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Kernauftrag vernachlässigt: Gefeierter Stargast der EKD-Synode in Magdeburg war die „Klimaaktivistin“ Aimee van Baalen (li.). Über die Ursachen des eigenen Bedeutungsverlusts diskutierte das Parlament der Protestanten nicht
Foto: imago /epdKernauftrag vernachlässigt: Gefeierter Stargast der EKD-Synode in Magdeburg war die „Klimaaktivistin“ Aimee van Baalen (li.). Über die Ursachen des eigenen Bedeutungsverlusts diskutierte das Parlament der Protestanten nicht

Leitartikel

Kirche vor dem Untergang?

Günter Spahn
11.12.2022

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Freuen will man sich als bekennender Christ über den dramatisch zunehmenden Bedeutungsverlust der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) keineswegs. Doch es hilft ja nicht, die traurige Entwicklung auszublenden. Sie muss hinterfragt werden.

1992 hatte die EKD noch 28 Millionen Mitglieder, gegen Ende des Jahres 2021 waren es nur noch 19,7 Millionen, Tendenz weiter fallend. Was sind die Ursachen dieses Niedergangs? Brauchen unser Land und die in ihm lebenden Christen überhaupt noch eine evangelische Kirche? Und ist eine politisierende EKD, die die Botschaften der Heiligen Schrift nur noch am Rande im Blick hat, noch eine glaubwürdige Ansprechpartnerin?

Politik statt Glaubensvermittlung

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass die „offizielle“ Evangelische Kirche in Deutschland dem vermeintlich populären Zeitgeist hinterherrennt, so hat ihn die vor wenigen Wochen tagende 13. Synode der EKD (quasi das Kirchenparlament) in Magdeburg deutlich geliefert. Dort wurde über alles Mögliche diskutiert: unter anderem über Fragen deutscher Waffenlieferungen in die Ukraine, über sexualisierte Gewalt, das Klima natürlich sowie die vom Menschen „angezettelte Erderwärmung“ und die Rolle der „Letzten Generation“.

Weitgehend ausgeblendet wurden hingegen die Gründe für den Bedeutungsverlust der Kirche oder auch die Interpretation ihres eigentlichen Auftrags, das Verkünden der biblischen Botschaften. So entwickelt sich die EKD, nicht ihre gläubigen Mitglieder, immer mehr zu einer ideologischen Debattenorganisation, die Christen und vor allem Trost suchende Menschen eigentlich nicht mehr brauchen, wie es ein langjähriges Mitglied der EKD-Synode, der bekannte frühere Fernsehjournalist Peter Hahne, so treffend kommentierte.

Und tatsächlich: Nicht mehr die Kernbotschaften der Bibel stehen im Vordergrund der EKD-Synoden, sondern tagesaktuelle politische und ideologische Phrasen. Die Kernbotschaften der Bibel sind aber die Zehn Gebote als bestes Grundgesetz der Welt, die Bergpredigt von Jesus mit den Seligpreisungen, dann Mut machende Psalmen wie vom guten Hirten (Psalm 23) oder „Der Herr ist mein Licht und Heil“ (Psalm 27). Schließlich als Leitfaden immer wieder die Aufmunterung „Fürchtet euch nicht“.

Von derlei Aussagen war in Magdeburg wenig zu hören. Im Rechenschaftsbericht der Ratsvorsitzenden Annette Kurschus nicht; erst recht nicht im Rechenschaftsbericht der ebenfalls seit einem Jahr amtierenden Präses Anna-Nicole Heinrich (im Foto rechts). Diese redete zwar etwas von „Kirche der Zukunft gestalten“, doch wie diese aussehen soll, sagte sie nicht. Dafür sprach sie sehr viel von „Kirche auf einer Slack-Line“ und wie sie selbst das „Slacken“ auf einem Seil erlernte.

