20.01.2022

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
In Deutschland ein Auslaufmodell, im Rest der Welt Zukunft: Atomkraft. Im Bild das zum Jahresende 2021 vom Netz genommene AKW Grohnde
Foto: imago Future imageIn Deutschland ein Auslaufmodell, im Rest der Welt Zukunft: Atomkraft. Im Bild das zum Jahresende 2021 vom Netz genommene AKW Grohnde

Energie

Lukrative Atomkraft

Während die Kernenergie in Deutschland seit Jahren verdammt ist, bauen andere Länder in Europa ihre Kapazitäten aus. Nun hat auch Polen den Einstieg in die Atomkraft beschlossen – unter anderem mit dem Ziel, auch Deutschland zu beliefern

Bodo Bost
05.01.2022

Während Deutschland zum Jahresende mit Brokdorf, Grohnde und Gundremmingen drei seiner letzten sechs Atommeiler abgeschaltet hat, hat die Regierung Polens entschieden, dessen erstes Kernkraftwerk ab 2026 in Pommern, besser gesagt in Kaschubien, in der Nähe der 1300-Einwohner-Gemeinde Gotendorf/Chottschow [Choczewo], zu bauen. Auch Frankreich plant in Zukunft den Bau weiterer Atommeiler und hat sogar bei der EU-Kommission beantragt, die Kernenergie, aus der Deutschland trotz historisch hoher Energiepreise weiterhin aussteigen will, als grüne Energie anerkennen zu lassen. 

Sollte dieser Antrag genehmigt werden – und vieles sieht danach aus –, werden auch wieder Zuschüsse zum Bau neuer Kernkraftwerke von der EU, also auch und vor allem vom Nettozahler Deutschland, in die Kernkraft fließen, ob den Grünen das Recht ist oder nicht. Die Fronten der Energiepolitik könnten zu Beginn des Jahres 2022 innerhalb der EU nicht konträrer sein. 

Das erste polnische Kernkraftwerk wird nicht weit entfernt von der Ostsee entstehen. Deshalb können Baumaterialien und technische Ausrüstung für den Bau per Schiff angeliefert werden. Nach Gotendorf/Chottschow soll in der Republik Polen alle zwei bis drei Jahre ein neues Kernkraftwerk den Betrieb aufnehmen, bis 2043 werden es sechs sein. 

Atomstrom für Deutschland  

Die neuen Atomreaktoren sollen allerdings nicht nur als Überbrückungsenergieerzeuger für die Kohlekraftwerke dienen, die abgeschaltet werden müssen, um die von der EU eingeforderten „Klimaziele“ zu erreichen. Alle sechs neuen Kernkraftwerke werden in den Oder-Neiße-Gebieten liegen, das heißt im Westteil der Republik Polen, also nicht weit von den Grenzen der Bundesrepublik entfernt. 

Ebenso wie die Franzosen, deren größtes Kernkraftwerk Cattenom/Kattenhofen in Lothringen in Sichtweite des Saarlandes liegt, werden auch die Polen auf den deutschen Markt spekulieren. Denn mit der waghalsigen deutschen Energiewende zugunsten Erneuerbarer Energien, die den Strompreis in die Höhe schnellen lässt, braucht Deutschland zusätzlich Stromlieferanten für die Zeiten, in denen Windräder stillstehen und die Sonne nicht scheint. Die Gasenergie, die Deutschland als Übergangsenergie ausgewählt hat, wird, wenn der Konflikt um die Ukraine und Nord Stream 2 weiter hochkocht, derart teuer werden, dass die Deutschen gerne auf die Kernkraft der Nachbarn zurückgreifen werden. Das wissen die Polen und die Franzosen. Deshalb bauen sie ihre Kernkraftwerke in der Nähe der Bundesrepublik, die bald nicht mehr über diese Energie verfügen wird, und die dafür umso mehr von ihren Grenznachbarn beziehen muss. 

„Hässlich, aber reich“ 

Auch Polen hätte wie Deutschland seine Braunkohle-Kraftwerke sofort auf Erneuerbare Energiequellen umstellen können. Stattdessen plant man mit der Kernkraft. Dafür sind massive Investitionen von 30 Milliarden Euro notwendig. Die US-Firma Westinghouse hofft dabei auf einen Vertrag zum Bau der Kraftwerke in der Republik Polen. 

Neben der Republik Polen wird auch die Slowakei bald ihr erstes Kernkraftwerk in Betrieb nehmen. Durch den gemeinschaftlichen sogenannten Corona-Aufbaufonds, bei dem Deutschland größter Nettozahler ist, wird Deutschland am neuen Aufbau der Kernenergie in seinen östlichen Nachbarstaaten via EU finanziell kräftig teilhaben. 

