13.07.2024

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Um 1870: Schloss Wilhelmshöhe
Foto: Michael Imhof VerlagUm 1870: Schloss Wilhelmshöhe

Schloss Wilhelmshöhe

Kassels Domizil der Herrscher dreier Reiche

In der für den Landgrafen von Hessen-Kassel errichteten Dreiflügelanlage residierten der König von Westfalen und der Deutsche Kaiser. Kaiser Napoleon III. war hier nicht nur zu Besuch, sondern auch interniert

Heinrich Prinz von Hannover
04.07.2024

Es war längst überfällig, dass der Stadtarchivar von Metzingen bei Reutlingen, Rolf Bidlingmaier, die hessische Residenz Schloss Wilhelmshöhe in Kassel für das historische Bewusstsein von Stadt und Land wieder als ehemalige Sommerresidenz erfahrbar macht. Der Autor hat sich zuvor bereits sehr ausführlich mit dem Alten und Neuen Schloss in Oettingen, dem Kronprinzenpalais in Stuttgart und dem Residenzpalais in Kassel beschäftigt. Bidlingmaiers neuestes Werk über das Schloss Wilhelmshöhe übertrifft dabei alle Erwartungen. Er beschreibt nicht nur die Architektur und stellt ihre Bezüge zur zeitgenössischen Stilentwicklung dar, sondern er widmet sich auch sehr detailliert den Innenräumen samt ihrer Ausstattung.

Kassel galt bis zu seiner Kriegszerstörung 1943 als eine der schönsten Städte Deutschlands. Dieser Umstand rührte auch daher, dass die hessischen Landgrafen und Kurfürsten seit dem 17. Jahrhundert ihren Heiratskreis auf europäische Königshäuser ausdehnten und sich so deren Maßstäbe für ihr Wirken wie auch für die Gestaltung ihrer Residenz, zu eigen machten.

Erst im Januar 1945 wurde der zu Wohn- und Repräsentationszwecken erbaute Mittelbau, das Corps de Logis, von Schloss Wilhelmshöhe bei einem Luftgangriff fast vollständig zerstört, und der kuppelbekrönte Mittelbau des Schlosses wurde durch Bomben stark beschädigt. Die Kuppel des Mittelbaus wurde bis heute nicht wieder hergestellt. Dabei vernichteten Brandbomben der Royal Air Force die prachtvollen Innenräume. Der Wiederaufbau für die Gemäldegalerie und die Antikensammlung erfolgte in den Jahren 1962 bis 1974 unter dem Motto „dies ist kein Schloss, sondern ein modernes Museum“. Vor diesem Hintergrund stellt der Autor eine Gesamtdarstellung der Bau- und Nutzungsgeschichte unter besonderer Berücksichtigung der verlorenen Räume in den Mittelpunkt seiner Arbeit.

Sommerresidenz der Landgrafen und Kurfürsten von Hessen
An der Stelle von Schloss Wilhelmshöhe stand im Mittelalter das Kloster Weißenstein, so benannt nach dem auf dem Plateau im Boden vorkommenden, hellen Quarz. Das Kloster ist bereits 1143 nachweisbar und war von Augustinerinnen besiedelt. Mit der Reformation hob Landgraf Philipp der Großmütige 1527 das Kloster auf und benutze es für seine Sommeraufenthalte. Ab 1606 ließ Landgraf Moritz das vormalige Kloster in ein dreiflügeliges Schloss im Stil der Renaissance umgestalten. Die Anlage wurde aufgrund ihrer Nähe zur Residenzstadt Kassel von den Landgrafen gerne als Sommerresidenz genutzt und im 17. und 18. Jahrhundert immer wieder umgebaut und modernisiert.

1785 starb Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel. Sein Nachfolger Wilhelm IX. entschloss sich, auf dem Weißenstein anstelle des alten Schlosses eine neue Residenz zu errichten und den Garten in einen Landschaftspark umzugestalten. Noch während der Abrissarbeiten des alten Schlosses erbaute der Architekt Simon Louis Du Ry den frühklassizistischen Weißensteinflügel in südlicher Richtung des ehemaligen Schlosses.

Bereits 1787 erhielt der Architekt vom Landgrafen den Auftrag in nördlicher Richtung einen zweiten Flügelbau zu errichten, den sogenannten Kirchflügel. Nach längeren Planungen und Überlegungen genehmigte im Januar 1792 Landgraf Wilhelm IX. dem Architekten Hans Heinrich Jussow, der zwischen den beiden Flügelgebäuden von Du Ry einen Mittelbau entwarf, die Bauarbeiten zu beginnen. So erhielt Schloss Wilhelmshöhe einen kontrastierenden Mittelbau, der die unterschiedlichen Baugesinnungen von Du Ry und Jussow erkennen lässt.

Während Du Ry, aus dem Spätbarock kommend, in frühklassizistischer Manier noch an einem Fassadensystem festhält, löst Jussow dieses System auf und stellt den Portikus vor das Gebäude. Die rund gebauten Verbindungsflügel, zwischen dem Mittelbau und den beiden Seitenflügeln gelegen, entstanden erst 1829 und dienten Kurfürst Wilhelm II. u.a. als moderne Appartements.

