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Deutsch-französische Friedensverhandlungen im Frankfurter Hotel Zum Schwan: Zeitgenössischer Holzschnitt
Foto: WikimediaDeutsch-französische Friedensverhandlungen im Frankfurter Hotel Zum Schwan: Zeitgenössischer Holzschnitt

Frieden von Frankfurt

Keine Blaupause für das Versailler Diktat

Vor 150 Jahren endete der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71

Manuel Ruoff
08.05.2021

Spätestens seit der Sedanschlacht vom 1. und 2. September 1870 war Frankreich im Deutsch-Französischen Krieg in die Defensive geraten. Sein Kaiser, Napoleon III., war in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten. Sein primäres außenpolitisches Kriegsziel, die Verhinderung der Ausdehnung des Einflusses Preußens über den Main Richtung Süden, war verfehlt. Als krönender Abschluss des preußischen Sprungs über den sogenannten Weißwurstäquator wurde der preußische König am 18. Januar 1871 zum Deutschen Kaiser proklamiert.

Für Frankreich war es seitdem primäres Kriegsziel, möglichst unbeschadet aus dem Krieg herauszukommen. Die Dritte Republik, die zwei Tage nach Napoleons Gefangennahme dessen Zweites Kaiserreich abgelöst hatte, stellte sich auf den Standpunkt, dass mit dem Sturz des Kaisers, der Preußen den Krieg erklärt hatte, der Kriegsgrund entfallen sei und man deshalb zum Frieden auf der Basis des Status quo ante zurückkehren könne.

Bilaterale Verhandlungen

Preußen, mittlerweile in der Offensive, war hierzu jedoch nicht bereit. War es anfänglich darum gegangen, Frankreichs Widerstand gegen Preußens Sprung über den Main zu brechen, so kamen während des Krieges territoriale Forderungen hinzu. Elsass und Lothringen sollten wieder deutsch werden. Die Militärs begründeten diese Forderung mit der Notwendigkeit, sich nach den schlechten, kriegerischen Erfahrungen mit Napoleon I. und Napoleon III. in diesem 19. Jahrhundert in den dauerhaften Besitz weiterer linksrheinischer Befestigungen bringen zu müssen.

Preußens Militär und die deutsche Nationalbewegung gingen in dieser Frage konform. Bereits in den napoleonischen Kriegen hatte Ernst Moritz Arndt klargestellt, was des Deutschen Vaterland ist: „So weit die deutsche Zunge klingt und Gott im Himmel Lieder singt, das soll es sein! das, wackrer Deutscher, nenne dein!“ Und zumindest im Elsass wurde Deutsch gesprochen. So hatte Arndt den Rhein denn auch als „Deutschlands Strom, aber nicht Deutschlands Grenze“ bezeichnet. Über Jahrhunderte hatten das Elsass und Lothringen zum Reich gehört. Umso größer war in der deutschen Nationalbewegung die Enttäuschung, dass Frankreich nach den Befreiungskriegen diese Erwerbungen des 17. und 18. Jahrhunderts hatte behalten dürfen. Noch einmal sollte das nicht passieren.

Aus französischer Sicht gehörten das Elsass und Lothringen spätestens seit der Revolution von 1789 zur gemeinsamen Schicksals- und Wertegemeinschaft. Am 6. September 1870 erklärte Frankreichs neuer Außenminister Jules Favre in einem Rundschreiben an die diplomatischen Vertreter seines Landes: „Wir werden keinen Fußbreit unseres Gebietes, keinen Stein unserer Festungen opfern.“

Auf die ernste militärische Lage reagierte die Dritte Republik wie gut sieben Jahrzehnte später das Dritte Reich mit einer Totalisierung der Kriegsführung. Die französischen Massenaushebungen brachten die deutsche Seite in eine ungünstige Lage. Anders als zu Beginn des Krieges war sie nun wie in den späteren beiden Weltkriegen quantitativ unterlegen. Letztlich obsiegte jedoch „das Qualitätsheer über das Quantitätsheer“, wie es so schön griffig heißt.