In Gotendorf/Chottschow soll Meerwasser zur Kühlung des Reaktors verwendet werden. Bisher nutzen vor allem wärmere Länder die Salzwasserkühlung. In Europa müssen im Sommer regelmäßig Kernkraftwerke gedrosselt werden, um die Flüsse, in die sie ihr Kühlwasser ablassen, nicht zu überhitzen. Das neue polnische Kernkraftwerk wird sein Wasser in der Danziger Bucht, in der es viele Strände gibt, und an der pommerschen Ostseeküste abkühlen und das dortige Meerwasser erwärmen. 

Wiesław Gębka, Chottschows Bürgermeister, sagte im Fernsehsender TVN, er erwarte von dem Projekt, dass seine Gemeinde damit „hässlich, aber reich“ werde. Laut Regierungsangaben liegt die Zustimmung zu dem neuem Atomprogramm landesweit bei 74 Prozent. Das unabhängige Meinungsforschungsinstitut PBS stellte im Oktober fest, dass 63 Prozent der Bewohner der betroffenen Gemeinden für den Bau eines Kernkraftwerks in ihrer Region sind.



Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ gern mit einer

Anerkennungszahlung


Kommentare

Simon Maisack am 18.01.22, 22:24 Uhr

Der im Artikel gezogene Zusammenhang zwischen dem Abschalten der deutschen Kernkraftwerke und dem extremen Anstieg des Strompreises ist nicht ganz richtig. Natürlich hat jeder fehlende Erzeuger einen Einfluss auf die Preisbildung aber mehrheitlich wird die aktuelle Situation durch 11 abgeschalteten AKWs in Frankreich und geringere Einspeisung durch Laufwasserkraftwerke in den den Alpen + ungewöhnlich wenig Wind sowie russische Gas-nicht-Lieferungen hervorgerufen. Das so mono-kausal zu erwähnen würde ich fast als falsch bezeichnen.

Jan Kerzel am 09.01.22, 17:23 Uhr

Der Vorteil des europäischen Verbundes besteht insbesondere darin, dass die in der BRD vorherrschende Staatsideologie eine nachhaltige Verdünnung erfährt. Alle Hoffnungen den Quark , ob Energie, unbegrenzte Zuwanderung uvm., über ganz Europa ausschütten zu können, werden enttäuscht werden. Das ganze Konstrukt ist ein spezifisch bundesdeutsches Produkt und in erster Linie der bundesdeutschen zeitgeschichtlichen Aufarbeitung und Interpretation geschuldet. Quasi ein gestiftetes Kunst - und Kulturprojekt. Diese Konditionierungen und Programmierungen haben in den anderen europäischen Staaten nicht stattgefunden. Deswegen wird der erhoffte Transfer auch nicht gelingen, trotz aller Zahlungsfreude und demütiger Ergebenheit. Von daher wird das Gedöns von dem erstrebten europäischen Bundesstaat bald leiser werden. Lieber in Gallien der Erste, als in Rom der Zweite. Für die Bürgerinnen und Bürger ist es aber durchaus eine Perspektive, denn die europäische Eingebundenheit ist Fakt und setzt Grenzen, quasi europäisch gemittelte Grenzen. Abgesehen von der Freiheit sich im gesamten EU-Raum niederlassen zu können.

Andreas M. Prieß am 07.01.22, 15:16 Uhr

Deutschland wird in ein paar Jahren den Strom aus den anderen Ländern nicht mehr benötigen,da die Industrie dann vollends abgewandert ist. Die vielen Arbeitslosen werden dann zu Hause im Dunkeln sitzen,weil sie sich den Strom nicht mehr leisten können. Die teuren e-Autos werden dann nur noch die Reichen über leere Straßen fahren. Aber die einzigste Partei ,welche den ganzen Unsinn noch hätte stoppen können, wurde ja nicht gewählt. Kein Mitleid !

Chris Benthe am 06.01.22, 07:41 Uhr

Die Kalamität am Atom-Ausstieg in Deutschland, neben dem knappen und überteuerten Strom, ist, dass man nicht einmal mehr in der Lage ist, einen Reaktor-Druckbehälter zu bauen. Technologie-Wissen geht verloren, wieder mal knickt ein wichtiger Wirtschaftsbereich weg. Deutschland, das einstige Land der Ingenieure und Techniker, verarmt. Vielen ist offenbar noch nicht klar, dass diese unheilvollen Entwicklungen auch auf den Bildungssektor zurückwirken...auch der Maschinenbau ist bereits betroffen, Herzstück unseres Wohlstandes. Aufwachen, deutscher Michel, du hast zu lange gefeiert und falsch gewählt !

sitra achra am 05.01.22, 12:39 Uhr

Wie schön,dass die Badewassertemperatur in der Danziger Bucht steigt. Das wird mir den Aufenthalt in Zoppot versüßen.

Kommentar hinzufügen

Captcha Image

*Pflichtfelder

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag. Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!