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Theodor von Schön: Kolorierter Stich von Eduard Eichens
Foto: akg imagesTheodor von Schön: Kolorierter Stich von Eduard Eichens

Geschichte

„Kants größter praktischer Schüler“

In Preußens bewegter Zeit waren die Prinzipien des Königsberger Philosophen der Aufklärung die Grundlage des Wirkens Theodor von Schöns. Vor 250 Jahren starb der preußische Staatsmann auf seinem Gut Preußisch-Arnau bei Königsberg

Walter T. Rix
19.01.2023

Es gibt Zeiten, in denen sich die Träger der Verantwortung für das politische Gemeinwesen infolge ihrer eigenen Befangenheit den Blick derart verstellt haben, dass sie nicht zu erkennen vermögen, was gut für den Staat ist. Das gilt insbesondere heute für unser offizielles Verhältnis zu Preußen. Jene, die selbst den Begriff Preußen am liebsten tilgen möchten, verkennen dabei den Beitrag preußischen Denkens zur Entwicklung eines modernen Rechtsstaates.

Unter den großen Geistern, die Preußen hervorgebracht hat, nimmt Theodor Heinrich von Schön gleich aus mehreren Gründen eine besondere Stellung ein. Als Persönlichkeit und politisch wirkender Zeitgenosse fügt er sich nicht so ohne Weiteres in die vorherrschenden Denkmuster ein und hat dementsprechend bisher noch nicht die Aufmerksamkeit gefunden, die der herausragenden Rolle dieses Mannes entspricht. Die Forschung hat noch umfangreiche Archivalien aufzuarbeiten, ehe sie in der Lage sein wird, ein zutreffendes Bild zu zeichnen.

Am 20. Januar 1773 wurde Theodor von Schön als Sohn eines Domänenpächters und Staatsrates in Schreitlaugken geboren, einem Gutsweiler am Ostufer der Memel, direkt gegenüber von Ragnit. Er studierte zunächst in Königsberg Rechts- und Staatswissenschaft und trat 1793 in den preußischen Staatsdienst ein. Entscheidend für seine geistige Entwicklung wurde ein einjähriger Studienaufenthalt in England, der ihn mit den Gedanken des liberalen Parlamentarismus vertraut machte.

Engster Mitarbeiter Steins

Ab 1802 Rat im preußischen Generaldirektorium, wurde er der engste Mitarbeiter des Reichsfreiherrn Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein und zugleich dessen politischer Weggefährte. Als rechte Hand und teilweise als Vordenker Steins hatte er maßgeblichen Anteil an den Reformgesetzen zur Bauernbefreiung und zur Städteordnung. Bis in den Wortlaut hinein lässt sich nachweisen, dass das wegweisende politische Testament Steins seine Handschrift trägt.

Nach dem von Napoleon betriebenen Sturz Steins wurde Schön Staatsrat im Innenministerium und 1809 Regierungspräsident von Gumbinnen. Als Generalgouverneur der Länder östlich der Weichsel und als Organisator der Landwehr war er es, der die Erhebung der Landstände gegen Napoleon einleitete und damit die Weichen für den Wiederaufstieg Preußens stellte. 1816 wurde er Oberpräsident von Westpreußen und nach dessen Zusammenlegung mit Ostpreußen 1824 der neugeschaffenen Provinz Preußen, ab 1840 in der Funktion eines Staatsministers.

Nach dem Regierungsantritt von Friedrich Wilhelm IV. verfasste er anonym die für die damalige Zeit revolutionäre Schrift „Woher und wohin?“, in der er entschieden für die Repräsentatividee eintrat und die Einberufung sogenannter Generalstände forderte. Das Bekanntwerden seiner Verfasserschaft führte 1842 schließlich zu seiner Entlassung, ohne dass ein Bruch mit dem König erfolgte. Da Schön für den Wiederaufbau der Marienburg gesorgt hatte, ernannte der König ihn nunmehr zum Burggrafen von Marienburg.

Der Studienaufenthalt in England nach dem Studium vermittelte ihm entscheidende Anstöße für sein späteres staatsmännisches Denken und Wirken. „Erst England machte mich zum Politiker“, bekannte er später. Dort nahm er die Ideen Adam Smiths auf, die ihm bereits durch den Professor Christian Jacob Kraus, Begründer der Staatswissenschaft an der Universität Königsberg, nahegeracht worden waren. Vor allem aber erblickte er in England eine von staatlicher Bevormundung freie „Gesellschaft“ – er gebraucht diesen Begriff tatsächlich –, die ihm in ihrer Verbindung aus aristokratischer Tradition und bürgerlichem Fortschritt die beste Gewähr für eine verständnisvolle Mitarbeit an den Aufgaben des Staates zu bieten schien. Staat war für ihn eine „Idee“, die nichts mit seelenlosem Mechanismus zu tun hatte.

