25.05.2022

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Großindustrie

Legendär – Vulcan schrieb Schifffahrtsgeschichte

Ozeanriesen und mehr für den Norddeutschen Lloyd, HAPAG, Stettiner-Dampfschiffs-Gesellschaft und Marine aus Stettin

Erwin Rosenthal
10.04.2022

Pommern wurde früher gerne als rückständig bezeichnet, man kennt die „einschlägigen“ Aussprüche. Hans Werner Richter sei zugestimmt, wenn er in seinem lesenswerten Buch „Deutschland deine Pommern“ schreibt, dass der Beweis für solch kühne Behauptungen aussteht. Ereignisse, durch welche sie widerlegt werden, gibt es hingegen zur Genüge.

Leider ist heute, wo wir die Aufarbeitung unserer pommerschen Geschichte offensichtlich in die Hände der Nachbarn gelegt haben, so manches historische Großereignis in Vergessenheit geraten.

30.000 zur Schiffstaufe

Am 5. Oktober 1897 hatte es in der Handelsmetropole Stettin, seinerzeit die Hauptstadt der preußischen Provinz Pommern, ein solches Ereignis gegeben. Bei der dortigen Maschinenbau Actien-Gesellschaft Vulcan, mit 7000 Beschäftigten einer der größten deutschen privaten Betriebe, standen der Stapellauf und die Taufe des Schiffes mit der Bau-Nr. 234 an. 30.000 Menschen waren gekommen, um vom gegenüberliegenden Oderufer das Großereignis mitzuerleben. Der Tag wurde zu einem wahren Volksfest, das durch die Anwesenheit des Kaisers noch an Glanz gewann. Der „Täufling“ war das für den Norddeutschen Lloyd in Bremen gebaute Passagierschiff „Kaiser Wilhelm der Große“, mit 14.349 Bruttoregistertonnen und einer Länge von 190,5 Metern das bis dato größte Schiff der Welt. Für die internationale Presse war das bereits Schlagzeilen wert. Als das Schiff wenig später unter Kapitän Ludwig Störmer auch noch das „Blaue Band“ für die schnellste Überquerung des Atlantischen Ozeans errang, knallten auf der Werft und in der Reederei wiederum die Champagnerkorken.

Das größte und das schnellste Schiff der Welt zu bauen, das war das Höchste, was die Werft erreichen konnte. Der Stettiner Vulcan hatte damit eine Spitzenposition im internationalen Schiffbau erreicht und der Norddeutsche Lloyd eilte als Schiffseigner der Konkurrenz weit voraus. Mit der Bau-Nr. 202 war im Jahre 1892 die „Hohenzollern“, ein Schiff der Kaiserlichen Marine, vom Stapel gelaufen. Sie diente von 1893 bis 1918 dem deutschen Kaiser Wilhelm II. als Staatsjacht für repräsentative Zwecke und machte jährlich im Swinemünder Hafen fest.

Der Vulcan wurde schließlich Hauptauftragnehmer des Norddeutschen Lloyd und lieferte bis 1914 exakt 24 Ozeandampfer an den Lloyd aus. Die Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (HAPAG) wollte nicht zurückstehen und bestellte ebenfalls einen Schnelldampfer, der das Bremer Flaggschiff in jeder Beziehung übertreffen sollte. Das Resultat war der Schnelldampfer „Deutschland“, der 1900 vom Stapel lief. Das Schiff erreichte eine Geschwindigkeit von 23,5 Knoten und holte das begehrte Blaue Band. Der Stettiner Vulcan hatte seine Spitzenposition gefestigt, und die HAPAG übernahm wieder die Spitze in der atlantischen Passagierschifffahrt.

Weltweit erste Kreuzfahrt

Die HAPAG veranstaltete 1891 mit der ebenfalls in Stettin vom Stapel gelaufenen „Augusta Victoria“ die weltweit allererste Kreuzfahrt, eine zweimonatige Mittelmeerkreuzfahrt. Das Schiff lief Southampton, Gibraltar, Genua, Alexandria, Beirut, Piräus, Malta, Palermo, Neapel und Lissabon an. Viele der heutigen Kreuzfahrschiffe schippern mit der gleichen Geschwindigkeit wie die „Augusta Victoria“. Benannt nach der deutschen Kaiserin Auguste Victoria, ein Schreibfehler machte daraus Augusta Victoria.

Der Erstling der Werft war im Jahre 1852 der Seitenraddampfer „Dievenow“, der für die Stettiner Dampfschiffs-Gesellschaft J. F. Braeunlich bestimmt war, gewesen. Es war das erste in Preußen gebaute stählerne Seeschiff. Mit seiner Indienststellung begann der über das Stettiner Haff führende Linienverkehr zwischen Stettin und dem Heimathafen des Schiffes, Swinemünde. Mit dem Bau des Schnelldampfers „Kaiserin Auguste Viktoria“ und des 213 Meter langen, im Jahre 1906 gebauten Passagierschiffes „George Washington“ stieß der Stettiner Schiffbau an seine Grenzen. Nur mithilfe von Schwimmpontons konnten die gr0ßen Schiffe durch das Stettiner Haff, die Kaiserfahrt und die Swine auf die offene See vor Swinemünde bugsiert werden.

Wollte also die Werft weiter expandieren, war es erforderlich, sich nach einem geeigneten Nordseehafen umzusehen. Folgerichtig wurde 1905 beschlossen, in Hamburg ein Tochterunternehmen zu gründen. Im Juni 1909 weihte Kaiser Wilhelm II. persönlich die A.G. Vulcan Hamburg am Rosshafen in Hamburg-Steinwerder ein. 1911 wurde Hamburg zum Hauptsitz des Unternehmens. Die Zahl der Arbeiter und Angestellten beider Standorte erhöhte sich schließlich auf 20.000.

Beide Vulkan-Standorte übernahm 1926 die Deutsche Schiff- und Maschinenbau Aktiengesellschaft mit Sitz in Bremen. Diese schloss 1928 den Stettiner Betrieb, in dem in sieben Jahrzehnten mehr als 600 Schiffe vom Stapel liefen und 4000 Lokomotiven gebaut wurden und verkaufte ein Jahr später die Hamburger Werft an die Howaldtswerke AG in Kiel.



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