfe und Kinder“ ab. Über Tusk sagt er, dass „dieser wahre Feind Polens“ gefälligst „nach Deutschland verschwinden“ solle. Damit spielt er auf die kaschubischen Wurzeln von Tusk an. Die Kaschuben sind bis heute mit ihrem deutschen Akzent als deutschfreundlich verschrien.

Deutscher Uropa statt antideutsch
Während Kaczyński noch mit deutschfeindlichen Parolen Wahlkampf und Politik macht, hat Mentzen sich vor Kurzem zu seiner deutschen Abstammung bekannt – wie es sich für ihn gehört, auf Twitter und YouTube. Angesichts seines sehr deutsch klingenden Namens wollte Mentzen den Medien zuvorkommen, die schon hinter dieser Spur her waren. Mentzen ist wie Nikolaus Kopernikus in Thorn [Toruń] geboren. In der Thorner Lokalpolitik hat er auch seine politische Karriere begonnen. Sein Urgroßvater, Josef Mentzen, sei Deutscher gewesen und stamme aus Tuchel in Westpreußen, verriet Sławomir Mentzen. Josef Mentzen und seine polnische Ehefrau wurden vor dem Ersten Weltkrieg Eltern zweier Söhne, Jan und Josef, von denen Letzterer Sławomir Mentzens Großvater war. Nachdem Josef Mentzen senior im Ersten Weltkrieg gefallen war und Tuchel im Frieden von Versailles der Republik Polen zugeschlagen worden war, heiratete seine Ehefrau einen polnischen Mann. Ihre beiden Söhne bekamen einen Stiefvater. Sie lebten, so Sławomir Mentzen, „in postdeutschen Gebieten, in einer binationalen Familie und lebten in einem Gebiet, in dem sowohl Deutsche als auch Polen lebten. Das waren komplizierte und schwierige Zeiten.“

Nach der Besetzung Polens durch die Wehrmacht 1939 trat Josef Mentzen in der Gegend von Lublin der polnischen Heimatarmee (AK) bei. Nach dem Einmarsch der Sowjets 1944 wurde er verhaftet und erst 1955 freigelassen. Zwei Jahre später wurde Sławomir Mentzens Vater geboren, sein Großvater starb 1982. Sławomir Mentzens Großonkel Jan entschied sich 1939, Deutscher zu sein. Er diente in der Wehrmacht und kehrte Ende 1945 nach Polen zurück, wo auch er denunziert und angeklagt wurde. Obwohl beide Brüder im Zweiten Weltkrieg auf verschiedenen Seiten gekämpft hatten, landeten beide nach Kriegsende in polnischen Gefängnissen. Jan wurde indes sechs Jahre früher als Josef freigelassen und blieb anschließend nicht in Polen, sondern reiste nach Westdeutschland aus.


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