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Im Jahre 1928 mit seiner Ehefrau in seinem Labor: Friedrich Bergius
Foto: UllsteinIm Jahre 1928 mit seiner Ehefrau in seinem Labor: Friedrich Bergius

Friedrich Bergius

Kohle machte er zu Öl und Holz zu Zucker

Es war die Tragik des Nobelpreisträgers für Chemie, dass sein Streben nach Unabhängigkeit ihn um die Früchte seiner Erfindertätigkeit brachte

Martin Stolzenau
30.03.2024

Friedrich Bergius stammte aus Breslau, machte als Chemiker, Forscher und Unternehmer Karriere und schuf neben anderen pionierhaften Neuerungen die Grundlagen zur Herstellung von Benzin und Dieselöl aus Kohle und Wasserstoff. Für seine Verdienste um den wissenschaftlich-technischen Fortschritt wurde ihm 1931 zusammen mit Carl Bosch, einer anderen deutschen Forschergröße, der Nobelpreis für Chemie verliehen. Durch die von ihm entwickelten Verfahren erlangte er Weltgeltung. Doch in seiner letzten Lebensphase war Bergius ein mittelloser Erfinder, der vor 75 Jahren in Argentinien verstarb.

Seine chemischen Hochdruckverfahren sind bis heute unverzichtbar. Sie ermöglichten die großen chemischen Massenproduktionen der Neuzeit und sichern ihm einen Platz in der ersten Reihe der modernen Chemie-Pioniere. Trotzdem ist sein Name inzwischen nur noch Fachleuten ein Begriff.

Vor 140 Jahren, am 11. Oktober 1884, wurde Friedrich Bergius in Goldschmieden bei Deutsch-Lissa geboren. Sein Geburtsort wurde später eingemeindet und ist heute ein Stadtteil von Breslau. Er entstammte einer verdienstvollen altdeutschen Gelehrtenfamilie. Die Palette seiner namhaften Vorfahren reichte von dem Professor Johannes Bergius, der im 17. Jahrhundert als Kurbrandenburgischer Hofprediger wirkte, über Carl Julius Bergius, einen Professor für Nationalökonomie in Breslau im 19. Jahrhundert bis zum Altphilologen Friedrich Haase, seinem Großvater mütterlicherseits. Sein Vater Heinrich Bergius leitete eine chemische Fabrik in Goldschmieden. Friedrich Bergius hatte noch vier Schwestern, absolvierte das Breslauer Realgymnasium und machte nach dem Abitur ein Praktikum in einem schlesischen Hüttenwerk. Dabei wuchs sein schon vorher starkes Interesse an den Naturwissenschaften.

Verzicht auf alle Patentrechte zugunsten der BASF
Ab 1903 studierte Bergius an der Breslauer Universität Chemie und chemische Technologie. Er kam dabei in die Obhut von Walter Herz, Richard Abegg sowie Albert Ladenburg und wurde 1907 in Leipzig bei Arthur Hantzsch promoviert. Zur weiteren Vervollkommnung ging er anschließend nach Berlin zu Walther Nernst, wo er in Kontakt zu Matthias Pier kam, und dann 1909 nach Karlsruhe zu Fritz Haber, wo er Kenntnisse auf dem Gebiet der Hochdruckreaktionen erwarb. Das erleichterte ihm die Orientierung für die Folgezeit.

Bergius ging noch 1909 nach Hannover, heiratete Margarethe Sachs, richtete sich in der Nähe des Physikalischen Institutes ein Privatlabor ein und experimentierte mit Hochdruckreaktionen. Er wies nun nach, dass dabei Torf im Reaktor per Inkohlungsprozess „in wenigen Minuten in eine steinkohlenartige Substanz überging“. In der Natur benötigte dieser Vorgang Millionen Jahre. Es folgte auf dieser Grundlage seine Habilitationsschrift über „Die Anwendung hoher Drucke bei chemischen Vorgängen“. Bergius wurde nun Dozent an der TH Hannover und sorgte in Fortsetzung seiner Versuche für die Herstellung einer benzolartigen Flüssigkeit aus Kohle. Dieses Verfahren meldete der Chemiepionier 1913 zum Patent an. Es gilt bis heute als die entscheidende Voraussetzung für das dann mit dem deutschen Chemiker und Manager in der chemischen Industrie Matthias Pier entwickelte Verfahren „zur Produktion synthetischer Kraftstoffe unabhängig von Erdöl“, das Bergius-Pier-Verfahren.

