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Lesefrust statt Leselust

Niedergang der Buchclubs wie dem von Bertelsmann oder der Büchergilde Gutenberg – Sie brachten Arbeitern die Bücher ins Haus

Ansgar Lange
02.09.2023

Deutschland galt einst als Land der Dichter und Denker. Doch wird unser Land in Zukunft noch ein Land der Leser sein? Aktuelle Studien stimmen pessimistisch. Jeder vierte Viertklässler kann nicht richtig lesen. Das ist das alarmierende Ergebnis der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU), die unlängst in Berlin vorgestellt wurde. Insgesamt lesen deutsche Grundschulkinder deutlich schlechter als noch vor 20 Jahren. Schüler aus Singapur, Hongkong, England oder Schweden schnitten beim Leseverständnis deutlich besser ab.

Die Corona-Pandemie und die hohe Zahl an Zuwanderern in Deutschland können allein nicht als Entschuldigung herhalten. Schließlich waren auch andere Länder von diesen Faktoren betroffen. Ein Grund für den deutschen Lesefrust könnte aber darin liegen, dass Kinder einfach zu wenig lesen – sowohl zu Hause als auch in der Schule. Und Übung macht ja bekanntlich den Meister.

Lehrer klagen, dass sich selbst viele Grundschüler heute nur noch von Fernsehen, Playstation und Mobiltelefon berieseln lassen. Wer nicht gut lesen kann, wird später in der Regel auch beruflich nicht erfolgreich sein. Keine gute Voraussetzung, dass Deutschland in der Schule im internationalen Vergleich deutlich weniger Zeit für Leseunterricht und lesebezogene Aktivitäten aufwendet.

Doch wie kann aus Lesefrust wieder Leselust werden? Ein historischer Blick auf Buchclubs wie den Bertelsmann Lesering oder auch die Büchergilde Gutenberg zeigt, dass es durchaus möglich war und ist, auch eher bildungsferne Schichten fürs Lesen zu begeistern. Schon im 19. Jahrhundert kam die Idee auf, auch Arbeiter durch sogenannte Buchgemeinschaften mit vergünstigten Preisen an das Kulturgut Buch heranzubringen. Laut dem Journalisten Marc Reichwein war der Name der 1912 eingerichteten Buchgemeinschaft namens „Emporlese-Bibliothek“ zugleich Programm.

Angehörige der Arbeiterklasse sollten durch Bildung – für die nun einmal Lesen, Schreiben und Rechnen essentiell sind – aufsteigen können. Lesen und Leistung gehören zusammen. Denn Buch-, Zeitungs- oder Zeitschriftenlektüre ist zunächst einmal anstrengend, bevor es zum Genuss wird. In der frühen Bundesrepublik stimmte – im Gegensatz zu heute – noch der Leistungsgedanke. Am 1. Juni 1950 wurde der Bertelsmann Lesering gegründet, der in der ostwestfälischen Provinz von Gütersloh seinen Sitz hatte.

Zu seinen Hochzeiten nach der deutschen Vereinigung hatte der Buchclub rund sieben Millionen Mitglieder. Zuletzt, bei der Schließung der Clubfilialen im Juni 2015, waren es nur noch 600.000.

Bertelsmann vermarktete die Bücher direkt an die Leser – und das oft zu besseren Konditionen. So wurde die Schwellenangst genommen. Nicht jeder Mensch hat das Glück einer heimischen Bibliothek oder zumindest eines elterlichen Bücherschranks. Und gerade diese lesehungrigen Bürger mussten nicht mehr in eine Buchhandlung gehen, in der sie sich vielleicht zunächst fremd und unwohl gefühlt hätten. Heute würde man das wohl barrierefreien Zugang zur Bildung nennen.

