14.04.2024

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden

Archäologie

Mit Wort und Kamm gegen Läuse

Ein Accessoire aus Elfenbein begeistert die Archäologen – auch wegen des eingravierten Spruchs

Dagmar Jestrzemski
16.10.2023

Am Tell Lachisch, 44 Kilometer südwestlich von Jerusalem, finden seit einigen Jahren wieder Ausgrabungen statt. Lachisch war in der Bronzezeit eine bedeutende Stadt und wichtige Festung, die im biblischen Buch Josua und in altägyptischen Dokumenten aus dieser Zeit erwähnt wird. Die vor Ort tätigen Mitarbeiter des Grabungsteams von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Hebräischen Universität möchten mehr über die Umbruchsperiode um die Mitte des zweiten Jahrtausends v. Chr. in der Levante herausfinden. Für Schlagzeilen in der internationalen Presse sorgte unlängst ein Läusekamm aus Elfenbein aus Tell Lachisch.

Bei einer genaueren Untersuchung des Utensils aus der Zeit um 1700 v. Chr. wurden außer winzigen Überresten von Läusen 17 eingravierte Buchstaben einer frühen Alphabetschrift entdeckt. Eingeritzt wurde seinerzeit in den Kamm ein Bannspruch gegen die lästigen Parasiten: „Möge dieser Stoßzahn die Läuse in Haar und Bart ausrotten.“

Vermutlich gehörte der Elfenbeinkamm einem eher wohlhabenden Besitzer, was einen Hinweis darauf darstellt, dass auch diese Bevölkerungsschicht nicht von der Läuseplage verschont blieb. Die Inschrift ist nach Angabe der Forscher ein Beleg aus der frühesten Phase der Alphabetschrift und der erste vollständige Satz in kanaanitischer Sprache, der bisher in Israel entdeckt wurde.

Die Alphabetschrift wurde von den Kanaanitern um 1800 v. Chr. unter ägyptischem Einfluss entwickelt. In einer weiteren Entwicklungsphase entstand daraus in der Levante die phönizische Konsonantenschrift. Bislang galt eine um 1450 v. Chr. datierte Keramikscherbe mit alphabetischen Buchstaben aus dem Tell Lachisch als eines der frühesten Beispiele aus Israel für die Verwendung der Alphabetschrift.

Aus derselben Epoche liegen von dem Fundort außerdem Belege für die hieratische, kursiv geschriebene ägyptische Hieroglyphenschrift vor. Die Verwendung verschiedener Schriften unterstreicht die Bedeutung der kanaanitischen Stadt Lachisch in der Bronzezeit.

Der Tell ist eine fast rechteckige Erhebung in der Landschaft, die durch wiederholte Besiedlung entstand. Er war bis zu 40 Meter hoch und umfasste eine Fläche von rund 7,3 Hektar. Lachisch wurde mehrfach zerstört und wiederaufgebaut, bevor die Festung um 1130 v. Chr. niedergebrannt und vorübergehend aufgegeben wurde. Nach dem Wiederaufbau entwickelte sich Lachisch zur größten und bedeutendsten Garnison- und Residenzstadt nach Jerusalem im judaischen Gebiet mit einem massiven Befestigungssystem und einem großen Palast.

Der Prophet Jeremia erwähnt Lachisch als eine der letzten Städte, die vor Jerusalem im Jahr 701 durch den assyrischen König Sanherib zerstört wurde. Archäologen aus den USA und Israel gelang es, die Belagerungsrampe der Assyrer zu rekonstruieren, mit deren Hilfe sie die Festung stürmten. Unter den Ausgrabungsfunden sind besonders die zahlreichen Schriftdenkmäler aus verschiedenen Epochen hervorzuheben. Der Tell Lachisch dürfte für die Nachwelt also noch viele interessante Entdeckungen bereithalten.


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ gern mit einer

Anerkennungszahlung


Kommentar hinzufügen

Captcha Image

*Pflichtfelder

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag. Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

powered by webEdition CMS