Bergius wollte seine wegweisenden Erkenntnisse zur industriellen Nutzung führen, übernahm 1914 die Leitung des Forschungslabors der Th. Goldschmidt AG in Essen und wechselte mit dem Labor 1916 nach Mannheim-Rheinau, wo es dann zum Zwecke der Kapitalbeschaffung zur Gründung eines „Konsortiums für Kohlechemie“ kam. Doch das Kriegsende und die anschließende Inflation lähmten wegen fehlender Investitionsmittel den Fortgang der Forschungen. In dieser Zeit ließ Bergius sich 1922 scheiden. Wegen Kapitalmangels und daraus resultierenden Arbeitsstillstands überließ der genervte Forscher 1925 sämtliche Patentrechte der Badischen Anilin- und Sodafabrik (BASF), ein folgenschwerer Fehler, der ihn um die Früchte seiner Arbeit brachte. Die BASF fusionierte mit anderen Chemieunternehmen zur I. G. (Interessengemeinschaft) Farbenindustrie AG und nutzte dann die Erfindung von Bergius industriell.

Mit dem Gerichtsvollzieher zur Nobelpreisverleihung
Der Erfinder wechselte nach seinem Verzicht von Mannheim nach Heidelberg, wo er in zweiter Ehe die um zwölf Jahre jüngere Ottilie Kratzert ehelichte. Der Wissenschaftler widmete sich nun der Holzverzuckerung. Das führte schließlich dazu, dass aus 100 Kilogramm Holz etwa 66 Kilo Zucker gewonnen werden konnten. Doch wieder fehlte es an Geld. Bergius verkaufte sein Haus in Heidelberg, investierte sein privates Vermögen in seine Forschungen und verschuldete sich immens. Als er und der deutsche Chemiker, Techniker und Industrielle Carl Bosch den Nobelpreis für Chemie „für ihre Verdienste um die Entdeckung und Entwicklung der chemischen Hochdruckverfahren“ zuerkannt bekamen, begleitete ihn bei der Anreise zur Preisverleihung ein Gerichtsvollzieher, der das Preisgeld sofort einbehielt. Ruhm und Schmach lagen dicht beieinander.

Bergius, dem inzwischen die Ehrendoktorwürden der Universitäten von Heidelberg und Hannover sowie der US-amerikanischen Harvard University verliehen worden waren, wechselte nach Berlin, erhielt im Rahmen der Autarkiepolitik des Dritten Reiches Gelder für weitere Forschungen. In der Reichshauptstadt stand ihm ein privates Labor für Forschungszwecke zur Verfügung.

Nachdem Bergius den Zweiten Weltkrieg überlebt hatte, ging er für den Bau von Chemieanlagen zunächst nach Spanien und dann nach Argentinien. Dort starb er am 30. März 1949, fast vergessen. Seine letzte Ruhe fand der zuletzt immer wieder enttäuschte Nobelpreisträger auf dem Deutschen Friedhof von Chacarita. Bergius hinterließ außer seinem wissenschaftlichen Lebenswerk mit zahlreichen Veröffentlichungen seine Witwe und drei Kinder aus seinen beiden Ehen. Inzwischen trägt in Berlin-Friedenau eine Schule seinen Namen.

Seine wesentlichen Erfindungen erlebten ohne ihn eine lebhafte Nutzung und Weiterentwicklung. Das Dritte Reich errichtete bis 1944 in seinem Einflussbereich 14 Hydrierwerke, die auf der Grundlage des Bergius-Pier-Verfahrens Flugtreibstoffe, Benzin, Schmieröle, Dieselkraftstoffe sowie andere synthetische Waren herstellten. Die USA entwickelten dann die Kohleverflüssigung und die Holzverzuckerung weiter. Eine intensive Nutzung gab es auch in Japan und in der Sowjetunion.


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Kommentare

Kersti Wolnow am 02.04.24, 08:42 Uhr

Die USA entwickelten dann die Kohleverflüssigung und die Holzverzuckerung weiter.


Wahrscheinlich auf der Grundlage der 1945 geraubten Patente. An Autarkie ist das bRD-Regime nicht interessiert, sonst würde sie die Bauern und die Mittelschicht nicht mit der immensen überflüssigen Bürokratie überziehen. Wir als Kunden haben dann bei den wenigen großen Anbietern keine Auswahl mehr, was Inhaltsstoffe und Preise angeht.

Mit diesen Erfindungen wäre unser Energieproblem gelöst, oder gibt es ein Verbot der Sieger?

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