20.09.2021

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DDR

Keine Partnerschaft auf Augenhöhe

Das Verhältnis zwischen dem „Opium des Volkes“ und dem „Arbeiter-und-Bauern-Staat“ war ambivalent. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Rolle der „Kirche im Sozialismus“ fand bisher kaum statt

Heidrun Budde
23.05.2021

Religion sei „das Opium des Volkes“, diese Kritik von Karl Marx wurde schon Kindern in den Schulen der DDR gelehrt. Die Kirche war stets ein Konkurrent bei der ideologischen Vereinnahmung der Menschen. Misstrauen und eine subtile Kontrolle prägten das Verhältnis zwischen Staat und Kirche.

1982 unterbreitete ein Rostocker Pfarrer der Klinik für Innere Medizin den Vorschlag, einen unentgeltlichen Pflegedienst zur Verfügung zu stellen. Dieses Angebot wurde abgelehnt, und heute ist in den Akten der SED-Bezirksleitung nachzulesen, warum:
„Entsprechend den gesetzlichen Regelungen machen kirchliche Vertreter von der Möglichkeit Gebrauch, in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen auf Wunsch von Patienten seelsorgerisch zu wirken. So finden beispielsweise in den Pflegeheimen Jessin und Griebenow regelmäßig kirchliche Kulthandlungen statt. Darüberhinaus gibt es Versuche von kirchlichen Kreisen, ihren Spielraum auszuweiten. Der Rostocker Pfarrer Kegebein hat z. B. der Klinik für Innere Medizin der Wilhelm-Pieck-Universität Rostock angeboten, für einen unentgeltlichen Pflegedienst vor allem an Wochenenden und Feiertagen junge Menschen zur Verfügung zu stellen. Wir werten es als Ausdruck gewachsener politischer Reife und Geschlossenheit, daß solche und ähnliche Versuche und Provokationen, im Gesundheits- und Sozialwesen breiten Einfluß zu gewinnen, stets fehlgeschlagen sind.“

Inszenierung durch die SED

Offiziell entspannte sich das Verhältnis Staat-Kirche in den 80er Jahren. Intern sah das ganz anders aus. Pfarrer Peter Kegebein war Katholik, und seine Kirche stand dem SED-Staat stets kritisch gegenüber, was dazu führte, dass derartiges soziales Engagement in öffentlichen Einrichtungen abgewiesen wurde.

Anders entwickelte sich das in der evangelischen Kirche. Nach einer Zeit der heftigen Auseinandersetzungen in den 50er und 60er Jahren kam die Formel „Kirche im Sozialismus“ auf. Bischof Albrecht Schönherr formulierte 1971: „Wir wollen Kirche nicht neben, nicht gegen, sondern im Sozialismus sein.“

Am grundsätzlichen Misstrauen der SED-Funktionäre änderte dieses Zugeständnis allerdings nichts. Insbesondere der Einfluss westlicher Kirchen war in der DDR gefürchtet. 1972, dem Jahr des Abschlusses des Grundlagenvertrages, regelte Innenminister Friedrich Dickel am 12. September in einer „Vertraulichen Verschlußsache I 020 488“, dass Einreiseanträge kirchlicher Vertreter „gründlich geprüft werden“ mussten, und weiter: „Bei Bürgern der BRD ist vor der Entscheidung die Zustimmung des Staatssekretärs für Kirchenfragen einzuholen.“ Der SED-Funktionär Hans Seigewasser hatte dieses Amt von 1960 bis 1979 inne, gefolgt von Klaus Gysi.

In der „Vertraulichen Verschlußsache“ des Innenministers fallen diese Vorgaben besonders auf: „Anträge von Geistlichen, Amtsträgern und sonstigen Vertretern ,gesamtdeutscher kirchlicher Gremien' und von ,Patengemeinden' sind abzulehnen. ... Einreisen von Kirchenchören und kirchlichen Laienspielgruppen sind nicht zu genehmigen.“ Nur wenn der Staatssekretär für Kirchenfragen „in Ausnahmefällen“ eine Zustimmung erteilte, durften diese Personengruppen einreisen. Auch die Teilnahme westlicher Gäste an Kirchentagungen in der DDR war von der Gunst des Staatssekretärs abhängig.

