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Blickte auf ein Leben in bewegter Zeit zurück: Ruth Geede an ihrem 100. Geburtstag
Foto: mrkBlickte auf ein Leben in bewegter Zeit zurück: Ruth Geede an ihrem 100. Geburtstag

Zum Gedächtnis

„Mutter der ostpreußischen Familie“

Vor fünf Jahren verstarb die beliebte Königsberger Autorin Ruth Geede im Alter von 102 Jahren in Hamburg

Jörn Pekrul
17.04.2023

Vor fünf Jahren, am 17. April 2018, verstarb die Königsberger Schriftstellerin und Journalistin Ruth Geede im Alter von 102 Jahren. Vielen Ostpreußen wurde sie mit ihren plattdeutschen Erzählungen, Büchern und ihrer wöchentlichen Kolumne im Ostpreußenblatt bekannt.

Ruth Geede wurde am 13. Februar 1916 in Königsberg/ Pr. geboren. Aufgewachsen in einem liebevollen Elternhaus in der Nähe des Königstores, nahm sie mit Büchern und den ersten Schallplatten schon früh erste kulturelle Einflüsse auf. Ihre Erzählung der „Veilchen vom Litauer Wall“ gibt diese Kindheitsjahre in einer heiter-berührenden Stimmung wieder.

Doch auch die Stürme am Ende des Ersten Weltkriegs wurden prägend. Noch fast 100 Jahre später erinnerte sich Ruth Geede an öffentliche Tumulte vor dem Fenster ihres Kinderzimmers, die als Matrosenunruhen des Jahres 1918 in die Geschichten eingingen. Das Kind am oberen Fenster traf unvermittelt den Blick einer jungen Frau auf der Straße. Sie trug ein rotes Tuch um den Hals und schaute zu ihm hinauf. Die Hand war zur Faust geballt und das Gesicht mit großen, hellen Augen durch den Hass zur Fratze entstellt: Wahrscheinlich war es dieser Kontrast, der ein Leben lang haften blieb. Was das Kind nicht wissen konnte, war, dass auf dem Dach des Mietshauses ein Maschinengewehr postiert war. Die Mutter stürmte herein und zog das Kind vom Fenster weg. Auf allen Seiten eine Begebenheit von machtlosen Menschen unter Druck; ein Augenblick, der die Tragödie einer ganzen Epoche beschreibt.

Pflege der ostpreußischen Mundart

Nach einer Schulausbildung auf dem Bismarck-Lyzeum im Tragheim arbeitete Ruth Geede beim Reichssender Königsberg. Ihre Sendung „Kunterbunte Kinderstunde“ erreichte die Hörer in Stadt und Land. Sie schrieb eigene Beiträge und wuchs in die literarische Welt von Königsberg hinein. Eines ihrer Hauptanliegen war die Pflege der ostpreußischen Mundart, was ihr die Stadt Königsberg mit einer öffentlichen Auszeichnung dankte. Eine Begegnung mit Agnes Miegel ermunterte sie zur Autorinnenschaft. Heute zeigt ein Rückblick, dass sich in den literarischen Werken beider Frauen, so unterschiedlich sie in Stil und Sujet sind, der jeweils wissende, unsentimentale und dennoch einfühlsame Blick auf die Seelenlandschaft des ostpreußischen Menschen widerspiegelt. Eine Kultur, unvergänglich erhalten wie in einer Bernsteininkluse.

Kinderbuchreihe „Das Karussell“

Nach dem Krieg baute Ruth Geede in der Lüneburger Heide ihre Existenz aus eigener Kraft wieder auf. Sie begann ein Volontariat bei einer lokalen Zeitung und eröffnete eine Kinderbuchreihe mit dem Titel „Das Karussell“. 1955 heiratete sie den Reise- und Wirtschaftsjournalisten Günter Vollmer-Rupprecht. 1979, im Alter von 63 Jahren, entwickelte sie die Kolumne „Die ostpreußische Familie“ im Ostpreußenblatt. Auslöser war die bittere Erkenntnis, dass viele Heimatvertriebene ihre Angehörigen inzwischen verloren hatten oder einsamer wurden. „Du sollst nicht mehr allein sein“ war das Motto, das in der Fremde eine Heimat schuf. Neben Suchwünschen wurden heimatliche Themen behandelt, die in unaufgeregter Sprache eine Verbindung von Mensch zu Mensch herstellten: souverän, heimatverbunden, und dennoch modern und vorwärtsblickend. Und immer mit der inneren Stärke der ostpreußischen Identität. Sie schrieb über diese Zeit:

„Wir haben im Fluchtgepäck etwas mitgenommen, das uns niemand nehmen konnte, eine Art eingebautes Sicherheitsnetz, mit dem man aufzufangen versucht, was unvermeidlich erscheint. Der Ostpreuße steht mit beiden Beinen auf der Erde, und er passt auf, dass er fest steht. Unser großer Lehrmeister ist die Natur, die in unserer Heimat die Dominante bildet und der wir uns fügen mussten. Wir haben es unbewusst noch im Gespür, eine Sicherung nach allen Seiten wie das Wild in den Wäldern daheim, wenn es abends aus der Deckung tritt. Wohl ein Erbe derjenigen, die vor uns waren, die das Moor ausschneckten und die Wälder rodeten, die säten und ernteten und der Not der bösen Jahre trotzten. Die große Wildnis einer gar nicht so fernen Zeit war voller Gefahren und voller Wunder. Beide zu erkennen – das ist vielleicht das Geheimnis, das uns half, vieles zu überwinden, zu bestehen, zu verkraften.“

Ruth Geede wurde 1985 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande und 2000 mit dem Preußenschild geehrt. Doch die höchste Zuneigung erfuhr sie von der Leserschaft selbst: als „Mutter der ostpreußischen Familie“ gab und erhielt sie Wertschätzung, Anteilnahme und neue Kraft. Ein beiderseitiges Geben und Nehmen, das uns an das Wesen des ostpreußischen Menschen erinnert: ein In-sich-ruhen mit einem Wissen um die wahre Rangordnung der Werte, Hilfsbereitschaft, Gastfreundschaft und Genügsamkeit.

„Ostpreußische Familie“

Es waren die ostdeutschen Kulturschaffenden von Kopernikus bis Kant, die irdische Autoritäten einer strengen Prüfung am Maßstab der Wahrheit unterzogen und dabei den Menschen den Mut beibrachten, sich ihres eigenen Verstandes, aber auch ihrer eigenen Verantwortung zu bedienen. In dieser geistigen Freiheit ging nie die Demut vor dem allgegenwärtigen Schöpfer verloren.

Ruth Geede bewies, dass der Mensch in seiner Art und in seinem Wert gleich behandelt werden kann, ohne ihm seine Vielfalt, seine Besonderheiten und seine Würde zu nehmen. Ein unverkennbar ostpreußischer Ansatz, der im Grunde auch als Richtschnur für die globalisierte Moderne tauglich ist. 2015 erhielt sie die Königsberger Bürgermedaille. Das Motto dieser Auszeichnung, ein Wort von Kant, traf uneingeschränkt auf sie zu: „Pflicht erhabener Name der uns Gesetz wurde vor dem wir uns neigen und dem wir dienen“.

Ruth Geede lebte diesen Imperativ, und sogar noch mehr durch die Fähigkeit der Erlebnisgeneration, die von persönlicher Schuld oder Unschuld unabhängig erlittenen Traumata der Vertreibung und des totalen Verlustes nur im Stillen zu verarbeiten. Darüber hinaus haben sie unmittelbar danach am Wiederaufbau ihnen fremder Teile unseres Landes mitgewirkt, oft auch in offener Ablehnung. Eine Willkommenskultur gab es damals nicht, und jeder war mit seinen eigenen Sorgen beschäftigt. Doch es gab vielfach auch echte Hilfsbereitschaft, und Menschen fanden zueinander. In bitterster Armut zwar, aber trotzdem konstruktiv, friedlich, und empathiefähig.

Die Deutschen waren verbunden durch den Willen, das gemeinsame Land nach der Katastrophe wieder aufzurichten und ihren Kindern ein besseres, ein friedlicheres Leben zu ermöglichen. Die Heimatvertriebenen haben vielleicht, nebst den Gewaltopfern der nationalsozialistischen Diktatur, die schwerste Last getragen, doch sie sind daran nicht zerbrochen. Dies zu können, bedarf starker innerer Kräfte, die über Jahrhunderte in der Kultur des Ostens unseres Landes entstanden sind. Diese Kultur ist ein Teil unseres Selbst, und wert, den Nachgeborenen zur Prüfung und gegebenenfalls zur Aufnahme in die eigene Persönlichkeitsentwicklung vorgelegt zu werden. Sie hat die Kraft, auch die Heutigen geistig zu ernähren. Gerade darum lohnt es sich, das Erbe aufzugreifen und weiterzutragen. Ruth Geede hat durch ihre Bücher (von denen 2017 „Der Wiesenblumenstrauß“, „Rote Korallen“ und „Die Weihnachtsfamilie“ vom Rautenberg-Verlag in geschmackvoller Ausstattung und im Hardcover neu aufgelegt wurden) einen guten Einstieg hinterlassen.