Noch heute findet man im Internet Verkaufsanzeigen mit den Halbleder- oder Leinenbänden des Bertelsmann Leserings, die nach dem Tod der Eltern oder Großeltern vererbt wurden und nun für ein paar Euro verramscht werden. Einen geschichtsbewussten Menschen muss dies traurig stimmen. Denn: „Der Bertelsmann-Club, 1950 als Bertelsmann Lesering gegründet, wurde mit dem deutschen Wirtschaftswunder groß, und er erzählt auch eine Erfolgsgeschichte der demokratischen Entweihung des Bildungsbürgergutes Buch“, schreibt der bereits erwähnte Autor Reichwein.

Die Kunden wurden regelmäßig über Neuerscheinungen auf dem Gebiet der Belletristik, aber auch von Lexika und Nachschlagewerken, auf dem Laufenden gehalten. 1950 zahlte man einen Monatsbeitrag von 3,20 D-Mark. Wer sich für keines der beworbenen Bücher entschieden hatte, bekam automatisch einen der „Hauptvorschlagsbände“ nach Hause geschickt. Ob die Bücher dann alle gelesen wurden oder nicht, sei dahingestellt.

De facto galt ein Bücherregal aber damals durchaus noch als Statussymbol. Heute schindet man mehr Eindruck mit dem neuesten iPhone oder einem riesigen Flachbildschirm, der eine ganze Wand abdeckt.

Heute gibt es noch die Büchergilde Gutenberg als einzige literarische Buchgemeinschaft im deutschsprachigen Raum. Sie hat ihren Sitz in Frankfurt am Main und wurde am 29. August 1924 vom Bildungsverband der Deutschen Buchdrucker gegründet. Die Büchergilde stand ganz in der Tradition der deutschen Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung.

Im Jahr 2020 hatte die Büchergilde in Deutschland noch rund 60.000 Mitglieder, die sich meist dazu verpflichten, einen Artikel pro Quartal zu übernehmen. „Elitärer“ im Ansatz als die „Buchfabrik Bertelsmann“, legt die Büchergilde sehr viel Wert auf eine aufwendige Verarbeitung, hochwertige und nachhaltige Materialien und besondere Illustrationen.

Die „Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“ aus der Feder von Golo Mann wurde beispielsweise auf Anregung der Büchergilde geschrieben. Die heute ziemlich vergessene US-amerikanische Nobelpreisträgerin Pearl S. Buck verdankte ihre große Verbreitung im deutschen Sprachraum der 1950er Jahre dem Bertelsmann Lesering.

Bereits in den 1990er Jahren waren die Zeiten für die traditionellen Buchgemeinschaften härter geworden. Und so löste die Büchergilde ihre enge Bindung an die Gewerkschaften. Leitende Mitarbeiter übernahmen 1998 in einem Management-buy-out die Büchergilde Gutenberg, das heißt, das Management kaufte das Unternehmen.

Ob Bertelsmann oder Büchergilde – die Buchgemeinschaften haben viel für die Lesekultur in Deutschland getan. Denn Lesen lernt man nur durchs Lesen.


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Kommentare

Gregor Scharf am 02.09.23, 09:30 Uhr

Lesen um des Lesenswollen geht auch in die falsche Richtung. Es kommt auf den Inhalt an, die Fantasie anzuregen, dabei lachen zu können, etwas über die Welt zu lernen und zugleich geschickt verpackt zur Tugendhaftigkeit erzogen zu werden.
Wie soll das heutzutage gehen? Alles, womit wir groß geworden sind, gilt heute als überholt und rassistisch.
Und Tugendhaftigkeit passt nicht ins Konzept der Mächtigen, die lieber einen Haufen abhängiger Bittsteller und Kriecher unter sich haben, weil das ihren Machtanspruch niemals gefährden wird. Dass sie dabei die Opfer einer Selbsttäuschung werden, kommt ihnen in ihrem Rausch nicht in den Sinn. Eine Armee von Beratern bestärkt sie in ihrem Wahn.
Das Konzept zur Volksverdummung bekommt immer stärkere Risse und trifft seine Urheber und Mitläufer. Die alte Volksweisheit bestätigt sich auch hier: „Wer Anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.“ Schade nur, dass es keinen anderen Weg zur Erkenntnis gibt als diesen mit millionenfachem, künstlich erzeugtem Leid und Elend.

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