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„Reisen für Alle“ – Eine Initiative aus Schleswig-Holstein fördert barrierefreien Tourismus
Barrierefreier Tourismus richtet sich nicht allein an Rollstuhlfahrer. Auch Menschen mit Seh- oder Hörbeeinträchtigungen, mit kognitiven Einschränkungen, ältere Reisende oder Familien mit Kinderwagen profitieren von klaren Informationen, stufenlosen Zugängen und gut geschultem Personal in den Unterkünften. Was für die einen Erleichterung ist, bedeutet für andere überhaupt erst die Möglichkeit zu verreisen.
Genau hier setzt die schleswig-holsteinische Initiative „Reisen für Alle“ an. Sie verspricht keine pauschale Barrierefreiheit, sondern Transparenz. Gäste sollen selbst beurteilen können, ob ein Angebot zu ihren individuellen Bedürfnissen passt, und nicht erst vor Ort feststellen, dass die Tür zu schmal oder der Weg zum Strand zu steil ist.
Das Zertifizierungssystem arbeitet mit klar definierten und bundesweit einheitlichen Kriterien. Geschulte Erheber messen nach, prüfen und dokumentieren – nicht nach Gefühl, sondern in Zentimetern und Dezibel.
Bewertet werden Mobilitätsbehinderungen: stufenlose Zugänge, Türbreiten, Aufzuggrößen, barrierefreie Sanitäranlagen, Parkplatzsituationen; Sehbehinderungen: visuelle Kontraste, taktile Leitsysteme, Beschilderung, Informationen in Brailleschrift oder Großdruck; Höreinschränkungen: Induktionsschleifen, visuelle Alarmsignale, schriftliche Informationen; Kognitive Beeinträchtigungen: einfache Sprache, klare Wegführung, übersichtliche Informationen.
Die Ergebnisse münden in detaillierte Prüfberichte, die online abrufbar sind. Das Zertifikat gilt drei Jahre und wird regelmäßig überprüft. Bundesweit beteiligen sich inzwischen rund 2.900 Betriebe.
Dass ausgerechnet Schleswig-Holstein das Thema stärker vorantreibt, überrascht nicht. Das Land lebt vom Tourismus. An vielen Stränden führen befestigte Wege bis dicht ans Wasser, Strandrollstühle können ausgeliehen werden, Deiche sind oft gut befahrbar.
Beispielhaft ist etwa Büsum, wo barrierefreie Strandzugänge, behindertengerechte Sanitäranlagen und ein gut erschlossenes Ortszentrum zusammenkommen. Auch das Nationalpark-Zentrum Multimar Wattforum in Tönning setzt Maßstäbe mit stufenlosen Ausstellungen, taktilen Elementen und audiovisuellen Angeboten.
Barrierefreiheit endet nicht an der Küste. In Berlin sind zahlreiche Museen zertifiziert, darunter die Museumsinsel mit ihren Aufzügen, Sitzgelegenheiten und klaren Besucherinformationen. Leipzig punktet mit barrierearmen Straßenbahnen, kurzen Wegen in der Innenstadt und kulturellen Angeboten, die zunehmend inklusiv gestaltet werden.
Im Süden zeigt Freiburg, dass ökologisches Denken und Barrierefreiheit zusammengehen können: mit barrierefreien Altstadtwegen, zugänglichen Naturerlebnissen im Schwarzwald und einem öffentlichen Nahverkehr, der mitgedacht ist.
Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen nennt barrierefreies Reisen eine „Chance für einen wirtschaftlichen und nachhaltigen Tourismus“. Das ist nicht bloß eine gut gemeinte Formel. Studien zeigen, dass barrierefreie Angebote nicht nur neue Zielgruppen erschließen, sondern auch die Aufenthaltsdauer verlängern und die Zufriedenheit steigern. Wer sich willkommen fühlt, kommt wieder. Im Zertifizierungsprozess erfassen Fachleute alle notwendigen Informationen und bewerten sie nach Qualitätskriterien. Anschließend werden ein Prüfbericht erstellt und die Ergebnisse veröffentlicht.
Gleichzeitig bleibt Barrierefreiheit eine gesellschaftliche Verpflichtung. Reisen bedeutet Teilhabe – am öffentlichen Raum, an Kultur, an Erholung. Initiativen wie „Reisen für Alle“ machen diese Teilhabe messbar und sichtbar. Sie ersetzen keine politische Verantwortung, aber sie schaffen Orientierung in einem Markt, der allzu oft mit schönen Bildern wirbt und dabei die Zugänglichkeit vergisst.
Der Kieler Beschluss ist daher mehr als eine Verwaltungsnotiz. Er ist ein Signal: Urlaub soll kein Privileg sein, sondern eine Selbstverständlichkeit für alle, die ihre Koffer packen wollen.