Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Die Brüder Fritz und Richard Skowronnek spiegelten in ihrem umfangreichen Werk ihre Zeit vor dem Hintergrund ihrer Heimat
Wenn man sich näher mit der Literatur Ostpreußens beschäftigt, so stößt man neben den großen Namen auf Stimmen, die zwar von Bedeutung, jedoch aus den unterschiedlichsten Gründen aus dem Raster der literarischen Betrachtung gefallen sind. Dazu zählen zweifellos die Brüder Fritz und Richard Skowronnek. Die „Ostpreußische Literaturgeschichte“ (1977) von Helmut Motekat widmet beiden Autoren lediglich eine knappe Seite. Dabei verlangen allein schon der Umfang des Werkes und dessen weitreichende Wirkung sowie die zahlreichen Verfilmungen eine eingehende Betrachtung.
Insbesondere der Umfang ihres literarischen Schaffens muss Erstaunen auslösen. Dazu kommt, dass bei unterschiedlicher Thematik Masuren der durchgehende Schauplatz fast aller Werke ist. Von den 72 größeren Arbeiten, die Fritz Skowronnek im Laufe seines Lebens vorgelegt hat, beziehen sich alle mit der Ausnahme des in Mecklenburg angesiedelten Romans „Rittergut Hohenselchow“ (1914) auf seine Heimat Masuren. Dazu kommen zwischen 1900 und 1939 mehr als 130 Aufsätze und Artikel in Zeitungen und Zeitschriften, die neben der Jagd vorwiegend der Tier- und Pflanzenwelt Masurens gewidmet sind. Außerdem finden sich weitere volkskundliche Arbeiten sowie politische Artikel, die sich gegen polnische Ansprüche wenden. Unter den Pseudonymen Fritz Bernhard oder Hans Windeck verfasste er sogar noch weitere Werke, sodass die Gesamtheit seiner Arbeiten nur schwer zu ermitteln ist.
Umfangreiches literarisches Werk
Der ältere Bruder Richard wählte thematisch denselben Weg. Für ihn lassen sich nicht weniger als 33 Romane ermitteln, die überwiegend ebenfalls Masuren als Schauplatz haben. Ergänzt werden diese Romane noch durch mindestens 16 Bühnenwerke (Lustspiele, Schwänke, Schauspiele und ein Drama), die weitgehend den Geist Masurens atmen. Mehrere Novellen sowie eine von ihm als Journalist betriebene Parlamentsberichterstattung, die den Fragen des deutschen Ostens besondere Aufmerksamkeit schenkt, runden das Werk ab.
Fritz wurde 1858 und Richard 1862 im Forsthaus Schuiken bei Goldap in der Rominter Heide geboren. 1864 zogen die Eltern nach Masuren in das Forsthaus Sybba unweit von Lyck. Wie im Falle Ernst Wiecherts legte die unter dem Einfluss des Forsthauses erlebte Naturbegegnung die Grundlage der Weltbetrachtung. Doch das innige Verhältnis zu Natur und Heimat sollte beide Brüder nicht davon abhalten, sich in das Getümmel der großen Welt zu stürzen. Mit geradezu atemberaubender Energie und unerwartetem Geschick wirkten die beiden Ostpreußen mit an dem Aufstieg bedeutender Zeitungsunternehmen.
Vom Forsthaus in die Welt
Richard begann in Berlin mit einer Stellung bei der „Liberalen Korrespondenz“, ein Blatt, für das auch sein Landsmann Hermann Sudermann arbeitete. Von 1887 bis 1892 war er Feuilletonredakteur der „Frankfurter Zeitung“, und ab 1897 wirkte er auch als Dramaturg des Königlichen Schauspielhaueses in Berlin.
Sein jüngerer Bruder Richard begann 1892 seine Tätigkeit als Journalist ebenfalls in Berlin und übernahm 1897 die Chefredaktion der „Breslauer Morgenzeitung“. Auch er wirkte ab 1898 neben der journalistischen und literarischen Tätigkeit als Dramaturg an verschiedenen Häusern und übernahm schließlich die Chefredaktion der einflussreichen Berliner Zeitung „Der Abend“.
