19.06.2024

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Barmherzigkeit in Ostpreussen

Mit übermenschlichen Kräften und dienender Liebe

Im Jahr 1850 wurde in Königsberg das evangelische Diakonissen-Mutterhaus eröffnet – Freundeskreis pflegt das Erbe

Jörn Pekrul
11.12.2023

Königsberg hat eine Stadtgeschichte, deren mannigfaltige Verästelungen kaum anderswo zu finden sind. Eine Metapher aus dem lokalen Alltag, genauer gesagt vom Oberteich, führt hin zu einer Saga von übermenschlichen Kräften und dienender Liebe zugleich. Ausgangspunkt ist der Dohnaturm.

Dieser Artikel will die Aufmerksamkeit lenken auf die Gräfinnen Clara (1818–1862) und Magda (1817–1894)
zu Dohna-Schlobitten. Die jungen Frauen, Töchter des seinerzeitigen Generals von Königsberg, Friedrich zu Dohna-Schlobitten (1784–1859), machten im Vormärz Bekanntschaft mit dem evangelischen Pfarrer Theodor Fliedner (1800–1864). Es war die Zeit eines gesellschaftlichen Umbruchs. Die Frühindustrialisierung führte zu Krisen im Handwerk und in der Landwirtschaft. Breite Massen verarmten und trugen zu einem gesellschaftlichen Wandel bei, der auch alte Autoritäten von Thron und Kirche infrage stellte. In der Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgte eine Rückbesinnung. Gemeinnützige Ideen entwickelten sich aus den Kirchengemeinden, und oft traten pietistisch geprägte Erweckungsbewegungen hinzu.

Pfarrer Theodor Fliedner sah die Lösung der sozialen Frage nicht in politischen Umbrüchen, sondern im christlichen Sittengesetz der „dienenden Liebe“. Angesichts der katastrophalen Verhältnisse in den damaligen Krankenhäusern gründete er am 13. Oktober 1836 in Düsseldorf-Kaiserswerth eine „Bildungsanstalt für evangelische Pflegerinnen“. Nicht Wärter, sondern geschultes Personal sollte künftig für die Patienten sorgen. Die Bildungsanstalt wurde ein „Mutterhaus“ zur Ausbildung kompetenter Pflegerinnen. Dem Gesellschaftsbild der damaligen Zeit entsprechend, waren die Strukturen patriarchalisch, konservativ und auch autoritär. Seinerzeit versah es die nach außen auftretenden Schwestern mit Legitimation und Respekt, und viele junge Frauen wurden durch diesen Berufsweg vor sozialem Abstieg oder familiärem Notstand bewahrt. Die Ausbildung, materiell abgesichert, war anders als die industrielle Lohnarbeit und zudem in einem familienähnlichen Rahmen.

Pfarrer Fliedner überzeugte die Schwestern zu Dohna-Schlobitten
Diese Ausgangslage überzeugte auch die Schwestern zu Dohna-Schlobitten. Sie entwickelten einen Plan für ein eigenes Mutterhaus in Königsberg. Die preußische Obrigkeit war offen dafür, und auch der damalige Generalsuperintendent und ein stetig wachsender Freundeskreis führten am 18. Mai 1850 zum Ziel: Am Hinterroßgarten wurde ein Mutterhaus der evangelischen Diakonie eröffnet. Theodor Fliedner entsandte aus Kaiserswerth die ersten drei Diakonissen, die sich umgehend ans Werk machten: Sr. Wilhelmine Knocke, aus Hannover gebürtig und vorher im Krankenhaus Kreuznach tätig gewesen, wurde auch die erste Oberin (1850–1869), die den Schwestern vorstand. Alsdann Sr. Emilie Hülsberg aus Westfalen, bisher an der Charité tätig, und Sr. Julie Tiche aus Kaiserswerth, eine gebürtige Schweizerin. Von Anfang an erfuhr das Mutterhaus in Königsberg die volle Unterstützung des Herrscherhauses der Hohenzollern, das sich sehr für die öffentliche Wohlfahrt und Pflege versehrter Menschen interessierte. Die preußische Königin, später die Kaiserin, war Schirmherrin der Anstalt.

Bereits 1856 waren 13 Schwestern und Probepflegerinnen in einem Krankenhaus mit 80 Betten tätig und versorgten etwa 1000 Patienten pro Jahr. Als Ärzte fungierten Regimentsärzte und Sanitätsoffiziere. Die Geschäftsführung wurde von einem Geistlichen absolviert, der gleichzeitig als Prediger und Seelsorger für Schwestern und Kranke wirkte und den jungen Diakonissen auch Lehrer und Erzieher war.