„Woher und wohin?“

Diese Vorstellung verbindet er mit der Ethik Immanuel Kants, die ihm als Grundlage jeglicher Staatskunst galt. In der Anverwandlung des angelsächsischen Liberalismus, in der Übertragung dieses politischen Prinzips auf die spezifischen Verhältnisse des deutschen Bereichs und vor allem in der Vervollkommnung dieser Lehre durch die Verbindung mit den Grundsätzen Kants liegt die gewaltige denkerische, aber auch im Sinne der politischen Realität praktische Leistung Schöns. Leopold von Ranke bezeichnet ihn daher als den „größten praktischen Schüler Kants“.

Fast könnte man sagen: Schön hatte Kant im Blut. Schon sein Vater hatte nicht nur Kant an der Albertina gehört, sondern auch eine freundschaftliche Beziehung zu dem Philosophen entwickelt. Er legte seinem Sohn daher Kant ans Herz und sorgte dafür, dass dieser während des Studiums ein Auge auf seinen Sohn warf. Wenn Schön nach dem Studium nicht nur Aktenstaub aufwirbeln, sondern die Welt sehen wollte, so ist dies, wie er rückblickend vermerkt, eine Folge „der Bildung welche ich durch Kant und Kraus erhalten hatte“. Während der anschließenden gesamten Laufbahn blieb Kant, im übertragenen Sinne, sein ständiger Begleiter. Von den Anfängen des Studiums bis zu seinem Tode standen daher die Prinzipien Kants im Katechismus Schöns als sittliche Verpflichtung ganz oben.

Generell ging es Schön um die Überwindung der geburtsständischen Gliederung im politischen und auch wirtschaftlichen Bereich. Ein aufgeklärtes Ostpreußen, das er wiederholt als „Vaterland Kants“ bezeichnete, musste daher in einem grundsätzlichen Widerspruch zur Adelsherrschaft und zum Feudalismus stehen. In seinen „Persönlichen Schriften“ merkt er dazu an: „Das Vaterland Kants sah zu klar, um an einer solchen Mißgeburt Theil nehmen zu können.“ Den Adel in dieser Weise zu definieren und die bestehende soziale Ordnung als „Mißgeburt“ zu bezeichnen, birgt ein gefährliches revolutionäres Potential.

Gegner der „Ultra-Aristokraten“

Mit dieser Haltung konnte sich Ostpreußens Oberpräsident beim Adel, den er an die Leine zu legen trachtete, nicht besonderer Beliebtheit erfreuen; hier galt er als „Jakobiner“, insbesondere da er auch die Gutsbesitzer zur ständigen Verbesserung der Verhältnisse anhielt. Die Herrschaft der „Ultra-Aristokraten“, wie Schön sie zu nennen pflegte, vor 1807 war für ihn ein „verrottetes Zeitalter“ und eine „finstere Zeit“. Fundament dieser überlebten Ordnung war die Leibeigenschaft. Im Zen­trum seiner Bemühungen stand daher, um seine Worte zu benutzen, die „Aufhebung der Sklaverei“. Auch hier weist Kant seinem Zögling den Weg. Wie Schön berichtet: „Kant sagte mir etwa im Jahre 1795, die Eingeweide drehten sich ihm im Leibe um, wenn er an die Erbuntertänigkeit bey uns dächte.“ Hatte Kant bereits in seinen Prolegomena gefordert: „In der Tat ist's eine große Gabe des Himmels, einen geraden [...] Menschenverstand zu besitzen. Aber man muß ihn durch Taten beweisen“, so erblickte Schön hierin einen verpflichtenden Handlungsauftrag.