Neu ist das enge Verhältnis zum Zeitgeist in der evangelischen Kirche allerdings nicht. Bereits 1986 hat der Theologe und Prediger Professor Dr. Helmut Thielicke in seinem Buch „Auf der Suche nach dem verlorenen Wort“ die Fehler und Stellungnahmen der EKD zu allen möglichen Ereignissen deutlich kritisiert: „Kirchliche Amtsträger nehmen in Fragen eines ihnen fremden Metiers eine Sachkompetenz in Anspruch, der sie nicht mehr gewachsen sind.“

Groteske Wortwahl

Thielicke kam als Prediger an die Menschen heran. Er füllte locker die gut 2500 Sitzplätze im Hamburger Michel, eine der Hauptkirchen in der Hansestadt. Der Theologe, neben dieser Funktion auch Rektor der Universitäten Tübingen und Hamburg, warnte schon vor über dreißig Jahren vor „bedenklichen Politisierungs- und Ideologisierungsphänomenen lautstarker Minderheiten, die von den Medien gehätschelt und in den Adel öffentlicher Beachtung erhoben werden“. Doch offensichtlich ist es heute noch viel grotesker, auch in der Wortwahl, geworden.

So hat die amtierende Ratsvorsitzende und somit höchste Repräsentantin der EKD, Präses Annette Kurschus, in ihrem Rechenschaftsbericht vor der Synode in Magdeburg zum Thema Ausgrenzungen folgenden skandalösen Satz gesagt: „Wir leben in keiner gespaltenen Gesellschaft, so gern die Rattenfänger dies auch behaupten.“ Eine Wortwahl, die einer Landesbischöfin und obersten Repräsentantin der deutschen Protestanten absolut unwürdig ist.

Wen die Vorsitzende mit dem Wort „Ratten“ wohl gemeint haben wird? Erinnert sei die Ratsvorsitzende jedenfalls an die Bergpredigt und Jesu dortige Worte: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen nächsten lieben und deinen Feind hassen; ich aber sage euch: Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen ...“ (Matthäus 5, 43 und 44).

Und noch etwas: Wie kommt es, dass die „Freien Kirchen“ beim sonntäglichen Gottesdienst inzwischen einen stärkeren Zuspruch haben als die evangelische Amtskirche? Gut besucht sind Gottesdienste der Letzteren nur noch bei besonderen Anlässen, wie jüngst beim Eröffnungsgottesdienst der Synode im Magdeburger Dom. Da füllten die Synodalen und Amtsträger der EKD, Abordnungen aus den 20 Gliedkirchen und geladene Gäste aus Politik und Gesellschaft die Kirche. Ansonsten ist die evangelische Kirche – Ausnahmen bei einigen Gott sei Dank noch vorhandenen Gemeinden, in denen das Bekenntnis zur Bibel im Vordergrund steht, bestätigen die Regel – für gläubige Christen nicht mehr attraktiv.

Signale der Hoffnung

Der einzige Trost in dieser Lage ist, dass es erfreulicherweise noch immer großartige mutige Pfarrerinnen und Pfarrer gibt, die sich dem Zeitgeist entgegenstellen. Doch diese müssen entsprechend der Tradition des Martin Luther „lauter“ werden! Ein Hoffnungszeichen in dieser Hinsicht war im Eröffnungsgottesdienst der EKD-Synode das Gebet des Magdeburger Dompredigers Jörg Uhle-Wettler: „Herr, Du stellst uns vor Entscheidungen, die eine klare Haltung und Mut erfordern. Lehre uns die Geister zu unterscheiden und nicht jedem Zeitgeist hinterherzulaufen. Lehre uns, in der Spur Jesu zu bleiben.“

Nicht jedem Zeitgeist hinterherzulaufen – wenn dies die Verantwortlichen der Kirche endlich einsähen, wäre schon viel gewonnen. Eine ihren Auftrag erfüllende evangelische Kirche wird nämlich noch immer gebraucht!

• Günter Spahn ist Diplom-Volkswirt und Publizist. Er war langjähriger Verleger und Chefredakteur der Zeitung „Der WirtschaftsKurier“ und ist heute Herausgeber des Magazins „Der WirtschaftsReport“.