Im Jahr 1806 wurde Kurhessen von französischen Truppen besetzt. Kurfürst Wilhelm I., der 1803 die Kurwürde erlangt hatte, floh nach Prag. Die Wilhelmshöher Residenz blieb kurzfristig ungenutzt, wobei der Kurfürst das Nötigste mitgenommen hatte und bedeutende Möbel, Gemälde und Statuen wegräumen und verstecken ließ. Nachdem Napoleons Bruder Jérôme 1807 zum König von Westphalen ernannt worden war, nutze er das Schloss für sich als Sommerresidenz. Zu Ehren seines Bruders, des Kaisers der Franzosen, erhielt das Schloss im Dezember 1807 die Bezeichnung „Napoleonshöhe“. Unter König Jérôme kam es fast nur zu Umbauarbeiten im Schloss. Viele Räume wurden im Empirestil neu dekoriert und möbliert. Die Außenfassade des Schlosses erhielt keine Veränderung. Mit dem Zusammenbruch des Königreichs Westphalen 1813 und der Flucht des Königs Jérôme wurde ein Großteil der Einrichtungsgegenstände sowie der Seidentapeten und Gardinen in Kisten verpackt und mitgenommen. Zurück blieben nur die größeren und aufwendig zu transportierenden Möbelstücke wie Konsoltische, Kommoden, Schreibtische, Betten, zerbrechliche Objekte wie Spiegel oder schwere Gegenstände wie Büsten und Statuen.

Raumdekorationen des Klassizismus und Empire
Nach seiner Rückkehr im November 1813 übernahm Kurfürst Wilhelm I. von Hessen-Kassel weitestgehend ein leeres Schloss. Es benötigte vor allem neue Wandbespannungen, Tapeten, Leuchter und Vorhänge. Mit der Thronbesteigung von Kurfürst Wilhelm II. 1821 wurde die Beletage des Mittelbaus neu ausgestattet, modernisiert und zum Teil aufwendig möbliert.

Der letzte Kurfürst von Hessen-Kassel, Friedrich Wilhelm, ließ keine aufwendigen Bauarbeiten mehr zu. Während seiner Regierungszeit wurden nur noch begonnene Bauaufträge seines Vaters abgeschlossen und konservatorische Maßnahmen ergriffen. Im Deutschen Krieg von 1866 wurde Kurfürst Friedrich Wilhelm abgesetzt und am 23. Juni als Gefangener nach Stettin überführt. Kurhessen wurde Teil des preußischen Staates und Kassel Hauptstadt der nunmehr preußischen Provinz Hessen-Nassau.

Trotz der Annexion durch Preußen behielt Schloss Wilhelmshöhe seine bisherige Funktion als Residenz. Bei der Schlacht von Sedan im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 geriet Kaiser Napoleon III. in preußische Gefangenschaft. König Wilhelm I. von Preußen überließ ihm vom 5. September 1870 bis zum 19. März 1871 Schloss Wilhelmshöhe als Quartier. Napoleon III. bezog die Appartements der Beletage im Mittelbau. Der Winter 1870/71 war übermäßig kalt und der Kaiser ein sehr kälteempfindlicher Mensch. Dementsprechend stark wurde für ihn im Schloss geheizt. Durch das starke Heizen entstand erheblicher Schaden am Schloss. Einige Öfen zersprangen und viele Holzteile, so die Wandverkleidungen, Türen und Parkettfußböden trockneten aus und verzogen sich. Somit hinterließ Napoleon III. Reparaturkosten von 6791 Reichstalern. Diese wurden auf Anordnung von König Wilhelm I. von Preußen aus dem Kronfideicommiss beglichen.

Unter dem Deutschen Kaiser Wilhelm II. erhielt das Schloss Wilhelmshöhe zum letzten Mal den Status einer Sommerresidenz. Die Übergabe des Schlosses an das Oberhofmarschallamt in Berlin fand offiziell erst 1893 statt. Der Kaiser besuchte ab 1897 regelmäßig „seine“ Kasseler Residenz und ließ dafür im südlich gelegenen Weißensteinflügel Appartements für seine Kinder herrichten. Er und die Kaiserin bewohnten die Beletage im Mittelbau. Mit dem Ende der Monarchie fiel das Schloss an die neugegründete Preußische Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten, die Schloss Wilhelmshöhe als „Museumsschloss“ erstmals der Öffentlichkeit zugänglich machte.

Heute wird das Schloss von der „Verwaltung Staatlicher Schlösser und Gärten Hessen“ betrieben und ist Sitz von „Hessen Kassel Heritage“.

Rolf Bidlingmaier: „Schloss Wilhelmshöhe in Kassel“, Michael Imhof Verlag Petersberg 2014, Hardcover, 504 Seiten, 415 Farb- und 119 SW-Abbildungen, 69,95 Euro, ISBN 978-3-7319-1317-7.


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