20.01.2026

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Der aktuelle Mindeststundenlohn seit dem 1. Januar: 13,90 Euro
Bild: imago/FotostandDer aktuelle Mindeststundenlohn seit dem 1. Januar: 13,90 Euro

Sozialpolitik

Mindestlohnerhöhung verpufft wegen Inflation

Die von Bärbel Bas als „Erfolgsgeschichte“ gefeierte sozialpolitische Maßnahme stößt bei Fachleuten auf vielfältige Kritik – Lohn-Preis-Spirale befürchtet

Peter Entinger
20.01.2026

Die jüngste Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns wurde von Politikern und Gewerkschaften als sozialer Fortschritt gefeiert. Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas sprach von einer „Erfolgsgeschichte für Millionen hart arbeitender Menschen“. Wirtschaftsexperten sehen das jedoch skeptisch: Die reale Kaufkraft vieler Niedriglohnempfänger steige kaum. Die Inflationsrate lag im vergangenen Jahr bei gut zwei Prozent, und vor allem Energie- und Mietpreise zogen kräftig an. Zwar rechnet der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) vor, dass Vollzeitbeschäftigte im kommenden Jahr etwa „190 Euro brutto mehr“ erhalten würden – doch davon kommt im Endeffekt nur ein kleiner Teil bei den Menschen an.

Nach Steuern, Abgaben und den gestiegenen Lebenshaltungskosten bleibt netto kaum etwas übrig. Anders formuliert: Verheißene soziale Effekte verpuffen in der harten Realität der Teuerung. Auch wenn der höhere Stundenlohn auf dem Papier deutlich erscheint, betonen Volkswirte, dass jedes zusätzliche Einkommen durch eingepreiste Kostensteigerungen, etwa bei Energielieferungen oder Transport, sofort wieder aufgezehrt wird.

Dennoch spüren vor allem kleine und mittlere Betriebe die Folgen: In Branchen wie Handel, Gastronomie, Pflege, Gebäudereinigung oder Handwerk, in denen viele Minijobber und Helfer arbeiten, steigen die Personalkosten überproportional. Betriebe mit schmalen Gewinnmargen berichten, dass allein höhere Löhne auch Zusatzkosten bei Urlaubsgeld, Zuschlägen und Sozialabgaben auslösen – ohne dass sich die Produktivität merklich verbessert hätte. Die meisten Unternehmen versuchen deshalb, die Mehrkosten über Preiserhöhungen an Kunden weiterzugeben. Das gelingt allerdings nicht überall: In manchen Bereichen können Firmen nur begrenzte Aufschläge durchsetzen.

Belastung für den Mittelstand
Henning Bergmann, Hauptgeschäftsführer des Mittelstandsverbundes, erklärte die Problematik wie folgt: „Der Mindestlohn darf nicht zum Spielball der Politik werden.“ Gemeint ist die Sorge, dass in Wahljahren politische Kräfte den Mindestlohn für Wahlversprechen nutzen und so Tarifverhandlungen unterlaufen. Bergmann mahnt zu mehr Vorsicht: Statt in Eile pauschal neue Lohnuntergrenzen festzulegen, müssten Tarifpartner in Ruhe verhandeln können. Der Verband kritisiert pauschale Eingriffe, die nicht auf spezifische Branchen oder regionale Unterschiede Rücksicht nehmen. Sinnvoll sei vielmehr, die Lohnentwicklung wieder stärker an der Tarifpolitik auszurichten und andere Entlastungsmaßnahmen zu prüfen – statt den Mindestlohn allein immer weiter zu erhöhen.

Auch Industrie- und Handelskammern fordern, künftige Mindestlohnpläne transparent und langfristig zu machen. Nur so können Betriebe langfristig investieren und Arbeitsplätze sichern. In Deutschland zählen die Sozialabgaben zu den höchsten in Europa – eine drastische Einmal-Erhöhung ohne Abbau anderer Kostenfolgen gilt vielen als unklug. Kritiker weisen darauf hin, dass im Zweifel mehr staatliche Sozialhilfe nötig wird, weil der Mindestlohn die Armutsgefährdung nicht wirklich senkt. Das soziale Ziel scheint so nur begrenzt erreicht, während Politiker die Maßnahme feiern.

Unter Mittelständlern macht sich zunehmend Frust breit. Raif Toma von der Mittelstands- und Wirtschaftsunion Hessen bezeichnete die Erhöhung in der aktuellen Lage als „wirtschaftspolitisches Gift“. Er warnte vor einer Lohn-Preis-Spirale: Mehr Lohn treibe die Preise, was neue Lohnforderungen nach sich ziehe.

Gleichzeitig werden Minijobber faktisch bestraft: Da die Verdienstgrenze steigt, dürfen sie oft weniger Stunden arbeiten als zuvor, um unter der maximalen Einkommensgrenze zu bleiben. Zugleich schwindet das Angebot an Ausbildungs- und Praktikumsstellen, weil Unternehmen nun jede Stelle auf Wirtschaftlichkeit prüfen. Erfahrene Personalverantwortliche beobachten, dass freiwillige Praktika oder Ferienjobs mit dem teureren Mindestlohn oft gestrichen werden. In der Summe könnte das Fachkräfteproblem eher verschärft als gelindert werden.

Missbrauch als Wahlkampfgeschenk
Der Deutsche Mittelstands-Bund warnte bereits vor Monaten vor den unkalkulierbaren Folgen: „Der unverhältnismäßige Sprung von derzeit 12,82 Euro auf fast 15 Euro ist ein unnötiger Hemmschuh für den Mittelstand“, der viele Betriebe „an ihre Belastungsgrenze bringt und Arbeitsplätze gefährdet“. Letztlich bekommen Geringverdiener netto nur ein paar Euro mehr im Monat – der einzelne Effekt bleibt überschaubar.

In Zeiten extremer Inflation und wachsender Kosten erweist sich das Projekt als zweischneidiges Schwert. Der politische Applaus verblasst angesichts dessen: Wer jetzt knapp 14 Euro pro Stunde verdient, wird auf absehbare Zeit kaum besser dastehen als vorher. Kritiker fordern deshalb, künftige Mindestlohnhöhen an Lohnentwicklung und wirtschaftliche Belastbarkeit zu koppeln. Ansonsten droht das geplante sozialpolitische Instrument ins Leere zu laufen und den deutschen Firmen dauerhaft zu schaden. Aber als Wahlkampfschlager hat die Gelddruckmaschine schon immer getaugt.


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