Belfort blieb französisch

Wie so oft im traditionell zentralistisch regierten Frankreich, kam der Hauptstadt eine entscheidende Bedeutung zu. Am 28. Januar 1871 kapitulierte Paris und es trat ein dreiwöchiger Waffenstillstand in Kraft. In dieser Zeit sollte der französische Wähler zu Worte kommen. Am 8. Februar entschied er über die Zusammensetzung der Nationalversammlung, die vier Tage später in Bordeaux die Arbeit aufnahm. Bei den Wahlen obsiegten die Tauben über die Falken, sodass Friedensverhandlungen aufgenommen werden konnten, die am 26. Februar zum Vorfrieden von Versailles führten.

Die französische Seite war zwar friedensbereit, setzte aber bei der Unterzeichnung des endgültigen Friedensvertrages auf Verschleppung. Sie hoffte auf das Eingreifen einer dritten Macht. Zum einen hatten die deutschen Gebietsforderungen den Deutschen Sympathien unter den Neutralen gekostet. Zum anderen war Preußen durch die militärischen Erfolge in Frankreich und die Reichsgründung von der einst schwächsten der europäischen Landmächte zur stärksten aufgestiegen, was das Wohlwollen unter Europas Gleichgewichtspolitikern schmälerte.

Eine Frage weniger Jahre

Allerdings schwächte der innerfranzösische Konflikt mit der Pariser Kommune die französische Regierung, und schließlich gab sie ihre Hinhaltetaktik auf. Vor 100 Jahren, am 10. Mai 1871, unterzeichneten der französische Außenminister und der deutsche Reichskanzler, Otto von Bismarck, im Hotel zum Schwan den Frieden von Frankfurt.

Dieser Vertrag unterschied sich wesentlich vom Versailler Diktat. Letzterer war von Rachegedanken geprägt. Bismarck hingegen nahm zwar auf die Wünsche aus dem Militär und der Nationalbewegung Rücksicht, vermied jedoch Reizungen des Gegners um ihrer selbst willen. Da der Frankfurter im Gegensatz zum Versailler Frieden weitgehend auf Nadelstiche gegen den Verlierer in Form von demütigenden, moralisch abwertenden und diskriminierenden Bestimmungen verzichtete, kam er statt mit 440 wie der Versailler mit 18 Artikeln zuzüglich dreier zusätzlicher Bestimmungen aus. Anders als in Versailles, wo die Verlierer von den Siegern vor vollendete Tatsachen gestellt wurden und nur noch unterschreiben sollten, gingen dem Frankfurter Friedensschluss Verhandlungen zwischen den Kriegsparteien voraus. Der Frankfurter Friede trägt denn auch Züge eines Kompromisses.

Im Falle von Metz folgte Bismarck seinen Militärs und ließ es Frankreich nicht. Zu schwer wog das militärische Argument, die Festung habe den Wert einer Armee von mindestens 120.000 Mann. Mit ihrem Eintreten für einen Verbleib von Belfort bei Frankreich setzte sich die französische Seite hingegen durch. Im Ergebnis trat Frankreich schließlich das Territorium des späteren Reichslandes Elsass-Lothringen ab.

Auch auf die Höhe der Wiedergutmachungszahlungen konnte der Verlierer Einfluss nehmen. Statt der von deutscher Seite ursprünglich geforderten sechs Milliarden Francs einigte man sich auf fünf Milliarden. Das entsprach 1450 Tonnen Feingold und war viel Geld. Allerdings gingen die Vertragsparteien davon aus, dass Frankreich das in drei Jahren würde aufbringen können. Und selbst diese zugestandenen drei Jahre brauchte der Kriegsverlierer noch nicht einmal. Für die Zahlung der Reparationen von Versailles brauchte der Verlierer hingegen Jahrzehnte. Am 3. Oktober 2010 zahlte die Bundesrepublik Deutschland die letzte Rate.



