26.11.2022

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Im Auftrag der Hauptdirektion für Tiefseeforschung der russischen Marine unterwegs: Das Forschungsschiff „Yantar“ wurde mehrfach in der Nähe von Datenleitungen gesichtet
Foto: Andrey LuzikIm Auftrag der Hauptdirektion für Tiefseeforschung der russischen Marine unterwegs: Das Forschungsschiff „Yantar“ wurde mehrfach in der Nähe von Datenleitungen gesichtet

UNTERWASSERSICHERHEIT Zwischen den großen Mächten dieser Welt tobt ein Kampf um die Untersee-Datenkabel. Man versucht, fremde Kabel anzuzapfen und andere am Anzapfen der eigenen zu hindern

„Kriegsführung auf dem Meeresgrund“

Die Europäische Union kommt nur langsam in die Gänge, manchen Mitgliedern zu langsam

Wolfgang Kaufmann
03.11.2022

Rund 95 Prozent der im Internet kursierenden Daten fließen inzwischen durch Glasfaserkabel, die auf dem Meeresgrund zwischen den Kontinenten verlegt wurden. Davon gibt es etwa 450 Stück mit einer Gesamtlänge von um die 1,3 Millionen Kilometern. Das entspricht etwa dem 30-Fachen des Erdumfangs. Wer Zugriff auf sie hat, weil er in große Wassertiefen vorzustoßen vermag, kann sensible Daten auslesen oder manipulieren. Ebenso besteht die Möglichkeit, die Leitungen zu kappen und den Informationsfluss zu unterbinden.

Der erste Staat, der diesbezügliche Aktionen startete, waren die USA (siehe rechts). Gegenwärtig verfolgt deren größter Auslandsgeheimdienst, die National Security Agency (NSA) mindestens vier Programme, „Fairview“, „Stormbrew“, „Blarney“ und „Oakstar“, in deren Rahmen Unterseekabel angezapft werden. Das erfolgt beispielsweise durch die Auftrennung der Glasfaserleitungen und das Einsetzen von Lesegeräten (Splicing), die Splitter-Coupler-Methode, bei der Koppler die Lichtsignale in Leitungsknicken erfassen, oder fortgeschrittenere berührungslose Verfahren, bei denen hochempfindliche Detektoren selbst noch die allerschwächste Strahlung im Kabel von außen registrieren.

USA, Russland und China vorneweg

Offensichtlich bemühen sich auch die russischen und chinesischen Geheimdienste um den Zugang zu den unterseeischen Internetverbindungen, wie wiederholte Sichtungen von „Forschungsschiffen“ in der Nähe der Datenleitungen belegen. So operierte die „Yantar“, die zwei Kleinst-U-Boote an Bord hat und im Auftrag der Hauptdirektion für Tiefseeforschung der russischen Marine (GUGI) unterwegs ist, zwischen 2015 und 2020 im Bereich der Kabel unweit des US-Stützpunktes Guantánamo Bay auf Kuba sowie über Datensträngen im Mittelmeer rund um Zypern und dem Südatlantik vor Brasilien und Argentinien. Dazu kam im August 2021 ein „Besuch“ der irischen Küstengewässer bei Killala, von wo aus die wichtige Kommunikationsleitung AEConnect (AEC-1) in Richtung USA führt. Ähnliche Aktionen unternahmen chinesische Schiffe im Indischen Ozean und dem Pazifik.

Vor einem Jahr, im November 2021, verschwanden plötzlich 4,3 Kilometer Kabel vom Meeresgrund vor Norwegen. Bislang konnte noch nicht ermittelt werden, wer diesen Sabotageakt verübt hat.

Christian Bueger, der sich an der Universität Kopenhagen mit maritimer Sicherheit beschäftigt, hält dies alles für Warnzeichen, welche die europäischen Regierungen dringend zum Handeln veranlassen sollten. Schließlich seien die EU-Staaten derzeit blind, was die Kontrolle der Infrastrukturen auf dem Meeresgrund betreffe: „Drei Agenturen der Europäischen Union – die Europäische Agentur für die Sicherheit des Seeverkehrs (EMSA), die Europäische Fischereiaufsichtsagentur (EFCA) und die Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache (Frontex) – befassen sich mit der Meeresoberfläche. Aber keine von ihnen hat den Auftrag, unter Wasser zu schauen.“

Europa hinkt hinterher

Allerdings ist eine lückenlose Überwachung der Datenleitungen „technologisch anspruchsvoll und hat physikalische Grenzen“, so Holger Klindt, der in der Gesellschaft für Maritime Technik (GMT) eine Arbeitsgruppe leitet, die sich mit derartigen Themen beschäftigt. Dennoch beabsichtigt die EU, neue Richtlinien zur Unterwassersicherheit zu verabschieden.

Hierauf wollen Länder wie Frankreich, Irland und Portugal indes nicht warten: So stellte das Verteidigungsministerium in Paris im Februar dieses Jahres einige Eckpunkte seiner Strategie für die „Kriegsführung auf dem Meeresgrund“ vor. Dazu gehört die Beschaffung neuer Tauchboote für Einsätze in großer Tiefe zur Observation der unterseeischen Datenleitungen.

Ähnliche Pläne verfolgt die britische Marine. Und die US-Regierung versucht darüber hinaus, eine Allianz zwischen den staatlichen Behörden sowie den Streitkräften und den Geheimdiensten der Vereinigten Staaten auf der einen und den privaten Kabelbetreibern auf der anderen Seite zu schmieden, um „Unterwassermilizen“ zum Schutz der Glasfaserleitungen aufzustellen. Dahingegen sind aus der Bundesrepublik bislang keine diesbezüglichen Bemühungen bekannt, obwohl das Hochgeschwindigkeits-Seekabel SEA-ME-WE 3, über das die meisten Internetverbindungen zwischen Europa und Afrika, Asien und Australien laufen, auch durch ihre Hoheitsgewässer führt und bei Norden in Ostfriesland auf die Küste trifft.



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Kommentare

Gregor Scharf am 05.11.22, 16:05 Uhr

Beim Analysieren der Nachrichten der zurück liegenden zwei Jahrzehnte bis auf den heutigen Tag gewinnt man den Eindruck, die Welt wird von Menschen gelenkt, die sich ihre spätpubertäre Phase bis ins hohe Alter bewahrt haben und ihre Minderwertigkeitskomplexe ungehemmt ausleben.

Gustav Leser am 04.11.22, 17:41 Uhr

Vorneweg ist auch England

Nach der Kriegserklärung Englands am 4.8.1914 nachts um halb zwölf
wurde bereits in der Morgendämmerung vor Emden das deutsche Transatlantikkabel gekappt und ein Teil herausgeschnitten.
(W. Effenberger)

Auch die SMS vom Liesl Truss "It's done" an Washington eine Minute nach der Nordstreamsprengung zeigt,
dass England auf seine Tradition hält.

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