26.11.2022

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Richard David Precht/ Harald Welzer: „Die Vierte Gewalt. Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist“, S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2022, gebunden, 288 Seiten, 22 Euro
Richard David Precht/ Harald Welzer: „Die Vierte Gewalt. Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist“, S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2022, gebunden, 288 Seiten, 22 Euro

Gesellschaft

Kritik, die ins Schwarze trifft

In ihrem Buch „Die vierte Gewalt“ rügen der Publizist Harald Welzer und der Philosoph Richard David Precht die deutschen Mainstream-Medien

Dirk Klose
23.11.2022

Getroffene Hunde bellen. Da hatten der Publizist Harald Welzer und der Philosoph Richard David Precht im Spätsommer ihr Buch „Die vierte Gewalt“ veröffentlicht, das gleichermaßen auf Interesse, Ablehnung und Diffamierung stieß. In der journalistischen Zunft wurde es als Beleidigung empfunden, ihr vorzuwerfen, sie mache Mehrheitsmeinungen, die gar keine seien. Es kam zu wütenden Streitgesprächen, und beide Autoren, zuvor gern gesehene Gäste in Talkshows, sahen sich Knall auf Fall vor die Tür gesetzt.

Kernthese dieses mit Verve geschriebenen Buches ist der Vorwurf an die etablierten Medien, sie würden nicht mehr, was ihre Aufgabe sei, die Politik kontrollieren und kritisch begleiten, sondern sie machten selber Politik und trieben in Bund und Ländern die Politiker vor sich her, maßten sich damit Befugnisse an, die ihnen nicht zustehen. So komme es zwangsläufig dazu: „Ein Betrieb dreht hohl, produziert vor allem für sich selbst und erstickt fast an seinen Eitelkeiten.“

Das bringe auch mit sich, dass die Meinungsvielfalt immer weiter zurückgehe. Verstärkt werde dieser Zustand durch die sich explosionsartig ausbreitenden sozialen Medien. Hier, so sagen beide, gehe es nicht um Fakten, sondern um Meinungen. Vielleicht etwas zu polemisch äußern sie: „Ein personalisierender, sensationierender und moralisierender Journalismus kann mit Dilemmata und Ambivalenzen nichts, aber auch gar nichts anfangen.“

Welzer und Precht bringen bedrückende Beispiele, wie abweichende Meinungen aggressiv angegriffen, Personen mit Häme überzogen und oft derart bedroht werden, dass sie sich aus dem öffentlichen Medienleben zurückziehen. Der Ukrainekrieg ist für sie das anschaulichste Beispiel. Wer in Politik und Journalismus nicht im Mainstream mitschwimme, laufe, so sagen sie, Gefahr, zum „Outlaw“ zu werden. Als Beispiele nennen sie den Brief der „Emma“-Redaktion an Bundeskanzler Olaf Scholz, sich für Verhandlungen einzusetzen.

Ganz unschuldig an dieser „demokratiegefährdenen“ Entwicklung sei aber auch die Politik nicht. Sie lasse zu, dass die Medien über die Dramaturgie eines Wahlkampfes entscheiden und nicht sie selbst. Wie so oft folgt einer temperamentvollen Diagnose ein etwas konventioneller Vorschlag zur Therapie. Medien, ob Presse oder Sender, sind nun einmal dank ihrer Reichweite die vierte Gewalt in der Demokratie. Sie müssen sich schon fragen lassen, ob sie dieser Funktion noch gerecht werden.



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