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Literatur

Monumentale Erinnerungsarbeit

Nach seinem Erfolg mit „Der Turm“ legt Uwe Tellkamp einen neuen Roman vor: „Der Schlaf in den Uhren“

Susanne Dagen
18.06.2022

Das in Uwe Tellkamps neuem Roman „Der Schlaf in den Uhren“ beschriebene Inselreich Treva, durchflossen von Elbe, Rhein und Stynon, ist ein phantastisch-mystisches Sinnbild, das auf mehreren Ebenen die alte Bundesrepublik, das wiedervereinigte Deutschland nach 1989 und ein neues Deutschland 2015 zeigt. Nicht von ungefähr bedient sich der Autor hier mindestens zweier historischer Zäsuren, die als Epochenwende einer gemeinsamen deutschen Geschichte dienen; verschiedener Zeitebenen, die an das solidarische Gefühl von Sieg und Ohnmacht, das Erleben biographischer Brüche und gesellschaftlicher Veränderung erinnern.

Im Vergleich allerdings ist hierbei nicht die Gleichsetzung, eher das tiefe Gefühl willkürlicher Demütigung zu lesen. Zeiten, in denen die Uhren angehalten scheinen, in denen ein tiefer Schlaf über den Beteiligten am Vorabend von sich ändernder Weltgeschichte liegt. Dem Vorwort gleich beginnt Tellkamp hier mit einer mahnenden Vigilie, einer Nachtwache zu erzwungener Schlaflosigkeit, die als Ziel das Erwachen und Erkennen in sich trägt.

„Der Schlaf in den Uhren“ sei ihm als Titel deshalb wichtig, weil es ein doppelt oder mehrfach sinniges Bild sei, erläuterte der Autor kürzlich in einem MDR-Interview: „Es gibt den Schlaf in den Uhren von dem, was immer währt, was in den Uhren schläft und erwachen kann. Und es gibt den Schlaf, der nicht kommt. Ich merke in unserer Situation in der Gesellschaft, dass es Themen gibt, die im medialen Fokus oder der medialen Aufmerksamkeit, was Wirklichkeitsherstellung ist, verdrängt oder ,durch' sind, wie es so schön heißt – aber sie sind es nicht wirklich für den Einzelnen, da spielen sie eine andere Rolle. Es gibt dann kleine Momente, in denen sie wiederkommen und plötzlich, als wäre keine Zeit vergangen, sind sie wieder da. Die Zeit ist natürlich trotzdem vergangen.“

Ein zweiter Archipelagus

Fabian, der uns als Chronist und Beobachter vorgestellt wird, arbeitet im Jahr 2015 in der „Tausendundeinenachtabteilung“ des Staats Treva. Beauftragt ist er mit der Erstellung einer Chronik anlässlich des 25. Jahrestags der deutschen Wiedervereinigung. Als ehemaliger Dissident ist er in den Staatsdienst eingetreten, um die Macht von innen her zu erforschen und zu verstehen.

Neben seinem Erkenntnishunger zur Funktion eines Machtapparats treibt ihn aber vor allem ein eigenes Thema an, nämlich den Verrat an seinen Eltern aufzuklären, der diese in der untergegangenen DDR in die Fänge der Staatssicherheit getrieben hat. Das ist der eigentliche Glutkern seines Handelns; nur dafür begibt er sich in die Tiefe der Vergangenheit, durch labyrinthische Gänge des unterirdischen Reichs, der „Sicherheit“, die alle Vorgänge der Vergangenheit und Gegenwart archiviert, kontrolliert und in den eigenen Medien nacherzählen lässt.

Die Zitierlust und über Jahre hinweg erfolgte Recherchearbeit Tellkamps sorgt hier im Sinne einer sich endlos schlängelnden Tausendundeinenacht-Geschichtserzählung für manch vergnügliche Dechiffrierung von Persönlichkeiten der bundesrepublikanischen und gesamtdeutschen Geisteswelt. Und so ist dieser Roman vor allem ein Geschichtsbuch, das wir an beliebiger Stelle aufschlagen; dies ähnlich dem neugierigen König, der sich Nacht für Nacht die Geschichte ohne Ende von Scheherazade weitererzählen lässt, die sich so ihr Leben sichert. Denn Erinnern bedeutet nichts anderes, als das eigene Leben zu sichern, indem man Anker wirft an dem Ort, wo man hingehört. Als Heimat, wo man, laut Tellkamp, sein kann ohne Fesseln und ohne auferlegte Disziplin.

Der Chronist Fabian ist also ein Geschichtenerzähler, der sich erinnert und dafür nicht nur in die Archive, sondern auch in seine eigenen Tiefen hinabsteigt. Als einer, der von Kind auf stottert, ist er noch mehr ein Beobachter als aktiver Protagonist, bewundert er den Weltenlauf, das fortwährende Verändern, das folgerichtige Entwickeln, erkennt damit eine höhere Macht an, die treibt und trägt.