Wie groß das Misstrauen war, zeigt sich heute in den zugänglichen Akten der ehemaligen SED-Bezirksleitung Rostock. Vom 10. bis 12. Juni 1983 veranstaltete die evangelische Kirche eine „kirchliche Martin-Luther-Ehrung“ unter dem Thema: „Vertrauen wagen“. Eigentlich war die Zentrale Organisationgruppe bei den Landeskirchen (ZORG) für die Vorbereitung dieser Veranstaltung zuständig. Doch die SED übernahm im Hintergrund die Oberaufsicht: „Zur parteimäßigen Koordinierung und Kontrolle der politischen Aktivitäten zum Kirchentag im Rahmen der Luther-Ehrungen 1983 wird eine Arbeitsgruppe bei der Bezirksleitung Rostock der SED ... gebildet. Aufgabe der Arbeitsgruppe ist es, in Vorbereitung und Durchführung des Kirchentages auf die verantwortlichen kirchlichen Vertreter Einfluß zu nehmen, daß die vorgesehenen kirchlichen Aktivitäten mit den Interessen unseres Staates übereinstimmen, seine Politik unterstützen, daß vor allem die friedensbeschützende und friedensbewahrende Rolle unseres sozialistischen Staates uneingeschränkt zur Geltung kommt.“

Diese Arbeitsgruppe der SED hatte 14 Mitglieder. Darunter der Abteilungsleiter für Agitation der Bezirksleitung, der Oberbürgermeister der Stadt, der Mitarbeiter für Kirchenfragen beim Rat des Bezirkes, der stellvertretende Leiter der Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit und der Stellvertreter Operativ der Bezirksverwaltung der Deutschen Volkspolizei.

Zur Zielstellung der „massenpolitischen Arbeit“ bei der Vorbereitung des Kirchentages ist zu lesen: „Notwendig ist vor allem eine verstärkte Einflußnahme auf die Gemeindepfarrer, Kirchengemeinderäte, Synodale und kirchlichen Mitarbeiter. Sie sind zu veranlassen, mit ihren Erkenntnissen und Erfahrungen über den realen Sozialismus positiv auf den Verlauf des Kirchentages einzuwirken. Darauf sind alle Arbeitsgruppen ,Christliche Kreise' bei den Ausschüssen der Nationalen Front zu orientieren. Das setzt auch eine noch wirksamere Einbeziehung der Freunde der CDU und der anderen Blockparteien voraus.“

Kein Widerstand seitens der Kirche

Am 18. Juni 1982, ein Jahr vor der Veranstaltung, fand ein Gespräch zwischen dem Landesbischof Heinrich Rathke und dem Genossen Haß von der Abteilung Inneres des Rates des Bezirkes statt. Hier diktierte die SED ihre Bedingungen:
„– Einordnung in die politischen und gesellschaftlichen Zielsetzungen der Lu–therehrung in der DDR – Der Kirchentag muß den Geist und den Charakter des Gesprächs des Generalsekretärs des ZK der SED, Genossen Erich Honecker, vom 6.3.78 widerspiegeln .... – Sicherung einer hohen Organisation sowie eines ständigen Zusammenwirkens mit den staatlichen Organen
– Verhinderung jeglicher politischer, provokatorischer Aussagen“.

Von kirchlicher Seite gab es keinen Widerstand: „Bischof Rathke bezeichnete diese Kriterien auch als seinen Interessen entsprechend.“ Der Kirchentag durfte stattfinden, und in den Medien wurde über eine große kirchliche Veranstaltung berichtet. Die angewiesene Inszenierung durch die SED im Hintergrund fand keine Erwähnung.

Großzügiger waren die SED-Genossen nur, wenn sie dadurch erhebliche Vorteile hatten. So berichtete Kapitän Gerd Peters, dass das DDR-Urlauberschiff „Völkerfreundschaft“ im Dezember 1978 an das schwedische Unternehmen Stena-Line mit Besatzung verchartert wurde. Im Kinosaal des Schiffes fand jeden Sonntag ein Gottesdienst und jeden Morgen eine Andacht statt, die ein Geistlicher der schwedisch-lutheranischen Staatskirche vornahm. Höhepunkte der Reise waren drei kirchliche Hochzeiten mit Serviceleistungen durch das Bordpersonal. Dieses Geschäft verschaffte dem SED-Staat zwei Vorteile. Einerseits demonstrierten sie weltöffentlich eine Toleranz gegenüber der Kirche, die es tatsächlich in der DDR nicht gab, und andererseits nahmen sie die heißbegehrten Devisen ein, die sie dringend für die Unterhaltung der „Völkerfreundschaft“ brauchten.

Das Verhältnis zwischen Kirche und SED-Staat war ambivalent. Eine Partnerschaft auf Augenhöhe war es nicht, und eine kritische Auseinandersetzung über die Rolle der „Kirche im Sozialismus“ fand bisher kaum statt.



