27.09.2022

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Krieg in der Ukraine

Nation vor Konfession

Wie der russische Angriff die ukrainische Orthodoxie eint

Bodo Bost
13.03.2022

Den russischen Einmarsch in die Ukraine begründet Russlands Staatspräsident Wladimir Putin unter anderem mit einer Verfolgung russisch-orthodoxer Gläubiger in der Ukraine. Offenbar hat er nicht mit den zuständigen Kirchen in der Ukraine gesprochen, denn sogar der bisher noch dem Moskauer Patriarchat treue Teil der orthodoxen ukrainischen Gläubigen unter Metropolit Onufrij weiß nichts von der von Putin beklagten Verfolgung orthodoxer Gläubiger in der Ukraine.

In der Ukraine gab es nach der Erlangung ihrer Unabhängigkeit im Jahre 1991 mehrere sehr zerstrittene orthodoxe Kirchen. Neben zwei katholischen Kirchen gab es zunächst vier, dann drei orthodoxe Kirchen, die sich die ukrainischen Gläubigen gegenseitig streitig machten. Acht Zehntel der Ukrainer sind Orthodoxe. Innerhalb der orthodoxen Kirchen war lange Zeit das Moskauer Patriarchat das führende. Erst als 2014 Russland die Krim und Teile des Donbas besetzte, verlor das Moskauer Patriarchat massiv an Sympathien in der Ukraine und bereitete damit 2018 die Gründung der selbständigen Orthodoxen Kirche der Ukraine durch den Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel vor. Diese Kirche wird trotz ihrer rechtmäßigen Einsetzung von Russland und einer Vielzahl unter russischem Einfluss stehender orthodoxer Kirchen nicht anerkannt.

Metropolit Onufrij

Einen Tag vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine hatte der Ukrainische Rat der Kirchen und religiösen Organisationen (UCCRO), dem 16 katholische, orthodoxe und protestantische Konfessionen sowie jüdische und muslimische Vereinigungen angehören, Putin gewarnt, ein „aggressiver Krieg“ wäre ein „großes Verbrechen gegen den Allmächtigen“. Einen Tag später verurteilte der Rat, dem auch die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche Moskauer Patriarchats (UOK-MP) angehört, den „unprovozierten Angriff Russlands und Weißrusslands auf die Ukraine“.

Die neue unabhängige Orthodoxe Kirche der Ukraine betete für die „Verteidiger des Mutterlandes“ und appellierte an die internationale Gemeinschaft, „die Aggression sofort zu stoppen“. „Unsere gemeinsame Aufgabe ist es, den Feind zurückzuschlagen, unsere Heimat, unsere Zukunft und die der neuen Generationen vor der Tyrannei zu schützen, die der Aggressor mit seinen Bajonetten anrichten will“, sagte das 45-jährige Kirchenoberhaupt, Metropolit Epiphanius, in einer Botschaft.

Metropolit Epiphanius

In der mit Moskau verbundenen Ukrainisch-Orthodoxen Kirche Moskauer Patriarchats gibt es nun Anzeichen für eine ernsthafte Spannung mit dem Moskauer Patriarchat über die Aggression Putins. In einem Appell am ersten Tag des Krieges rief ihr Oberhaupt, Metropolit Onufrij, die Ukrainer auf, „gegenseitige Streitigkeiten zu vergessen“, und forderte von Putin, „die Souveränität und Integrität der Ukraine und den Bruderkrieg sofort zu beenden“.

Das Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill I., lobte hingegen in einer Botschaft aus Moskau noch drei Tage nach der Invasion Präsident Putin und übernahm auch dessen Formulierung des Krieges als „Militärübung“. Allerdings haben sich auch die Russische Orthodoxe Kirche im Ausland (ROKA) und einzelne orthodoxe Priester in Russland, wie Georgij Edelstein, von Putins Angriffskrieg deutlich distanziert.

Patriarch Kyrill I.

Russen und Ukrainer werden gerne als Brüdervölker dargestellt, weil beide gemeinsam das Christentum angenommen haben, sozusagen gemeinsam getauft wurden. Ganz richtig ist das nicht. Es handelt sich eher um ein Vater-Sohn-Verhältnis, denn als Wolodymyr der Täufer (960–1015) als Großfürst von Kiew die Rus taufte, gab er zwar Russland seinen Namen, aber das Land Russland gab es noch lange nicht. Erst einer seiner Nachkommen, Fürst Juri Dolgoruki (1090–1157) gilt als der Gründer Moskaus. Seine Kapelle steht direkt neben dem Höhlenkloster, das als Keimzelle des orthodoxen Christentums in der Kiewer Rus gilt. Deshalb blickt die Statue des Heiligen Täufers Wolodymyr hoch über der Stadt Kiew, wo er das Kreuz über die Stadt hält, gen Osten, also gen Russland, von wo nun die Aggression gegen die Ukraine ausgeht, die einen Keil in diese Bruderschaft treibt, aber die Ukrainer mehr denn je geeint hat. Auch die vielen russischsprachigen Ukrainer stehen nun wie ein Mann hinter Präsident Wolodymyr Selenskyj.



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