25.05.2022

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Der Alte Dessauer

Mehr als Anekdoten und Gleichschritt

Vor 275 Jahren starb Leopold I. Der Fürst von Anhalt-Dessau wirkte als Feldherr, erhöhte die Schlagkraft der preußischen Infanterie und stellte seine Dynastie auf gesicherte Grundlagen

Erik Lommatzsch
11.04.2022

Am 15. Dezember 1745 schlug der Fürst von Anhalt-Dessau Leopold I., besser bekannt als der Alte Dessauer, in der Schlacht bei Kesselsdorf als preußischer Generalfeldmarschall die sächsisch-österreichischen Truppen. Damit war der Zweite Schlesische Krieg zugunsten Friedrichs des Großen entschieden.

Vor dem Kampf soll Leopold gebetet haben: „Lieber Gott, stehe mir heute gnädig bei, oder willst Du nicht, so hilf wenigstens die Schurken, die Feinde nicht, sondern siehe zu, wie es kommt! Amen.“ Hierbei handelt es sich um eine von zahlreichen Anekdoten, die noch heute mit dem Alten Dessauer verbunden werden. In der Schlacht bei Turin 1706 soll er unter seinem getöteten Pferd hervorgezogen worden sein; seine Grenadiere, die ihn ebenfalls für tot hielten, soll er mit dem Wunsch nach einem großen Schluck Branntwein überrascht haben, um dann zu Fuß wieder die Führung zu übernehmen. In seiner Residenzstadt Dessau soll er zu Pferde mutwillig einen Töpferstand ruiniert haben, um den Händlerinnen den Schaden danach jedoch zu ersetzen – eine Geschichte, die in das Märchen vom König Drosselbart eingeflossen ist. Der Wahrheitsgehalt solcher Erzählungen ist fragwürdig, manchmal wurden sie lediglich übertragen, wie das kolportierte Gebet, das auf den kaiserlichen General Johann von Sporck zurück geht, der es 1664 vor der Schlacht bei St. Gotthard gesprochen hat.

Heirat mit einer Bürgerlichen

Derartige Anekdoten zeichnen dennoch ein Persönlichkeitsbild und zeigen, dass der Alte Dessauer auf Zeitgenossen und Nachwelt einen starken Eindruck hinterlassen hat. So unterschiedliche Literaten wie Theodor Fontane und Karl May setzten ihm in ihren Werken ein Denkmal. Dass Leopold ein Ausnahmecharakter war, ist verbürgt. Davon zeugt etwa seine Heirat mit der – bürgerlichen – Apothekertochter Anna Luise Fröhse, mit der er sich über die Konventionen seines Standes hinwegsetzte.

Mitunter hat der Unterhaltungswert, den der Alte Dessauer zweifelsfrei besitzt, in der Überlieferung dessen militärisches und politisch-ökonomisches Wirken überschattet. Treffend urteilte Wilhelmine von Bayreuth, die Schwester Friedrichs des Großen, in ihren Erinnerungen: „Der Fürst von Anhalt darf unter die größten Heerführer seines Zeitalters gerechnet werden; zu einer vollkommenen Kriegserfahrung gesellte er einen sehr ausgezeichneten Geschäftssinn.“

Schon Prinz Eugen schätzte ihn

Am 3. Juli 1676 in Dessau geboren, stieg er im preußischen Heer auf. Er kämpfte unter anderem im Spanischen Erbfolgekrieg. Der Oberkommandierende der antifranzösischen Koalition, Prinz Eugen von Savoyen, hielt große Stücke auf ihn. 1710 erhielt er den Befehl über die preußischen Truppen in den Niederlanden. Die Ernennung zum Feldmarschall erfolgte 1712, unter Übergehung dienstälterer Generäle. Im Großen Nordischen Krieg konnte Leopold, dem bis dahin die entscheidende Spitzenposition versagt gewesen war, seine Qualitäten als Feldherr unter Beweis stellen, als er 1715 Stralsund und Rügen von den Schweden eroberte. Vor allem in den ersten beiden Schlesischen Kriegen, ab 1740, sollte sich dann, in den späten Lebensjahren Leopolds, noch einmal dessen Talent als Heerführer zeigen.