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Kommentare

sitra achra am 27.05.21, 09:26 Uhr

Meine Vorposter mögen doch bitte das Bibelwort beachten: Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.
Tatsächlich war die erzwungene Zusammenarbeit mit den Kommunisten alternativlos, um wenigstens die Kernstruktur der Kirche zu erhalten. Ich sehe darin eher eine Notwendigkeit denn eine Verfehlung . Insoweit einzelne des Guten zuviel getan haben, ist irrelevant, insofern sie sich dabei nicht strafbar gemacht haben.
Die Kirche hat keine Verpflichtung, Schuldorgien zu zelebrieren.
Der Mensch braucht die Religion, um einen sicheren Kompass im Leben zu haben. Keine irdische Gewalt kann dieses fundamentale Bedürfnis auf Dauer unterdrücken.
Wenn Atheismus als Ersatzreligion so schön ist, wozu dann die unversöhnliche Aggression gegen das Christentum.?Scheint mit dem Atheismus nicht weit her zu sein.

Gerd Schnack am 23.05.21, 11:04 Uhr

Kritische Auseinandersetzung über die Rolle der „Kirche im Sozialismus" gibt es heute schon, allerdings ist das amtskirchliche Narrativ mit seiner weinerlichen Selbstgerechtigkeit so dominant, dass jeder jüngere und geschichtlich unbescholtene Mensch glaubt, alle frommen Mitbürger in der ehemaligen DDR hatten eine saubere Weste und waren Verfolgte einer sozialistischen Ideologie. Oftmals war das Gegenteil der Fall. Der erwähnte Landesbischof Heinrich Rathke ist dabei noch positiv zu sehen.

Ende April 1990 gab es auf der Synode der Ostregion der Berlin-Brandenburgischen Kirche heftige Debatten über die Rolle der Kirche vor und beim Umbruch der DDR. Bischof Forck gestand ein, dass es eigentlich die kirchlichen Basisgruppen waren, die das “gute Ansehen der Kirche“ begründet haben. Wenn überhaupt von einem Verdienst der Kirche geredet werden kann, dann in dem Sinne, dass diese Gruppen trotz aller Schwierigkeiten nicht aus der Kirche herausgedrängt wurden. Das repressive Verhalten von Repräsentanten der Kirche gegenüber Mitgliedern dieser Gruppen und gegenüber Ausreisewilligen und das gleichzeitig wohlwollende Verhalten gegenüber dem Staat wurde der Kirchenleitung schon damals als Schuld vorgehalten.

Der Theologe Heino Falcke hatte bereits im November 1989 gewarnt: “Es gibt keine Befreiung ohne Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. "... Diese Befreiung zum offenen Umgang mit der Schuld sollte von uns Christen ausgehen. Wir sind ja nicht nur zur Anpassung, zur Heuchelei und zum Mitmachen gezwungen worden, w i r haben uns angepasst, geheuchelt und mitgemacht. Darin können wir uns selbst nicht leiden, und nun sind wir in der Gefahr, die Abscheu am eigenen Verhalten auf die zu werfen, die uns dazu gedrängt haben.“

Ein richtiges kirchliches Schuldbekenntnis gab es erst auf der Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland im Jahre 2017!!! "Wir sehen die immer noch gestörten Beziehungen in unserer Gesellschaft und die Verletzungen 27 Jahre nach dem Ende der DDR. Wir wollen das uns Mögliche für eine Heilung der Erinnerung und für Versöhnung tun."

Mit der Aufarbeitung hat es lange gedauert und dieser Prozess ist nicht abgeschlossen, denn die sogenannte "Kirche im Sozialismus" gibt es heute wieder in neuer Form, weshalb von vielen politisch korrekten Christen eine kritische Auseinandersetzung mit dem religiösen Sozialismus nach wie vor streng vermieden wird.

Siegfried Hermann am 23.05.21, 09:49 Uhr

Da wird noch viel aufzuarbeiten sein. Das Problem ist nur, ob sich die Urenkel-Jugend noch für alte Kamellen interessiert!?
Und wo bitte ist der Unterschied zu heute???
Seit dem Konzil von Nicäa gilt noch heute das geflügelte Wort aus dem Mittelalter:
Der Kaiser hält das Volk arm. Der Pfaffe dumm.
Heute je mehr denn je.
Ergo:
Wir als Bürger können weder von der NGO-Geschäftsführung der eingebauten Staatssimulation, noch von der Amtskirche, die vorgibt Vertreter Gottes auf Erden zu sein und nur das Gegenteil in Wahrheit ist, nichts erwarten, außer Verarmung, Lügen, Verblendung und Verdummung.
Das einzige vor dem sie Angst haben und für uns die Lösung ist: Das viel zitierte große Erwachen der Bürger.
Erst dann und nur dann wird Be-frei-ung für alle kommen!
Sozusagen die Pfingst-Geistes-Blitze des Herrn!

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