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Deutsche Sprache, schwere Sprache: Die Jugendlichen nehmen gemeinsam mit Deutschlehrer Sebastian Gerstenberg die Herausforderung an
Foto: vdg.plDeutsche Sprache, schwere Sprache: Die Jugendlichen nehmen gemeinsam mit Deutschlehrer Sebastian Gerstenberg die Herausforderung an

Östlich von Oder und Neiße

Kann man Wortwitz lernen?

Die Deutschen in Polen wollen junge Leute polenweit als Kabarettisten ausbilden

Chris W. Wagner
01.07.2021

Lehrer haben es heutzutage nicht einfach, sagt man. Es sei denn, es sind Pädagogen, die mit Kindern arbeiten, die etwas unbedingt lernen wollen. Diesen Luxus darf ab und an Sebastian Gerstenberg erleben. Der Deutschlehrer aus der oberschlesischen Stadt Oberglogau [Głogówek] wirkt seit vielen Jahren in der Deutschen Bildungsgesellschaft, einer Organisation der Deutschen Minderheit, die Deutschlehrer polenweit ausbildet, Lehrmaterial ausarbeitet und sich allgemein polenweit für die Pflege deutscher Sprache einsetzt.

Als zweiter Vorsitzender hat Gerstenberg nun eine weitere Aufgabe zu bewältigen. Für den Verband der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (vdg) leitet er ein Kinder- und Jugendkabarett. Das Projekt läuft erst an, und im Moment werden Teilnehmer im Alter von zwölf bis 20 Jahren dafür gesucht. Das Jugendkabarett soll mit 50 Unterrichtsstunden eingeführt werden.

Doch gelernt wird dabei nicht das Witzigsein, sondern, wie man ein Bühnenstück auf die Beine stellt, und zwar von der Idee zu einem Stück, über das Schreiben dieses Stücks – inklusive Musik –, Auswahl der Schauspieler, bis zur Fertigung des Bühnenbildes. Das fertige Stück soll gefilmt und von einer Jury bewertet werden. Gerstenberg ist überzeugt, dass man Kabarett eben auch lernen kann. „Man sagt zwar, entweder ist man von Natur aus witzig oder mürrisch. Aber ich glaube, dass in jedem Menschen eine lustige Seite steckt. Wir müssen sie nur herauskitzeln“, sagte Gerstenberg im „Wochenblatt.pl“, der Zeitung der Deutschen in Polen.

Mit dem Projekt will Gerstenberg aber mehr, nämlich, dass die Kinder und Jugendlichen über die Ereignisse, die sie bewegen in der deutschen Sprache reden. Besonders wichtig ist ihm dabei die Arbeit in Gruppen und das Herausarbeiten der unterschiedlichen Talente. „Der eine hat die Idee, ein anderer kann dies auf der Bühne präsentieren, noch andere spielen Instrumente, können gut zeichnen, sind technisch begabt oder kennen sich in der Prominentenwelt aus“, sagte er. Und weil die Sprache beim Kinder- und Jugendkabarett deutsch ist, würde dies die Alltagssprache der Jugendlichen fördern. Davon ist Gerstenberg überzeugt. Der Gebrauch des Deutschen als Alltagssprache sei dringend notwendig, denn anders als bei den deutschsprachigen Gemeinschaften in Dänemark oder Südtirol, nutzt die Deutsche Minderheit in Polen diese höchstens zu Hause. Dabei wird die deutsche Sprache als „Sprache des Herzens“ bezeichnet.

„Man wird schon komisch angeguckt, wenn man zum Beispiel im Bus Deutsch spricht. Man muss sich dann schnippische Kommentare anhören“, sagt die zwölfjährige Jasmin, die sich mit ihrer oberschlesischen Oma vor allem auf Deutsch unterhält. Und damit Jugendliche ihres Gleichen finden und nicht nur die Scheu vor öffentlichen Bühnenauftritten oder vor einer Kamera verlieren, sondern vor allem Deutsch untereinander sprechen, will man es nun also mit Kabarettstunden versuchen. Wer weiß, vielleicht kommt bald einmal wieder an der Ostsee ein neuer Heinz Erhardt (geboren 1909 in Riga), Günter Willumeit (geboren 1941 in Memel) oder in Schlesien ein neuer Dieter Hildebrandt (geboren 1927 in Bunzlau) auf die Bühne.

• Das durch das Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat geförderte Projekt des Verbands der sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (vdg) ist für die Altersgruppe von zwölf bis 20 Jahren bestimmt und läuft von Juli bis November. Insgesamt sollen fünf Jugendgruppen mit je neun bis 15 Jugendlichen gebildet werden. Das Projekt umfasst 50 Unterrichtsstunden á 45 Minuten. Interessenten erreichen den Deutschlehrer Sebastian Gerstenberg unter E-Mail: sgerstenberg@poczta.pl oder telefonisch unter (0048-606) 326132.



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Kommentare

sitra achra am 06.07.21, 11:57 Uhr

Dieses Projekt fördert auch die Intelligenz und die Kreativität der Schüler, sodass die dazuerworbenen neuronalen Verknüpfungen sie in Zukunft widerstandsfähiger gegen anerzogene Eindimensionalität werden lassen.
Vielleicht werden aus ihnen auch aufmüpfige Querdenker?

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