22.06.2021

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Eine geflutete Kalkgrube: Der „Türkisfarbene See“ in Kalkofen
Foto: ERwin RosenthalEine geflutete Kalkgrube: Der „Türkisfarbene See“ in Kalkofen

Auf Entdeckertour

Kleine Orte mit großer Geschichte

Kalkofen und Lebbin auf Wollin – die „eigentliche Landheimat“ des berühmten Arztes und Schriftstellers Carl Ludwig Schleich

Erwin Rosenthal
11.06.2021

Die Ostseeinsel Wollin ist kulturhistorisch kaum weniger interessant als die Nachbarinsel Usedom. Für Busreisende ist auf Wollin der Besuch des heute zu Misdroy gehörenden kleinen Inseldorfes Kalkofen [Wapnica] obligatorisch. Im Ort zeugt noch heute der vielbestaunte „Türkisfarbene See“ vom Unternehmergeist Ludwig Küsters und dem Fleiß der eigens für das Küstersche Unternehmen angesiedelten Dorfbewohner. Küster hatte seinerzeit auf seinem Acker Kalk gefunden und in tieferen Schichten noch mehr davon entdeckt. Er kaufte daraufhin die umliegenden Äcker auf, erwarb das Bergrecht, stellte Arbeiter ein, die den Kalk aus der „Kreidegrube“ förderten und wurde darüber ein wohlhabender Mann.

Otto von Bamberg

Die zumeist einheimischen Reiseführer lassen die Touristen in dem Glauben, dass sie mit der gefluteten Kreidegrube, deren Wasser so herrlich grünlich schimmert, bei diesem kurzen Stopp das Wichtigste gesehen hätten. Das ist jedoch mitnichten so! Links der Kreidegrube führt, beginnend neben der Schule, ein etwas beschwerlicher, anfangs recht steiler Weg, zum Nachbarort Lebbin. In der in neuerer Zeit aufgestockten Schule hatte früher der Lehrer Abert unterrichtet. Die Kalkofener öffneten ihre Fenster, wenn er beim Pommernlied den Chor der Kinder mit seiner Geige begleitete.

Interessante Reisestationen

Der recht kurzweilige Weg nach Lebbin führt vorbei am 89 Meter hohen Leloberg. Die Steilküste in Lebbin mit ihrem bronzezeitlichen Burgwall bietet einen herrlichen Blick auf das Stettiner Haff und das Swinedelta. Otto von Bamberg soll hier 1124 angelandet sein, um die „abstörrischen“ Wolliner zum Christentum zu bekehren. In der Nähe des heutigen Pfarrhauses befand sich eine Vogtei. Sie beherrschte vor dem Bau der Kaiserfahrt die Einfahrt in die Swine. Der Vogt soll im Jahre 1304 von jedem vorbeifahrenden Schiff ein Brot und eine Flasche Bier als Zoll gefordert haben. Sehenswert ist auch die im Jahre 1861 erbaute Lebbiner Nikolaikirche mit ihrem neugotischen Turm und den Staffelgiebeln. Der alte, unmittelbar neben der Kirche gelegene Friedhof war bereits in den 1960er Jahren in einem sehr tristen Zustand. Schließlich fand man nur noch kümmerliche Überreste der alten Grabstellen. Seit dem Jahre 2007 existiert auf dem neuen Friedhof ein Lapidarium mit deutschen Grabsteinen und einem Gedenkstein für die früheren Bewohner. Im Ort befand sich bis 1945 eine bedeutende Zementfabrik.

Zur Verarbeitung des in Kalkofen geförderten Kalks hatte der in Greifswald geborene Johannes Quistorp hier seit 1855 eine der ersten deutschen Portlandzementfabriken betrieben, die eine der größten Zementfabriken Europas war. Sie war im Jahre 1945 demontiert und in die Sowjetunion transportiert worden. Der Eingeweihte findet in Lebbin noch heute ihre Überreste.

Carl Ludwig Schleich

Auf dem Komantschenberg, an der Straße von Kalkofen nach Lebbin gelegen, befand sich bis 1945 eine weitere Sehenswürdigkeit: Das im Jahre 1938 vom Steinmetz Ewald Kassner aus Misdroy geschaffene Denkmal für den berühmten pommerschen Chirurgen Carl Ludwig Schleich (1859-1922). Schleich war der Erfinder der Infiltrationsanästhesie, der heute am häufigsten angewendeten Methode zur örtlichen Betäubung. Heute kennen nur Eingeweihte den von Gestrüpp überwucherten Weg zum Gipfel des Komantschenberges. Hier begann einst die Rodelbahn der Dorfkinder. Das Denkmal für Carl Ludwig Schleich gleicht einem Trümmerhaufen, es fiel der Politik der Entdeutschung durch die polnische kommunistische Partei zum Opfer.

Schleichs Landheimat

Ludwig Küster hatte dreizehn Kinder. Sein Enkel Schleich beschrieb in seiner in mehr als zwei Millionen Exemplaren gedruckten Autobiographie „Besonnte Vergangenheit“ sehr vergnüglich den Kaffeebesuch des preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm, des späteren Kaisers Friedrich III., der den Sommer mit seiner Familie in Misdroy verbrachte, bei den Küsters. Ludwig Küster hatte seine Frau gebeten, dem hohen Gast nicht so viel von ihrer Familie „vorzuklönen“, denn solche hohen Herrschaften würden Familienschnack nicht sonderlich lieben. Als er jedoch von einer kurzen Inspektion seiner Kalköfen zurückkam, hörte er seine Frau gerade sagen: „Und was nun meine Dreizehnte ist...“. Unter den Dreizehn war auch Constanze, später die Mutter Schleichs.

Der große pommersche Chirurg schrieb in seiner Autobiographie: „Kalkofen und die Insel Wollin ist meine eigentliche Landheimat, denn alle Eindrücke von Natur, Menschen und Leben wurzeln in seinen Bewohnern, seinen Wäldern, seinen Höhen, Seen und Feldern. Waren wir aus Stettin doch nicht nur alle Schulferien hier bei Großeltern oder Oheims wie zu Hause, nein, auch das ganze Jahr hindurch siedelten wir häufig sonnabends nach der Insel über, die in drei Stunden herrlicher Wasserfahrt zu erreichen war...“ Die Kreidegrube war für ihn „wie riesiger weißer Wundersaal mit kirchhohen steilen Tempelwänden, den ein dunkler Wald krönte, mit einem hellgrünen See in der Tiefe...“.

Neben Kalkofen und Lebbin hatte es Schleich ganz besonders der inmitten eines alten Buchenwaldes nördlich von Misdroy gelegene sagenumwobene Jordansee mit seiner kleinen Insel und dem nahen Forsthaus angetan. Diese Wolliner Welt von Elfen, Göttern, Seeräubern und Naturwundern lieferte Schleich die Eindrücke für sein da und dort mystisch und phantastisch anmutendes Buch „Es läuten die Glocken“. Er verfolgte hier und an anderer Stelle das Ziel, exakte Wissenschaft und Glauben auf einen gemeinsamen Nenner bringen.

Schleichs Denkmal ist vergessen, nicht in Vergessenheit geraten sollten jedoch seine zeitlos erscheinen Aussagen zur medizinischen Ethik wie „Es muss zu erreichen sein, dass der Tod nur ein Leben fordert, das ausgelebt war“.



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