Das Erfolgsrezept
Beiden war ein ungebrochenes Erzähltalent in die Wiege gelegt. Das erklärt jedoch nicht ihren ungewöhnlichen Erfolg. Als Journalisten wussten sie, was das Publikum lesen und hören wollte. So konnten sie auf die Erwartungen der Kundschaft zuschreiben. Auch lernten sie im journalistischen Bereich schnell, welche Strippen man ziehen musste um weiterzukommen. Im Rahmen des Zeitungsgeschäftes wurde ihnen auch früh klar, dass man sich positiv zur politischen Macht stellen muss, um in den Genuss einer förderlichen Atmosphäre zu kommen, die den Weg nach oben öffnet. Nicht ohne Grund war Fritz akkreditierter Sonderkorrespondent der großen Kaisermanöver in der Provinz Posen sowie der kaiserlichen Jagden in Rominten. Zusätzlich erwiesen sie taktisches Geschick bei Verlagsverhandlungen. Schon früh setzten sie auf größere Verlage, weil diese eine weitere Verbreitung ihrer Werke versprachen.
Obgleich aus allen ihren Werken eine monarchistische Überzeugung spricht, setzte sich der Erfolg nach 1918 fort. Auch in der Weimarer Zeit wurden ihre Werke von renommierten Verlagen wie Ullstein oder Cotta verlegt oder erschienen in vielgelesenen Reihen wie Engelhorns Romanbibliothek oder Ullsteins Sammlung zeitgenössischer Romane. Teilweise gingen die Auflagen über 500.000 hinaus.
Zugute kam ihnen auch eine Entwicklung im Journalismus, die bereits vor dem Ersten Weltkrieg einsetzte und sich danach verstärkte: Die Reportage strebte in das Feuilleton. Der nüchterne Bericht sollte in den Rang eines sprachlichen Kunstwerkes gehoben werden. Agnes Miegel ist in diesem Zusammenhang ein bezeichnendes Beispiel: Von 1920 bis 1932 arbeitete sie als Journalistin für zwei Königsberger Zeitungen und entwickelte in dieser Zeit ihre Reportagen im Rahmen des Feuilletons zu einer dichterischen Kunstform. Beide Brüder nahmen diese Entwicklung auf und perfektionierten sie. Dabei verbanden sie die Schilderung individueller Schicksale mit den großen Zeitereignissen oder mit gängigen Problemen.
Inspiration durch Vorbilder
Ganz offensichtlich ließen sie sich von Vorbildern inspirieren. Dazu zählte vor allem John Galsworthy, der mit seiner „Forsyte-Saga“ (1906–21), die den Ablauf der Geschichte mit dem Schicksal der Generationen einer Familie verknüpft. Aber auch Felix Dahn, den die Brüder an der Universität in Königsberg gehört hatten, diente mit seinen historischen Romanen als Vorbild. Besonders starken Einfluss übte jedoch das französische Konversations- oder Salonstück aus, das pièce bien faite, dessen Bauprinzipien als Strukturelement übernommen wurden. Das erklärt, weshalb weite Strecken der Romane aus Dialogpassagen bestehen, die wie erzählerisch verlebendigte Bühnenauftritte wirken. So schaffen die Skowronneks aus der masurischen Welt bei aller Authentizität eine literarische Bühne. Zwar ist die Bühne mit allen ihren Requisiten realistisch, aber Argumente, Handlung und Akteure werden durch die Intention des Autors bestimmt, die über das Regionale hinausgeht.
Beide Brüder waren alles andere als sozial freischwebende Intellektuelle; sie zeichnete vielmehr Bodenhaftung aus. Sie erinnern an Ernst Jüngers Waldgänger. In bestimmten Abständen kehrten sie der Urbanität den Rücken und besuchten ihre Heimat, um erneut in der Wiederbegegnung mit einer ungetrübten Natur Kraft zu schöpfen.
