23.06.2024

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Erhart Kästner

Meister der „Verdrängung“

Vor einem halben Jahrhundert starb der Schriftsteller, Sekretär Gerhart Hauptmanns und Leiter der Herzog-August-Bibliothek

Martin Stolzenau
03.02.2024

Vor zwölf Jahrzehnten, am 13. März 1904, wurde der schriftstellernde Bibliothekar Erhart Kästner im fränkischen Schweinfurt geboren. Sein Vater war Gymnasialprofessor und richtete das Interesse seines Sohnes schon früh auf Literatur und Geschichte. Seine Jugend verbrachte Kästner in Augsburg. Dort besuchte er das Gymnasium St. Anna. Nach dem Schulabschluss machte der Jüngling zunächst eine Buchhändlerlehre, ehe er nacheinander in Freiburg im Breisgau, Kiel und Leipzig studierte. Im Mittelpunkt seiner Studien standen Germanistik, Geschichte und Philosophie. 1927 promovierte Kästner über „Wahn und Wirklichkeit im Drama der Goethezeit“.

Anschließend wurde der junge Dr. phil. von der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden übernommen. Er erlebte dort die „Machtergreifung“ durch die Nationalsozialisten, hatte mit ihnen anfänglich Berührungsprobleme und wechselte 1936 in den Dienst von Gerhart Hauptmann. Kästner arbeitete bei dem Dramatiker in der Nachfolge von Elisabeth Jungmann als Sekretär und griff im zunehmenden Maße selbst zur Feder. Er teilte offenbar längere Zeit Hauptmanns innere Emigration.

Griechenland-Texte für die Truppe
Aus dieser Zurückgezogenheit wurde er nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gerissen. Kästner wurde Soldat, trat nun in die NSDAP ein und erreichte über dieses Zugeständnis eine Freistellung, um Schriften „für die kämpfende Truppe“ zu verfassen. So kam er nach Griechenland und war von der geschichtsträchtigen Landschaft begeistert. Kästner verfasste Reiseberichte und schuf eine „neuhumanistische Bildungsliteratur“, die Krieg und Besatzung weitgehend ausklammerte. Das trug ihm nach dem Zweiten Weltkrieg, den er überlebte, Kritik ein.

Auf Rhodos und in Nordafrika war er in britischer Kriegsgefangenschaft. Im ägyptischen Kriegsgefangenenlager Fayid verarbeitete er die neuen Erfahrungen in einem Roman, der unter dem Titel „Zeltbuch von Tulimad“ 1949 erschien. Das Buch erregte Aufsehen und wurde oft mit Hans Carossas „Rumänischem Tagebuch“ verglichen.

Das war sein Einstieg als freischaffender Schriftsteller. Kästner fühlte sich der bürgerlich-humanistischen Erzähltradition verpflichtet, verstand sich vor allem als „Bewahrer und Mahner“ und praktizierte in der Folge eine ganz spezielle „Zeit- und Geschichtslosigkeit“. Im Schatten von Heinrich Böll, Rolf Hochhuth und Martin Walser setzte er eigene humanistische Akzente.

Ausbau der HAB ab 1950
Der damit verbundene schriftstellerische Lorbeer zu Beginn der Bundesrepublik trug ihm 1950 die Berufung nach Wolfenbüttel ein. Kästner entsprach dem Anforderungsprofil und wurde Chefbibliothekar der dortigen Herzog-August-Bibliothek (HAB). Er baute sie aus zu einer „Bibliotheca illustris“, die den modernen Anforderungen entsprach, und schrieb nebenbei weitere Prosawerke. Seine „stilistisch geschliffenen und kunstvoll komponierten“ Arbeiten entsprachen dem verbreiteten gesellschaftlichen Wunsch nach „Verdrängung“. Kästner war erfolgreich, bekam Literaturpreise und wurde in die Akademie der Künste Berlin wie die Bayerische Akademie der Schönen Künste aufgenommen. Im Jahre 1954 heiratete er die Restauratorin Anita Vogel.

Nach seiner Pensionierung 1968 wechselte der schriftstellernde Bibliothekar nach Staufen im Breisgau. Dort starb er vor einem halben Jahrhundert, am 3. Februar 1974. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem örtlichen Friedhof.

Kästner hinterließ einen umfangreichen Nachlass. Dazu gehörten 17.000 Manuskript-Blätter und 6000 Briefe. Der Nachlass gehört inzwischen zum Bestand seiner ehemaligen Wirkungsstätte, der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel. Seine Briefwechsel mit Martin Heidegger und Gerhart Hauptmann wurden zwischen 1986 und 2004 herausgegeben.


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Kommentare

sitra achra am 07.02.24, 17:03 Uhr

Über meine Frau geriet ich als junger Mann an die griechischen Reiseberichte Kästners und habe sie mit wahrer Andacht gelesen. Bisher gab es für mich keine ergreifendere Darstellung dieser geschichts- und kulturgesättigten Region. Thank for that!

Peter Faethe am 05.02.24, 18:32 Uhr

Bulgarien, Rumänien und Jugoslawien verhandelten nach der „Befreiung“ über einen Balkanbund mit der Aussicht, dass später ein dann kommunistisches Griechenland beitritt. Mit der Eiszeit zwischen Stalin und Tito starb dieser Plan, wie auch der griechische Bürgerkrieg, und die angeblichen Titoisten im Ostblock endeten meist beim Henker.
Der weltberühmte bulgarische Commie-Boss Dimitrow verstarb 1949 bei einem Moskau-Besuch überraschend in einem sowjetischen Sanatorium.
Vor 50 Jahren erzählte man mir in Sofia diese Geschichte:
Dimitrow war bereits zuhaus schwer krank. Als ihn die beiden stämmigen Genossen ins sowjetische Flugzeug führten, war er auffallend blass und hat schrecklich gezittert.

Peter Faethe am 04.02.24, 01:28 Uhr

Die Zurückhaltung bei der Beschreibung des deutschen Griechenland-Feldzuges und der Besatzung entspricht dem uns aufgedrückten Weltbild nach der sog. Befreiung. Die personellen und materiellen Opfer des deutschen Krieges und der Besetzung waren viel geringer als die des 1944 von Kommunisten initiierten Bürgerkrieges bis 1948. Es ist heute zu erwähnen tabuisiert, dass Hitler wegen der historischen und kunstgeschichtlichen Bedeutung Athens der Luftwaffe verboten hatte, auch nur eine einzige Bombe auf Athen abzuwerfen Bombe. Athen wurde erstmals im Dezember 1944 beim Commie-Aufstand bombardiert - durch die Royal Air Force.

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