Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Befreiungsschlag auf den letzten Metern – Sven Schulze ersetzt Reiner Haseloff
Mit einem aufsehenerregenden Schritt versucht die CDU in Sachsen-Anhalt, das Ruder noch herumzureißen. Ministerpräsident Reiner Haseloff tritt überraschend noch vor Ende der Legislaturperiode zurück und macht den Weg frei für seinen designierten Nachfolger Sven Schulze. Der 46-jährige Wirtschaftsminister und CDU-Landeschef soll bereits am 27. Januar vom Landtag zum neuen Regierungschef gewählt werden – ein riskantes Manöver, das die Nervosität der schwarz-rot-gelben Koalition zeigt.
Kann das gut gehen? „Wenn ich diese Entscheidung treffe, für einen Nachfolger Platz zu machen, dann ist das eine Entscheidung, die ich für strategisch wichtig halte im Sinne dieses Landes und der Stabilität“, sagte Haseloff. Das bedeutet übersetzt: Bis zuletzt hält sich der Landesvater für politisch unverzichtbar. Da könnte sogar was dran sein.
Denn ausgerechnet in seiner Heimat, die er künftig regieren will, ist Schulze vielen Menschen kaum ein Begriff. Daran trägt auch Haseloff einen Anteil, da er seinem potenziellen Nachfolger in den vergangenen Jahren kaum Gelegenheit zum Glänzen gelassen hat. Der gebürtige Quedlinburger war lange Europaabgeordneter in Brüssel und kehrte erst 2021 als Wirtschaftsminister nach Sachsen-Anhalt zurück.
Im Vergleich zum landesweit bekannten Haseloff ist Schulze ein neues Gesicht. Umfragen bescheinigten ihm zuletzt einen Bekanntheitsgrad von unter 50 Prozent. Kein Wunder also, dass sein bloßer Antritt als Spitzenkandidat bislang wenig Wirkung zeigte – viele Bürger verbinden mit seinem Namen noch wenig.
Haseloff hatte seinen Kronprinzen über die Jahre eher behutsam aufgebaut. Schon im Sommer 2025 kündigte der 71-Jährige an, nicht erneut anzutreten, und benannte Schulze zu seinem Wunschnachfolger. Auf Parteitagen inszenierte man die Übergabe harmonisch, doch das wichtigste Pfund wollte Haseloff zunächst nicht aus der Hand geben: das Ministerpräsidentenamt. Parteiintern galt das Vorgehen als smart, in der Öffentlichkeit blieb Haseloff der Übervater. Erst angesichts schlechter Umfragewerte lenkte der Ministerpräsident ein.
Von der AfD getrieben
Seit dem Herbst verbucht die AfD in Sachsen-Anhalt Rekordwerte von teils 35 bis 40 Prozent – weit vor der CDU. Die Aussicht, bei der Wahl im September nur zweite Kraft zu werden, hat die Christdemokraten alarmiert. Unter dem Druck dieser Zahlen vollzieht man nun den Führungswechsel noch vor der Wahl. Die Koalitionspartner SPD und FDP haben dem Schritt zugestimmt. Offenbar hofft man, dass Schulze als frischgebackener Ministerpräsident mit Amtsbonus und neuer Dynamik die Trendwende schaffen kann. Ganz neu ist eine solche Rochade nicht: In Sachsen übernahm 2017 Michael Kretschmer kurz vor der Landtagswahl das Ruder von seinem Vorgänger – und konnte die CDU trotz AfD-Drucks an der Macht halten. Doch so knapp vor dem Urnengang wie nun in Sachsen-Anhalt hat ein Wechsel an der Regierungsspitze eher Seltenheitswert.
Leicht wird das nicht. Schulze muss in kürzester Zeit aus dem Schatten seines Vorgängers treten und Profil zeigen. Als sachorientierter Politiker ohne Allüren hat er zwar keine Skandale im Gepäck, aber eben auch noch keine breite Ausstrahlung. Sein Gegner von der AfD, der 35-jährige Ulrich Siegmund, setzt indes auf Proteststimmung und soziale Medien. Mit zugespitzten Botschaften erreicht Siegmund online ein junges Publikum, während Schulze eher auf klassische Bürgernähe und das direkte Gespräch vor Ort setzt. Ob das gegen den aktuellen Zeitgeist reicht, wird sich zeigen.
Allerdings könnte der CDU ein unerwarteter Faktor helfen: der heftige interne Zwist bei der AfD. Ausgerechnet jetzt steckt die Rechtspartei in einer Selbstzerfleischung. Betrugsvorwürfe und Machtkämpfe im Landesverband dominieren die Schlagzeilen. Die bislang so siegessichere Partei wirkt zerstritten. Sollte dieser Streit manche Wähler abschrecken oder die AfD im Wahlkampf lähmen, könnte die CDU davon profitieren.
Schulze darf sich darauf jedoch nicht verlassen. Er muss den Menschen vermitteln, wofür er steht und warum eine von ihm geführte Regierung die bessere Wahl für Sachsen-Anhalt sei. Wie sein Mentor Haseloff grenzt auch er sich schroff von der AfD ab und warnt vor politischen „Experimenten“ mit den Rechtspopulisten. 2021 gelang es Haseloff mit einer solchen Haltung, die AfD kleinzuhalten und einen Wahlsieg der Union zu erringen. Ob Schulze dieses Kunststück wiederholen kann, ist offen.
Fest steht: Die CDU setzt alles auf die Karte Sven Schulze. Acht Monate vor der Wahl soll ein letzter personeller Befreiungsschlag die drohende Niederlage abwenden. Im September wird sich zeigen, ob dieser Kurswechsel die erhoffte Wirkung hatte – oder ob er zu spät kam. Nicht nur für die CDU steht viel auf dem Spiel. Sachsen-Anhalt könnte zum ersten Bundesland mit einem AfD-Regierungschef werden und damit die Brandmauer zum Einstürzen bringen.