Heimatverbunden und hochaktuell
Diese ostpreußischen Waldgänger aus dem Forsthaus vertraten nicht nur in ihren Werken eine nationale und monarchistische Position, sondern setzten sich für ihre Überzeugungen auch im realen Leben mit Entschlossenheit ein. In seiner 1923 erschienenen Autobiographie „Lebensgeschichte eines Ostpreußen“ hat Fritz mehrfach hervorgehoben, dass angesichts der Bedrohung der Heimat Parteien überflüssig und sogar schädlich seien, ein Standpunkt, den auch zentrale Charaktere seiner Werke teilen. Allein die Liebe zur Heimat und der „nationale Wille“ könnten Deutschland retten. Mit dieser Einstellung zählten beide zu den führenden Köpfen der politischen Heimatbewegung. Als zahlreiche Ostpreußen durch den Russeneinfall 1914 in Not gerieten, zögerten sie nicht, aus ihren privaten Mitteln erhebliche Beträge zur Unterstützung einzusetzen. An der Organisation des Abstimmungskampfes hatten sie wesentlichen Anteil. Gleichsam als Begleitmusik dazu verfasste Fritz eine Reihe von Heimatliedern, die in der Zeit viel gesungen wurden. Die das ganze Reich erfassende Patenschaftsbewegung für Ostpreußen war das Werk der Skowronneks.
Patriotisch in Wort und Tat
Sieht man von den Bühnenwerken und Novellen ab, so liegt mit den Romanen eine Gattung vor, die sich nur schwer einordnen lässt. „Unterhaltungsroman“ wird ihr nicht gerecht, obgleich sich auch dafür Beispiele finden und die flinke Feder des Journalismus öfters zu deutlich wird. „Heimat-“ oder „Regionalroman“ erfassen als Begriffe nicht das Wesentliche. Auch die Bezeichnung „Gesellschaftsroman“ trifft nicht den Kern, denn die zwar ausführliche Schilderung gesellschaftlicher Verhältnisse dient primär dem Transport sozialer und politischer Positionen der Autoren. Der Begriff „Zeitroman“ kommt daher noch am nächsten. Geht man die Romane systematisch durch, so ergibt sich ein erstaunlicher Befund an übergreifenden Problemen: Monarchie und Parlamentarismus, das Verhältnis zu Polen und Russland, die Spannung zwischen Individuum und Gemeinschaft, der Gegensatz von Stadt und Land, Preußisches Landrecht und Naturrecht, Nationalstaat und Grenzpolitik sowie Existenz und Krieg. Damit stößt man auf eine Gattung, die, mag sie auch hohen literarischen Ansprüchen nicht genügen, allein durch ihren Sonderstatus einen Platz in der Literaturgeschichte verdient.
Gattung „Zeitroman“
Der letzte Roman Fritz Skowronneks mit dem bezeichnenden Titel „Der Verdrängte“ (1928) ist ein typisches Zeugnis des Zeitromans: Ein aus russischer Gefangenschaft entlassener Offizier aus Westpreußen findet seine Heimat unter polnischer Herrschaft. Er optiert für Deutschland und sieht sich unerträglichen Repressionen ausgesetzt. Angesichts der Existenzbedrohung flieht er nach Masuren und baut sich hier eine neue Existenz auf.
Richard verstarb vor 94 Jahren, am 17. Februar 1932, auf dem Gut Höckenberg bei Regenwalde in Pommern, das seinem Schwiegersohn gehörte und das er saniert hatte. Fritz verstarb gut sieben Jahre später, am 7. Juli 1939. Seine Grabstelle befindet sich in Oranienburg bei Berlin. Sie wurde 2009 von der Kreisgemeinschaft Lyck restauriert und der Erhalt bis zu seinem 100. Todestag 2039 gesichert.