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Kommentare

Tom Schroeder am 10.05.21, 16:43 Uhr

Ist immer wieder schön, wie bei solchen historischen Themen in Kommentaren teils offen, teils wenigstens zwischen den Zeilen, bedauert wird, dass "deutsches Gebiet" verloren gegangen sei und man einen Krieg unvorteilhaft beenden musste. Man sollte nach dem WK2 doch mal alles derartige ruhen lassen, denn sind wir froh, dass wir nun in Europa miteinander einigermaßen gut auskommen und nicht wieder Knallerei und Zerstörung haben. Meine Freunde im Elsass haben auf keinen Fall Interesse an einer "Repatriierung" nach Deutschland - ha, ha, ha, ich habe da tatsächlich mal nach gefragt und die haben mit mir herzlich gelacht und wir haben zusammen weiter gefeiert! Die beiden Artikel heute über Afrika zeigen doch deutlich, wie weit revisionistisches Denken mit historischem Bezug und daraus hergeleiteten Gebietsansprüchen führt. Das wirkliche Morgen ist nicht das heute imaginierte Morgen vom falsch erinnerten Gestern.

sitra achra am 09.05.21, 12:51 Uhr

Schade, dass Bismarck irrtümlich annnahm, dass das Reich saturiert sei. Statt den Sack zuzumachen und Frankreich zu teilen und das gesamte lothringische Erbe zu rekuperieren, nicht nur die unbestreitbar deutschen Territorien wie das Elsass und Lothringen, hat man den unverhohlenen Drohungen des Zaren und Albions nachgegeben. Die deutsche Generalität hingegen hatte das richtige Gespür, wurde aber zurückgepfiffen.
Die Folgen dieser Fehlentscheidung tragen wir noch heute. Napoleon hat und hätte anders gehandelt.

Siegfried Hermann am 09.05.21, 09:10 Uhr

Elsass/Lothringen
war und ist eigentlich noch immer der Zankapfel seit dem Tod Karl des Großen und die Aufteilung seiner Söhne. In den Jahrhunderten ist keiner auf die Idee gekommen, die Leute selbst mal entscheiden zu lassen! Naja. Luxemburg hat sich nur dadurch entziehen können, ein "Herzogtum" zu gründen und neutral zu bleiben.
Die gleichen Probleme stellen sich praktisch in Belgien dar. Mit den Flamen als größte Bevölkerungs-gruppe, die da mitmischen. Damals nach der Aufgabe von Kuk hätte man das Gebiet unter Frankreich, Holland und den Zipfel Eupen unter das Deutsche Reich aufteilen sollen und gut is. Damit hätten die Preußen sich das Wohlwollen der Franzosen sicher erworben und der unendliche Sprachenstreit zwischen Wallonen und Flamen wäre nie passiert.
Gut. Militär ist Militär. Die nehmen keine Rücksicht auf politische Befindlichkeiten.
Reparationen
Die waren, Bismarck sehr weitsichtig und wohlwollend, am Anfang, sehr moderat ausgefallen. Bismarck ging es auch nie um Frankreich, sondern um die Kleindeutsche Lösung und Gründung des Kaiserreiches.
Nachdem sinnlosen Aufstand der Kommunarden hat man erst nachgelegt und immer noch sich sehr zurück gehalten.
Was man Bismarck höchstens ankreiden kann, die Kaiserkrönung im Spiegelsaal der französischen Könige und die endgültige weitreichende Interessenlage an der deutsch-französischen Grenze mit einen gleich 100jährigen Friedens- und Freundschaftsvertrag. Und im besagten Zankgebiet Minderheiten-rechte, zweisprachige Amtssprache und Zollfreiheit. Damit hätte jeder leben und die weitere Entwicklung wäre berechenbar gewesen.

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