Zu den auswärtig wirkenden Schwestern, die in den ostpreußischen Ortschaften als „Gemeindeschwester für alles“ wirkten, hielt Fliedner durch Rundbriefe Kontakt. Auf die Ausbildung der Diakonissen wurde von Beginn an größten Wert gelegt. Beginnend mit dem Krankenpflege-Handbuch von 1832 des Königsberger Chirurgen und Hochschullehrers Johann Friedrich Dieffenbach (1792–1847) wurden stetig alle Neuerungen unterrichtet. Hinzu kamen Glaubens- und Sittenlehre, Elementarfächer, Bürgerkunde, Kirchengeschichte, Gesang und Musik, Haushaltung und eine Einführung in die Gemeindepflege. Die Schwestern lernten neben der Krankenpflege auch Hauswirtschaft und die Unterhaltung des Mutterhauses mit dem benachbarten „Krankenhaus der Barmherzigkeit“.

Erfolg im Kampf gegen die Cholera-Epidemie
Es muss eine sehr gute Versorgung gewesen sein, denn die Chroniken berichten von einem außergewöhnlichen Lob aus sicherlich berufenem Munde: 1857 wurde Königsberg von einer Cholera-Epidemie heimgesucht. Zahlreiche Bauarbeiter kamen in das Krankenhaus. Ihnen wurden für die Dauer des Aufenthaltes der Branntwein, das Rauchen und das Kartenspiel strengstens verboten. Die befürchteten Beschwerden blieben aus: Die Männer gesundeten rasch, und zum Erstaunen der Schwestern fühlten sich alle sehr wohl, als sie bei der Entlassung wieder zu ihren Familien gingen.

1861 wurde der Bau erweitert. 1873 wurden Mutterhaus und Krankenhaus räumlich getrennt und Freiflächen besser ausgenutzt, 1879 wurde eine Poliklinik eingerichtet und in der Folge das Krankenhaus grundlegend mit Spezialabteilungen für Inneres, Chirurgie, Augen, HNO und später auch einer eigenen Frauen- und Kinderabteilung ausgestattet. 1893 wird die erste Königsbergerin als Oberin eingeführt. Sr. Rosa Bronsart von Schellendorf führt das Haus bis 1927; ihr folgt die segensreiche Sr. Renata zu Stolberg-Werningerode. 1930 wurde der Krankenhausteil durch einen Neubau im Stil des damaligen Bauhauses ersetzt. Inzwischen gab es 574 Betten. Im Außeneinsatz betreuten 195 Gemeindeschwestern 172 Gemeinden in Ostpreußen. Damit war die Provinz nahezu flächendeckend versorgt.

Dienst als Glaubens- und Lebensgemeinschaft
Die Diakonissen verstanden ihren Dienst als Glaubens- und Lebensgemeinschaft. Dem christlichen Vorbild folgend, war „dienen“ am kranken und leidenden Mitmenschen Sinn und Auftrag. Eine fünfjährige Probezeit war auch eine Zeit der Selbstprüfung, ob man dieser Selbstaufgabe gewachsen war und ob es das eigene Sein erfüllte. Es vermittelte einen Lebenssinn, den der moderne Mensch vermutlich nicht mehr nachvollziehen kann.

Eine Berufsordnung regelte Fragen des Alltags. Urlaube und Erholung waren ebenso enthalten, wurden aber nach Anordnung des Mutterhauses (sprich: der Oberin) gestaltet. Die Ausrichtung blieb konservativ und im Gehorsam, was den verantwortungsvollen Dienst am kranken Menschen am besten ausführen ließ. Durch die Protektion der Hohenzollern waren die protestantischen Mutterhäuser staatsnah, verstanden sich aber als unpolitisch. Ihre überragenden Leistungen der Pflege sollten sich jedoch im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 und im Ersten Weltkrieg bewähren. Der Umsturz aller Lebensgewohnheiten ließ zwar nicht nur den Vorstand des Mutterhauses die Weimarer Republik mit einer gewissen Skepsis betrachten, doch es war erst nach 1933, als sich die Beziehungen zu den staatlichen Stellen drastisch verschlechterten. Viele Diakonissen wurden abgeworben, und die staatliche Schwesternschaft übernahm nun viele der Aufgaben im Außenbereich.