Wenn Hölderlin also in seinem Langgedicht „Archipelagus“ von eben jenem Entzücken über die Natur, Schönheit und Werden spricht, dann aber Zerstörung beklagt, weil dem Menschen die Demut fehlt, ist es auch Fabian, der im Rückblick vor allem Trauer über Unwiederbringliches verspürt. Dies nicht nur in der Unwiederbringlichkeit des eigenen Lebens, vielmehr stellvertretend für das Auslöschen und Aberkennen von Biografien jener, die aus dem untergegangenen Staat DDR kommen.

Die dritte Zeitebene, wahrscheinlich hinblickend auf den folgenden Teil, ist das Jahr 2021, dem „Jahr Zwei in Corona“, in dem der Leser erkennt, dass sich bei Fabian tiefgreifende Lebensveränderungen ereignet haben müssen. Eine geschickt begonnene Zwillingserzählung, so ist zu vermuten, in der Fabian, nun nicht mehr bei der „Sicherheit“ angestellt, wohl in der „Freiheit“ angekommen ist.

Wer sich an die Familienverhältnisse aus Tellkamps Vorgängerroman „Der Turm“ noch erinnert, wird in dieser Fortschreibung nun belohnt mit Vor- und Nachgeschichten der Familie Rohde und Hoffmann, die nicht alle in die DDR hineingeboren sind. Da erfreut die Aussicht auf „Archipelagus 2“, in dem sicher die Herkunftsgeschichten noch eine größere Rolle spielen werden. Der Onkel Meno zum Beispiel, Lektor beim Hermes Verlag, taucht auch beim „Schlaf in den Uhren“ wieder prominent auf und darf mit der ambivalenten Figurenführung des Autors durchaus als die eigentliche Hauptperson des Epos gesehen werden. Auch Anne, nun Kanzlerin in Treva, wird in Andeutungen schon jetzt für den nächsten Teil noch eine weitere Rolle zugeschrieben.

Einhellige Ablehnung

Tellkamp nutzt in seinem Roman die großen literarischen Motive und geht dabei traditionelle Wege der biografischen Erzählung. Schon bei Dante Alighieris Hauptwerk „Göttliche Komödie“ sind es die drei Reiche der jenseitigen Welt, die mit dem eigenen Gang durch Hölle, Fegefeuer und Paradies dem Geretteten ewige Seligkeit versprichen und den durchlebten Erkenntnis-Schmerz im Nachhinein vergolden.

Auch Uwe Johnson, der in seinem vierbändigen Hauptwerk „Jahrestage“ einen Zeitraum von ungefähr 60 Jahren in zwei Generationen beschreitet und damit Alltagserzählung als modellhaftes Erfahren eigener Entscheidungen und deren Konsequenzen beschreibt, gilt neben dem Ungarn Péter Nádas als weiterer literarischer Ahne Tellkamps.

Denn auch Fabian wird sich dem eigenen Spiegel stellen müssen, um Wissen in einer Gegenwart zu erlangen, die auf verdrängt Erlebtem fußt. Für ein 900-seitiges Buch, das Mitte Mai erschienen ist, ist die Rezeptionsgeschichte schon jetzt außergewöhnlich umfangreich und in ihrem fast einhellig ablehnenden Gestus zumindest bemerkenswert. Tellkamp selbst nämlich spricht davon, nichts damit „zu wollen“, lediglich Erinnerungsarbeit zu leisten, die notwendig sei und einer künstlerischen Adaptierung bedürfe.

Eine Spitze gegen die Medien

Auf einer Veranstaltung im Stadtmuseum Dresden am 25. Mai verdeutlichte der Autor: „Wenn Sie sie sich dafür interessieren, wie Gesellschaft funktionieren mag, was gewisse Spieler in dieser Gesellschaft können oder wollen, wie Politik arbeitet in ihren verschiedenen Ausprägungen, wie Alltag in einer europäisch bundesdeutsch modern gestalteten Großstadt aussieht, (...) wie Journalismus hier und dort arbeitet (...) dann ist der Roman für Sie richtig.“

Verstehen wir das Buch also als lustvolles Angebot, die ausgebreiteten Mo­saiksteine zu sortieren und sich vom derzeit wichtigsten und sprachmächtigsten deutschen Schriftsteller Geschichte in Geschichten erzählen zu lassen – von Uwe Tellkamp.

In dem Filmporträt „Der Fall Tellkamp, Streit um die Meinungsfreiheit“, das 3Sat kürzlich zum Erscheinen seines neuen Romans ausgestrahlt hat, äußerte sich Tellkamp wie folgt: „Für mich ist der eigentliche Gewinn, diesen Stoff bewältigt zu haben – in einer Form, dass er zwischen zwei Buchdeckel passt. Es gibt wieder ein Buch. Der Autor existiert noch. Fast hätte ich nicht mehr daran geglaubt. Niemals aufgeben. Das ist es. Aufgeben gibt es nicht.“

• Susanne Dagen leitet in Dresden das BuchHaus Loschwitz und gibt die edition buchhaus loschwitz heraus, in der auch eine Erzählung von Uwe Tellkamp erschienen ist. Der Autor wird am 17. Juni sowie am 4. und 11. Juli im BuchHaus aus seinem neuen Roman lesen. Die Veranstaltungen sind bereits ausverkauft. Internet: www.kulturhaus-loschwitz.de


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