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Kommentare

Patricia Steinkirchner am 19.12.22, 18:02 Uhr

Als Katholikin sehe ich eine ähnliche Bewegung in meiner Kirche. Und auch da nicht erst seit gestern - seit Jahrzehnten. Im Grunde ging es seit dem (sehr einseitig verstandenen) Konzil größtenteils bergab: Sei es die Banalisierung der Liturgie und Kirchenmusik, der Verlust an Brauchtum, die unerträgliche linksgrüne Politisierung vor allem der Jugendverbände, der zum großen Teil nichtssagend Religionsunterricht, die ins Synkretistische abgeleitete universitäre Theologie.... Allerdings stelle ich auch fest, daß junge Priester inzwischen anders denken.

A. L. am 16.12.22, 18:22 Uhr

Ich stimme voll dem Artikel zu, man muß aber nochmal bekräftigend sagen, dass es sehr unterschiedliche Ausprägungen von Amtskirche gibt.
So lebe ich in einem noch konservativ geprägten ländlichen Umfeld, welche leider aber immer weniger kirchengepägt ist.

Aber es kommen jetzt spürbar mehr Pfarrer aus den Hochschulen, die "gläubig" sind, wie z. B. der unsrige: ein ganz junger Pfarrer, der seine erste Stelle bei uns hat. Seine Ordination war die letzte Handlung 2020, bevor Corona zugeschlagen hat. Es ist für ihn nicht immer einfach, er muß ja auch erstmal zu bestimmten Themen sich eine Meinung bilden.
Aber er predigt zutiefst bibelbezogen.

Wir geben die Hoffnung noch nicht auf, auch wenn wir aufgrund der Synode und der Coronapolitik der ev. Kirche zur Zeit tatsächlich mit einem Bein im "Austritt" stehen.

Kersti Wolnow am 13.12.22, 08:54 Uhr

Den Kirchenvertretern fehlt es an Werten und Würde, wozu das Rattenbeispiel dienen kann. Wer seine eigenen Gebote laufend übertritt, hat seine Existenz verspielt. Ich bin mit 18 aus der Kirche ausgetreten, weil es der DDR-Staat gerne wollte. 1989 beschäftigte ich mich dann im Westen mit der Kirche und konnte außer Heuchelei und Scheinheiligkeit nichts feststellen, was mich erneut an sie hätte binden können. Mittlerweile habe ich meine eigene Spiritualität gefunden.
Die Kirche ist Staat, und von dem muß man sich fernhalten.

Chester Dick am 12.12.22, 19:35 Uhr

Also, sind wir jetzt völlig verblödet schon oder was?? Wenn ich schon "Pfarrerinnen und Pfarrer" lese, reichts mir. Noch nie etwas vom generischen Maskulinum gehört, welches ALLE Geschlechter umfasst (außer Frage, daß es nur zwei Geschlechter gibt)??? Noch einmal so etwas und Sie haben einen Leser weniger, liebe PAZ!

sitra achra am 12.12.22, 17:06 Uhr

Wer dem aetatis ingenium verfallen ist, befindet sich auf dem synodalen Holzweg. Da wechseln die Gläubigen doch gleich zum welt- und klimarettenden Original. Ersatzreligionen gibt es zuhauf, die schonen meist den Geldbeutel, kosten aber den Verstand.

Gregor Scharf am 11.12.22, 09:31 Uhr

Wie sagte schon einer unserer großen Dichter und Denker? Zitat: "Ich bin gegen Religion aus Religion." Treffender kann man es nicht ausdrücken und es galt zu seiner Zeit genau so wie heute. Dem kann und muss man sich anschliessen, wenn man noch bei Verstand ist und nicht durch und durch indoktriniert. Bleibt noch zu ergänzen, von wem der Ausspruch stammt, wenn nicht bereits längst erkannt: Friedrich von Schiller.

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