Aus eher missgünstiger Feder heißt es, der Alte Dessauer sei ein wesentlicher „Urahn des preußischen Militärstaates“ gewesen. Tatsächlich ist die Aufbauleistung, die er für die preußische Armee vollbrachte, kaum zu überschätzen. Er führte den Gleichschritt ein, auf Exerzierübungen und Drill wurde nun größter Wert gelegt, unter Einbeziehung der Offiziere. Leopold gelang es auf diese Weise, die Handlungsabläufe während des Gefechts innerhalb der Infanterie-Formationen erheblich zu beschleunigen. Die Feuergeschwindigkeit konnte erhöht werden. Dazu trug auch bei, dass er den hölzernen Ladestock durch den eisernen ersetzen ließ. Der deutsche Historiker und Experimentalarchäologe Marcus Junkelmann würdigt in seinem Beitrag über Leopold I. in der „Neuen Deutschen Biographie“, dass dieser die „Lineartaktik zu höchster Vollendung“ gebracht habe. In seiner Schrift „Ideen von allen Militärchargen“ sprach der Fürst sich dafür aus, Prügel bei der Ausbildung nur im Notfall anzuwenden. Er empfahl Geduld, sonst werde der Rekrut „indesperat“ und „zur Desertion bewogen“.

Friedrich Wilhelm I. förderte ihn

In diesem Punkt unterschied er sich von Friedrich Wilhelm I., dem preußischen „Soldatenkönig“, mit dem er ansonsten viel gemeinsam hatte. Etwa Jovialität und die Verachtung für Bildung, aus der kein unmittelbarer Nutzen resultierte. Im Tabakskollegium saß man zusammen. Friedrich Wilhelm hatte Leopold gefördert und profitierte nicht nur von dessen Wirken im militärischen Bereich, er ließ sich von ihm auch beim Aufbau des Generaldirektoriums unterstützen. Dabei machte der König stets deutlich, dass er das Heft des Handelns in der Hand behielt, zum Missfallen Leopolds, der sich in Preußen gern in einer politisch gestaltenden Position gesehen hätte.

Friedrich dem Großen diente er ebenfalls loyal. Allerdings war das Verhältnis zwischen ihm und dem wesentlich jüngeren König angespannt. Trotz aller Verdienste urteilte Friedrich über den Alten Dessauer, „bei vielen großen Eigenschaften hatte er keine guten“. Friedrich kritisierte wiederholt dessen Vorgehen im Feld. Noch wenige Tage vor der Schlacht bei Kesselsdorf ließ er seinen – schließlich siegreichen – Generalfeldmarschall wissen, er sei „der einzige, der meine deutliche Befehle nicht verstehen kann oder nicht verstehen will“.

Friedrich der Große kritisierte ihn

Die Regentschaft in seinem kleinen, nach großzügigen Schätzungen 30.000 Einwohner zählenden Fürstentum Anhalt-Dessau hatte Leopold bereits 1698 übernommen. Ganz im Zeitgeist des Absolutismus gelang es ihm, durch eine Reihe von politisch-ökonomischen Maßnahmen die Stellung der Dynastie zu festigen und die finanziellen Grundlagen zu sichern. Systematisch kaufte er die Rittergüter seines Herrschaftsbereichs auf. Sein Biograph Karl August Varnhagen von Ense bemerkte, das Land stelle „die in solcher Art einzige Erscheinung dar eines Fürstentums ohne Adel“. Leopold ließ sein Herrschaftsgebiet vermessen, wer seinen Besitz nicht nachweisen konnte, musste ihn neu pachten oder er wurde eingezogen. In der Stadt Dessau wurde ein Binnenzoll eingeführt. Zur besseren Kontrolle dieses Zolls diente die bis 1714 errichte Akzisemauer. In seiner Geburtsstadt ist der ehrgeizige, für weit mehr als kauzige Anekdoten und den heute noch praktizierten Gleichschritt stehende Alte Dessauer am 9. April 1747 gestorben.



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