In ihrem letzten Lebensjahrzehnt hatten wir eine lebhafte Zusammenarbeit entwickelt. „Königsberger Wanderungen“ waren ein reicher Quell in unseren Gesprächen, und manches davon fand seinen Weg in die Kolumne. Auch die Menschen, die heute in der Heimat leben und mit ihren Familienbiographien, mit ihren Alltagssorgen und in ihren Leben zurechtkommen müssen, haben sich auf ihre Weise den Überlieferungen angenähert. Ruth Geede erreichte über die Internet-Seite des Ostpreußenblattes auch interessierte Leser zwischen Tilsit und Preußisch-Eylau, zwischen Eydtkuhnen und Pillau.

Als sie starb, war ich gerade wieder am Pregel, um neue Fotos für ihre Kolumne zu machen. Bei Erhalt der Nachricht sagte mein russischer Freund, ein pensionierter Soldat und stets hilfsbereiter Begleiter beim Besuch früherer Elternhäuser: „Die Ostpreußen haben einen großen Verlust erlitten- und wir auch“. Es war keine Berechnung in der Art, wie dies ausgedrückt wurde. Nur freigewordene Achtung, Liebe, menschliche Anteilnahme auf der allerpersönlichsten Ebene vom Ich zum Du, weit entfernt in der Heimat.

Am 3. Mai 2018 wurde der Trauergottesdienst in der Hamburg-Niendorfer Marktkirche abgehalten. Nebst ihren Familienangehörigen begleiteten sie Kollegen und Freunde auf ihrem letzten Weg. Herr Pastor i.R. Hermann Trunz sprach über dieses an Höhen und Tiefen reiche Leben, und der Psalm 23 „Der Herr ist mein Hirte“ sowie Worte aus dem Johannesevangelium gaben das geistliche Geleit. Herbert Tennigkeit, dessen Tod wir am 10. Oktober 2022 betrauerten, trug in einem ergreifenden Vortrag das Gedicht „Der Wiesenblumenstrauß“ von Ruth Geede vor – eine Parabel auf die Vielfalt und die Schönheit menschlichen Lebens.

Hoffnung auf ein helles Morgen

Als der Trauergottesdienst zu Ende ging, wurde auf der Orgel das Ostpreußenlied gespielt. Nicht als festliche Fanfare, sondern als schlichter Choral, der Dankbarkeit und Einfachheit verströmte. Draußen war ein sonniger Frühlingstag. Als die Kirchentüre geöffnet wurde, traf der Gesang der Vögel auf das Ostpreußenlied und schuf eine Klangkulisse, die sich ergänzte und betroffen machte: Trost und Hoffnung zugleich schienen in dieser unerwarteten Begegnung verkündet zu werden. Ein ostpreußisches Jahrhundertleben hatte seinen irdischen Kreis geschlossen.

Ein Jahr später war ich erneut in Königsberg. Es war ein früher Morgen, an dem die Sonne gerade aufging. Im Blick nach Osten hob sich die Silhouette des Königsberger Domes zum Licht. Der Eindruck war beides: der Einfluss der Vergangenheit, und die Hoffnung auf ein helles Morgen. Nur dies zusammen ergibt ein gelungenes Heute, das immer wieder neu in Wahrheit und in Vernunft geschaffen und oft auch errungen werden muss. Die Überlieferungen bleiben auf Erden, und in diesem Sinne wird auch Ruth Geede in uns und mit uns weiterleben.


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Kommentare

Chris Benthe am 17.04.23, 06:18 Uhr

Was für eine wunderbare Würdigung. Ich liebte ihre Kolumne, ohne ein Ostpreuße zu zu sein. Ihre Worte halfen, den Schmerz der Flucht und Vertreibung, der Entsagung und des Verlustes besser zu verstehen und mitzufühlen. Danke dafür.

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