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Künstler als geistige Revolutionäre

Fast 100 Jahre lang das künstlerische Zentrum Ostpreußens – In einer Sonderausstellung erzählt das Ostpreußische Landesmuseum in Lüneburg die Geschichte der Kunstakademie in Königsberg anhand von deren Lehren

Jörn Barfod
11.01.2024

Waren vor vier Jahrzehnten für die großen Ausstellungen in Duisburg und Regensburg an die 140 Arbeiten von Lehrern und Schülern der Königsberger Kunstakademie zusammengetragen worden, so sind nun in Lüneburg noch bis zum 25. Februar gut 80 Werke zu sehen, und das nur von Lehrern. Vor allem Akademieschüler waren in einer größeren Anzahl von Ausstellungen im Ostpreußischen Landesmuseum in früheren Jahren immer wieder präsentiert worden.

Diesem jetzigen Vorhaben legten sich viele Hindernisse in den Weg. Durch das Ende der Königsberger Kunstakademie vor fast 80 Jahren, die starken Kriegs- und Nachkriegsverluste seit 1945, starke Zerstreuung des erhaltenen Rests, unzureichende Erforschung der Thematik und andere Schwierigkeiten gestalteten sich die Vorbereitungen kompliziert. Der Kurator Jan Rüttinger konnte dennoch eine sehr lohnende Ausstellung gestalten.

Über 80 Werke von Lehrern
Die Beschäftigung mit den Lehrern der Königsberger Kunstakademie kann viel über die Kunst Ostpreußens in den hundert Jahren von der Eröffnung der Akademie 1845 bis zu deren Schließung 1945 erkennen lassen. Daher ist diese Ausstellung eine wichtige Gelegenheit, Zusammenhänge zu erkennen, die sonst kaum so deutlich werden. Vor allem sind unerwartet bedeutende Kunstwerke zu entdecken und der Kenntnishorizont kann viel stärker erweitert werden als bei einer zwanzigsten Ausstellung über einen ohnehin sehr bekannten Künstler beziehungsweise eine Künstlerin.

Schon die Entstehung der Kunstakademie in Königsberg ist etwas Besonderes in Preußen gewesen. Im Unterschied zu den anderen drei Akademien des Königreichs (Berlin, Düsseldorf, ab 1866 Kassel) war Königsberg keine fürstliche Gründung, sondern entstand aus „bürgerschaftlichem“ Engagement. August Hagen, ab 1830 Inhaber des ersten preußischen Lehrstuhls für Kunstgeschichte, förderte das kulturelle Leben in Königsberg auf vielfältige Weise. Es entstanden ein Kunstverein, ein Kunstmuseum, die Kulturgesellschaft „Prussia“ und andere.

Hagen fand Unterstützung beim Oberpräsidenten der Provinz, Theodor von Schön. Eine Kunstakademie fehlte noch im Kreis dieser Einrichtungen, um die Bürger Königsbergs und der ganzen Provinz näher mit der bildenden Kunst bekannt zu machen und ihre Ausbreitung zu fördern.

Neben einer bestehenden Kunstschule, die eher auf die kunsthandwerklichen Zwecke ausgerichtet war, sollte die Kunstakademie den „freien“ Künsten gewidmet sein. Ihr Wirken war für die Schaffung von Kunst ohne einen Gebrauchszweck gedacht. Diese romantische Vorstellung gefiel dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV., dem sogenannten Romantiker auf dem Thron. Er bewilligte 1842 die Errichtung der Königsberger Kunstakademie. 1845 wurde der erste Direktor berufen, Ludwig Rosenfelder. 1846 konnte sie ihren Betrieb in einem neu errichteten Gebäude aufnehmen.

Im Sinne jener Zeit galt die Historienmalerei als die höchste Form. So musste der Direktor der neuen Akademie natürlich ein Historienmaler sein. Rosenfelder hatte sich in Berlin mit solchen Darstellungen aus der Geschichte schon einen Ruf erworben.

Mit Rosenfelder zusammen wurden, ebenfalls aus dem Kreis Berliner Künstler, der Landschaftsmaler August Behrendsen und der Architekturmaler Hermann Gemmel berufen. Diese Berufungen erfolgten durch das königlich preußische Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten, dem die Kunstakademie zugeordnet war. Weitere Lehrer kamen 1849 und 1850.

Blick in einen Unterrichtsplan
Sehr interessant ist ein Blick in den Unterrichtsplan der ersten Jahre der Kunstakademie. Dort heißt es etwa:
Die Königl. Kunstakademie hieselbst hat den Zweck, diejenigen, welche sich der bildenden Kunst widmen, durch alle Stadien der künstlerischen Bildung bis zur Selbständigkeit zu leiten.