Die konsequente Verfolgung dieses Ziels ließ erhebliche Spannungen nicht nur gegenüber dem Adel und dem Beamtenapparat, sondern sogar in Bezug auf die anderen Reformer entstehen. Selbst Stein und Karl August von Hardenberg blieben davon nicht verschont. Zwar war Hardenberg, der aus dem Hannoverschen kam und in Ansbach als Beamter groß geworden war, nicht mit den Verhältnissen im Osten vertraut und bedurfte daher der leitenden Hilfestellung Schöns. Die Kritik Schöns setzt jedoch an einem anderen Punkt an. Es ist das Fehlen von Ideen im Sinne Kants, das er persönlich als enttäuschend empfindet: „Die Entdeckung bey Hardenberg, daß er im Staatswesen kein Mann von Idee, sondern ein gewöhnlich gesellschaftlich gebildeter Mensch sey, machte mich unglücklich.“

Als Staatskanzler bestand das Hauptziel Hardenbergs in der Schaffung von Reichsständen, wobei auch er sich bei diesem Vorhaben durch alle Widerstände des Adels durchlavieren musste. Nur zu gerne leistete ihm Schön dabei Schützenhilfe. Jedoch lag es nicht im Sinne Schöns, diese Reichsstände zu schaffen. Das Ergebnis war, dass die Anordnungen und Erlässe Hardenbergs vielfach die Handschrift Schöns trugen und damit unverkennbar dessen fast revolutionäre Akzente aufwiesen.

Spannungen mit anderen Reformern

Die Vorstellung vom Staat als „Verkörperung der Vernunft“ musste ihn in Gegensatz zur katholischen Kirche in Westpreußen bringen. Auch in diesem Punkt folgt Schön der Philosophie Kants, der in seiner Anthropologie in pragmatischer Hinsicht ausführt: „Der Mensch war nicht bestimmt wie das Hausvieh zu einer Herde, sondern wie die Biene zu einem Stock zu gehören.“ So ist es für Schön äußerst verwerflich, wenn die Kirche in politischer Absicht ihre Mittel benutzt, „um die Herde zusammen halten zu können“. Und bedient sich der Staat der Kirche zu seiner Machtausübung, so ist er nichts anderes als ein „Hüter u. Treiber einer Herde“. Jedoch war er in religiösen Fragen alles andere als doktrinär. So achtete er darauf, dass die litauischen Gemeinden im Memelgebiet ihre Gottesdienste in ihrer Sprache abhalten konnten.

So entschieden Schön auf der politischen Bühne für seine Überzeugungen eintrat, so warmherzig scharte er einen Freundeskreis kritischer Geister um sich. Auch rief er mehrere sogenannte Leserkreise ins Leben, in denen die drängenden Fragen der Zeit lebhaft erörtert wurden. Zu seinen lebenslangen Freunden zählte der Dichter Joseph von Eichendorff, von ihm als „Herzensbruder“ bezeichnet. 1820 hatte Stein den schlesischen Dichter als Schulrat nach Danzig versetzt. Von hier holte ihn Schön nach Königsberg. Da Eichendorff die Wohnung im Königsberger Schloss nicht behagte, bot ihm Schön seine Gastfreundschaft auf seinem Gut Preußisch-Arnau an. Hier entspannen sich zwischen dem katholischen Romantiker und dem kantianischen Aufklärer faszinierende Gespräche.

Am 23. Juli 1856 verstarb Schön auf Preußisch-Arnau. Wer heute Arnau besucht, sechs Kilometer östlich vom Stadtkern Königsbergs an der alten Reichsstraße 1 gelegen, findet dort unmittelbar neben der St. Katharinenkirche seine Grabstätte. Unweit davon liegt sein einstiger Wohnsitz, das in seiner äußeren Form erhaltene klassizistische Herrenhaus, in seinem Inneren zu einem modernen Büro umgewandelt.


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Kommentare

Kersti Wolnow am 19.01.23, 07:46 Uhr

Das Problem heute ist nicht die an die Geburt gebundene Ständegesellschaft, die viele Dumme hervorgebracht hat, heute ist zwar allen der Bildungsweg offen, aber die Einrichtungen sind inellektuell in den Boden gewirtschaftet, daß es tiefer nicht geht. Man sieht es an den hochgehievten Gestalten im Politik- und Medienbetrieb, der einem intellektuellen Schöngeist auch beim Niedergang von Kunst und Architektur das Leben unerträglich macht.
Ich warte auf einen Aufstand der Intelligenz in diesem Lande, angefangen bei der Bundeswehr. Jeder sollte sich seine Führungsperson einmal genauer anschauen, wie auch diverse "Manager". Es kann nur einen Aufstand von unten geben, um der nach oben gespülten Schicht die Gefolgschaft zu verweigern und ihr intellektuelles Versagen bloßzustellen.

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