Das Ende von Königsberg teilten die Diakonissen mit der übrigen Bevölkerung: Tod, Verschleppung, Gewalt – als das relativ unzerstörte Krankenhaus der Barmherzigkeit von den Eroberern mutwillig in Brand gesetzt wurde, trug die damalige Oberin Renata Gräfin zu Stolberg-Wernigerode (1886–1946) selber auf ihrem schwachen Rücken polnische Typhuskranke aus dem brennenden Haus ins Freie, wie sich der große Hugo Linck in einem Bericht im Ostpreußenblatt vom 5. Juni 1950 erinnerte. Das „Ostpreußische Tagebuch“ von Hans Graf von Lehndorff beschreibt diese Schreckenszeit sehr anschaulich.

Sr. Renata starb noch in Königsberg nach monatelangem Siechtum am 2. Februar 1946 in einem Kellerraum der Barmherzigkeit. Das Mutterhaus musste nach dem Krieg neu aufgebaut werden, zuerst in Berlin-Zehlendorf, dann in Nikolassee. Ende 1949 waren 636 überlebende Schwestern aus Ostpreußen verzeichnet, darunter 100 Pensionärinnen („im Feierabend“) und 19 Probeschwestern. 321 wirkten in der Westzone, die übrigen in der Ostzone. Der Wiederaufbau der Königsberger Diakonie gelang mit den Synodalverbänden der Rheinischen Kirche. Eine Ruine in Solms-Oberbiel geriet ins Blickfeld.

Diakonissen erlebten Tod, Verschleppung und Gewalt
Das dortige ehemalige Kloster Altenberg, das 1952 abgebrannt war, wurde mit Hilfe des Eigentümers Fürst von Solms-Braunfels und den Synoden von Wetzlar und Braunfels erworben und wieder aufgebaut. 1954 wurde der erste Lehrbetrieb für Haushaltsschülerinnen eingerichtet. Danach zogen die ersten „Feierabendschwestern“ ein. Der Umzug des Mutterhauses aus Berlin erfolgte Anfang 1955. Es entwickelte sich ein neues Leben, das ein Teil des nahen Wetzlars wurde.

Erst 2009, als eine schwere wirtschaftliche Krise den „Altenberg“ traf (in dem inzwischen auch viele „zivile“ Bewohner betreut wurden), musste der Betrieb aufgelöst werden. Die Insassen wurden in andere Heime der Diakonie verlegt. 2010 wurde das Mutterhaus aufgelöst, und die letzte Oberin, Sr. Hannelore Skorzinski, zog nach Wetzlar. Sie ist die neunte Oberin und wird von allen, die sie kennen, für ihren verlässlichen Führungsstil und für ihren warmherzigen und offenen Umgang zu Recht geliebt und geachtet. Sr. Hannelore steht in ehrenvoller Tradition der großen Sr. Renata Gräfin zu Stolberg-Wernigerode oder Sr. Charlotte Bamberg aus Danzig (1903–1985), die das Haus von 1952 bis 1976 vortrefflich führte. Es sei auch Sr. Elfriede Beutler gewürdigt. Sie hatte die Schrecken von Königsberg erlebt und überlebt und war 1949 als Oberin vorgesehen, zumal sie eine Nachfolgebestimmung der von allen verehrten Sr. Renata hatte. Doch Sr. Elfriede erkannte nach einem langen inneren Ringen, dass ihre Kräfte für das Amt nicht ausreichten. Mit der Herkuleskraft der Demut und der ehrlichen Selbsterkenntnis trat sie zurück. Als Interimsoberin leuchtet auch ihr Beispiel in der Geschichte der Königsberger Diakonie.

Das Erbe wird gepflegt durch den Freundeskreis der Königsberger Diakonie, in dem unter anderem der geborene Königsberger Christean Wagner und viele andere Persönlichkeiten mit großem Engagement und Herzensverbundenheit „dienen“; im besten Sinne des Auftrags der Diakonissen. Der Dienst schloss nach der Grenzöffnung 1991 auch Kontakte der Freundschaft und Hilfsbereitschaft in das heutige Gebietskrankenhaus Nr. 1 in der Kaliningrader Oblast ein. Und das sei als Bestätigung gewertet.

Die Liebe über Gräber hinweg – sie konnte nur möglich werden durch das, was auch die Diakonissen gelebt haben. Sicherlich gelebt unter manchen inneren Konflikten zwischen der Unbarmherzigkeit der Pflicht und dem Wunsch nach Autonomie und die Bewusstmachung aller inneren Einflüsse und der Balance der Gewichte. Die Frauen entschieden sich für die Liebe, bis zum Äußersten. Dies zu können, gibt das zeitlose Beispiel: Egoismen bändigen, Ängste beherrschen, zur Ruhe finden, um sich dem Mitmenschen öffnen zu können. Zum Dienst aneinander. Eine Kraft göttlichen Ursprungs, die das Leben auf Erden vor dem Verlust der Humanität bewahrt.


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