Die allen Kunstfächern gemeinsame Basis wird in den sogenannten Vorbereitungsklassen erstrebt, welche deshalb jeder Schüler durchzumachen hat. Dieselben sind:
1tens die Elementarklasse
2tens die Gipsklasse
3tens die Lebens Zeichen Klasse (Zeichnen nach dem Leben)
4tens der Aktsaal
5tens Anatomie
6tens Perspektive
7tens landschaftliches Zeichnen
8tens Gewandzeichnen

Erst mit dem Beginn des Malens tritt die spezielle Aufteilung der Kunst-Fächer ein:
1tens figürliche Malerei, aus Portrait, Genre und Historie gebildet,
2tens Landschaftsmalerei.

Neben den genannten Klassen bestehen Vorträge von Lehrern der Akademie und Universität über ästhetische und kunstgeschichtliche Themen, welche mitzuhören die Schüler verpflichtet sind, indem derartige Kenntnisse als zu einem höheren Kunststreben erforderlich erachtet werden.

Arbeitszeit ist von morgens 8 Uhr bis abends 6 Uhr an allen Werktagen.

Zum Eintritt in die Elementarklasse ist erforderlich: Fertigkeit im Lesen, Schreiben und in den Elementen des Rechnens und ein Alter von wenigstens 12 Jahren. Ein jeder in die Elementarklasse aufgenommener Schüler ist verpflichtet, außer der Zeit, welche der Unterricht in der Akademie in Anspruch nimmt, an den Lektionen einer öffentlichen Schule teilzunehmen oder sich privat Unterricht erteilen zu lassen und über seine Fortschritte in den Schulkenntnissen durch Zeugnisse sich auszuweisen.

Das sehr jugendliche Alter der Schüler erstaunt heute. Es war aber das Ausbildungsalter, das auch für Lehrlinge galt. Insofern war die Ausbildung noch so angelegt, wie es jene der kunstgewerblichen Schulen auch schon gewesen waren.

Wenn auch die Historienmalerei als höchstes Fach der Malerei galt, so kamen Aufträge doch in erster Linie vonseiten öffentlicher Stellen. Nur wenige Lehrer und Schüler der Akademie erhielten repräsentative Aufträge, wie beispielsweise Wandbilder in öffentlichen Gebäuden oder Kirchen zu Themen aus der Antike, der deutschen und preußischen Geschichte oder der Religion.

Schwerpunkt Landschaftsmalerei
Für die Maler waren zum Broterwerb andere Aufgaben wichtiger: das Portrait, kleinere Genrebilder (Alltagsszenen), Stillleben und die Landschaftsbilder. Daher erlebte die Klasse der Landschaftsmalerei großen Zulauf. Dazu schrieb Rosenfelder 1869: „Es ist dies nur dadurch zu erklären, dass einerseits der Landschaftsmaler viel früher als der Historien- oder Genremaler diejenige Stufe künstlerischer Fertigkeit erreicht, vermöge derer es ihm möglich wird, seine Produktion zu verwerten und so Mittel zu seiner Existenz zu erwerben.“

Hieraus erklärt sich, warum schon im 19. Jahrhundert die Landschaftsmalerei an der Königsberger Kunstakademie eine starke Entwicklung nahm. Die Vielfalt der ostpreußischen Landschaft, welche die Studenten auch bei Ausflügen ins Land erlebten, regte schon besonders an. Wälder, verschiedene Küstenformen, Dünengebiete der Nehrung begeisterten Maler und Bilderkäufer.

Als Rosenfelder 1874 nach drei Jahrzehnten sein Amt niederlegte, folgten einige Jahre der Vertretung der Stelle durch den Landschaftsmaler Max Schmidt. In jenen Jahren war wohl der berühmteste Schüler der Königsberger Kunstakademie, Lovis Corinth, gerade dort. Er schildert in seinen Jugenderinnerungen das schwierige Verhältnis im Lehrerkollegium und „Intrigen finanzieller Natur über das Gehalt des Direktors. Da die Professoren das Gehalt untereinander teilten, so war jeder auf den anderen argwöhnisch. Jedenfalls waren die Lehrer untereinander so verhetzt ..., und alle einigten sich, den neuesten Kollegen aus der Akademie herauszugraulen.“

Endlich berief das Berliner Ministerium 1880 mit Carl Steffeck einen neuen Direktor. Er sorgte für eine Reform der Ausbildung. Unter seiner Leitung wurden 1890 auch Frauen zum Unterricht zugelassen.

Noch im selben Jahr starb Steffeck plötzlich und unerwartet. Danach trat wieder eine lange Vakanz auf der Direktorenstelle ein. Der Akademiebetrieb ging zurück, von 62 Schülern zu Steffecks Zeit auf nur 25 im Jahre 1901, das bei jeweils sechs Lehrern. Das Ministerium berief mit Ludwig Dettmann einen Begründer der Berliner Sezession.

Naturalismus und Impressionismus
Um 1900 war Königsberg zu einer großen Industrie- und Handelsstadt mit einem lebhaften Kulturleben herangewachsen. Daran konnte auch die Kunstakademie teilnehmen, nicht zuletzt dank des initiativenreichen Dettmann. Mit ihm und den auf sein Betreiben hinzukommenden neuen Lehrern fand nach dem Naturalismus nun auch der Impressionismus Einzug in die Akademie.

Eine Reihe neuer Lehrer wurde nach Dettmanns Wünschen berufen. Zu erwähnen wären Olof Jernberg, ein in Frankreich geschulter Landschaftsmaler, Heinrich Wolff, einer der hervorragendsten Graphikkünstler Deutschlands. Er verstand es, die Graphik, nicht zuletzt die Portraitgraphik, zu großer Beliebtheit im Königsberger Bürgertum zu bringen. Als Bildhauer kam Stanislaus Cauer, der mit seinen Schülern für weitere Plastiken im öffentlichen Raum sorgte.

Blütezeit ab 1900
Die Jahre des Direktorats von Ludwig Dettmann könnte man als die Blütezeit der Kunstakademie ansehen. Eine ganze Anzahl bedeutender Maler der ostpreußischen Kunstgeschichte lernte damals dort. Der Umzug der Akademie 1916 in das neue Gebäude war für diese das bedeutendste Ereignis in den Kriegsjahren.

Nach 1918 erfolgte wiederum eine modernere Ordnung der Akademie, diesmal unter Mitwirkung von aktiven Studenten. Ziel war eine demokratischere Verfassung und eine Verjüngung des Lehrkörpers, auch im Blick auf die neuen Kunstrichtungen. In einem programmatischen Text von 1919 hieß es: „Der wahre Künstler ist der geborene geistige Revolutionär.“

Der Beginn der Erneuerung war im Jahr 1920 die Berufung Arthur Degners als Lehrer. Es gelang, den früheren Schüler der Akademie als Lehrer zu gewinnen. Mit ihm zog der Expressionismus endgültig auch in Königsberg ein.

Die wirtschaftliche Notzeit nach dem Krieg brachte gerade den jungen Künstlern viele Probleme. Durch Interessensverbände wie die Vereinigung „Der Ring“ und vermehrte Ausstellungsmöglichkeiten auch im Königsberger Kunstverein wurde Abhilfe gesucht.

Einzug des Expressionismus
Mit der Berufung von Fritz Burmann als Lehrer für figürliche Malerei 1925 kam schon sehr früh die Neue Sachlichkeit als der moderne Stil nach Königsberg. In dieselbe Stilrichtung gehen auch die 1929 angestellten Lehrer, Alfred Partikel für die Landschaftsmalerei und Franz Marten für ein neu eingeführtes Fach der Gebrauchsgraphik.

Im Zuge der wirtschaftlichen Notzeit musste die Königsberger Kunstakademie im April 1932 schließen. Übergangsweise blieben vier Ateliers: Malerei bei Burmann, Landschaftsmalerei bei Partikel, Graphik bei Wolff und Gebrauchsgraphik bei Marten. Unter dem Architekten Kurt Frick als neuem Direktor wurde die Akademie ab 1933 als „Staatliche Meisterateliers für bildende Künste“ fortgeführt. Aufgrund der nationalsozialistischen Bestimmungen mussten einige Mitglieder aus rassischen und politischen Gründen die Akademie verlassen. Als neue Lehrkräfte kamen zunächst Hans Wissel für die Bildhauerei und Direktor Frick für das Fach Baukunst hinzu.

1936 wurde Eduard Bischoff berufen. Er lehrte in den Bereichen figürliche und Monumentalmalerei. Neben Partikel verkörpert er die letzte Phase der Malereitradition der Königsberger Kunstakademie. 1937 wurde der Graphiker Wilhelm Heise Nachfolger Heinrich Wolffs. Er ist der Neuen Sachlichkeit zuzurechnen. Schließlich erhielt Norbert Dolezich 1939 einen Lehrauftrag in der freien Bildgraphik.

Der Lehrbetrieb endete im Sommer 1944. Nach den schweren Luftangriffen Ende August 1944 wurde das Akademiegebäude von anderen Verwaltungen genutzt. Die Schließung erfolgte im Januar des Jahres 1945.

Nähere Informationen zu der bis 25. Februar laufenden Sonderausstellung Die Königsberger Kunstakademie (1845–1945). Künstler aus zwei Jahrhunderten bietet das Ostpreußische Landesmuseum, Heiligengeiststraße 38, 21335 Lüneburg, Telefon (04131) 75995-0, Fax (04131) 75995-11, E-Mail: info@ol-lg.de


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