19.06.2024

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Nicht nur ein weißes Problem

Ein Blick auf das brandenburgische Schutzgebiet Groß Friedrichsburg zeigt, dass der Sklavenhandel nicht nur eine Schmach für Europa und Amerika ist. Vor 300 Jahren wechselte die Herrschaft von Nana Kone (Jan Cunny) zu den Holländern

Bernhard Knapstein
11.02.2024

Als sich vergangenen November in der ghanaischen Hauptstadt die afrikanischen Staaten zur viertägigen „Accra Reparations Conference 2023“ trafen, um über das Ob und das Wie von Reparationsforderungen zu beraten, einigten sich die Delegierten darauf, einen globalen Wiedergutmachungs-Fonds ins Leben zu rufen, der von den europäischen Ländern zu füllen sei, die vom transatlantischen Sklavenhandel profitiert haben. 108 Billionen US-Dollar sind als Schadenssumme angesetzt. Grundlage für Entschädigungsforderungen ist unter anderem ein Bericht vom vergangenen Juni der Bostoner Brattle Group. „Kein Geld der Welt kann den Schaden, der durch den Sklavenhandel angerichtet wurde, begleichen. Trotzdem muss die Welt damit konfrontiert werden“, konstatierte Ghanas Präsident Nana Addo Akufo-Addo.

Gegenüber Deutschland werden im Bostoner Bericht keine Forderungen erhoben. Da Deutschland mit dem kurbrandenburgischen Schutzgebiet Groß Friedrichsburg am Südkap Ghanas wenigstens für kurze Zeit am transatlantischen Dreieckshandel mit Sklaven beteiligt war, am Sklavenhandel unter der Flagge mit dem kurfürstlichen roten Adler kein Zweifel besteht und Deutschland als wohlhabendes Land gilt, ist das Ausbleiben einer Forderung gegenüber der Bundesrepublik wohl als Versehen zu interpretieren. Alleine von Großbritannien werden 24 Billionen Dollar gefordert.

Allerdings war Brandenburgs Beteiligung am Sklavenhandel auch ungleich bescheidener. Vom 15. bis zum 19. Jahrhundert wurden rund zwölf Millionen Menschen von Afrika nach Amerika und Europa verschleppt und unter rassistischen und demütigenden Bedingungen als Arbeitskräfte ausgebeutet. Auf das Konto der Deutschen – und der mit ihnen verbündeten Afrikaner – geht der Verkauf von „nur“ 17.000 Sklaven nach Amerika – Brandenburgs Beteiligung am Sklavenhandel währte nur drei Dekaden.

Mit einer Flotte fing es an
Begonnen hat sie in der Regierungszeit des Großen Kurfürsten. Friedrich Wilhelm war unter den Hohenzollern der Abenteurer. Er studierte 1635 bis 1638 in Leyden und Den Haag, machte sich mit dem Seekriegshandwerk vertraut. 1640 übernahm er die Regierungsgeschäfte von seinem verstorbenen Vater Georg Wilhelm. Seine Heirat mit Luise-Henriette von Oranien 1646 festigte sein Netzwerk zu Kaufleuten und Militärs der Niederlande.

Friedrich Wilhelm strebte nach Ostindien und China. Ein erster Versuch, eine Brandenburgisch-Ostindische Handelskompanie aufzubauen, scheiterte 1653 an fehlenden Geldgebern, just in einer Zeit, in der holländische Investoren mit ihren Anteilen an der Westindischen Handelskompanie Dividenden von 100 Prozent und mehr einstrichen. Doch selbst in den Hansestädten waren zunächst nicht genügend Kaufleute zu finden, welche die nötigen Mittel für das Großprojekt aufbringen mochten. Das Land war nach dem großen Krieg an Menschen und Mitteln ausgeblutet.

Eine zweite Herausforderung für Friedrich Wilhelm waren der Ausbau der – im Verhältnis zu Holland, Schweden, England oder Dänemark – praktisch nicht vorhandenen Flotte und die Sicherung der Seewege. Nach ihrer Niederlage in der Schlacht bei Fehrbellin 1675 zogen sich die Schweden aus Brandenburg zurück. Das gab dem Kurfürsten neues Selbstbewusstsein und Ruhe.

Afrikaner versklavten Afrikaner
Im selben Jahr lernte der Monarch den niederländischen Kaufmann und Reeder Benjamin Raule kennen, beide stellten mit Blick auf Ostindien übereinstimmende Interessen fest. Raule übersiedelte nach Brandenburg und stellte seine zehn Fregatten unter die Flagge des Großen Kurfürsten. Durch Kaperung und nach dem Sieg über Schweden bei der Eroberung Rügens sowie der Belagerung Stettins und Stralsunds waren es 1680 bereits 28 Schiffe, darunter 15 Fregatten – allerdings immer noch im Eigentum Raules. Friedrich Wilhelm kaufte daher neun der Schiffe gegen den Protest seiner Räte. Raule riet dem Kurfürsten, alsbald einen Ingenieur nach Afrika zu entsenden, um eine Festung zu errichten. Der Kurfürst sah die Zeit gekommen, von Europa den ersten Schritt Richtung Ostindien zu gehen, und befahl, finanziert von Raule, die „Wappen von Brandenburg“ und die „Morian“ an die guineische Küste. Während die „Wappen von Brandenburg“ von Niederländern konfisziert wurde, gelang es Kapitän Philipp Pietersen Blonck auf der kleineren „Morian“, mit drei Häuptlingen auf der Hochebene zwischen dem Kap der drei Spitzen und dem heutigen Prusi Akitakyi einen Schutz- und Handelsvertrag zu schließen, der die brandenburgische Seite auch zum Bau einer Befestigung ermächtigte.

Als 1682 allerdings der gerade 27-jährige Ostpreuße Otto Friedrich von der Groeben von Emden aus mit der „Churprinz“ und der „Morian“ das Dorf wieder erreichte, war dieses zerstört und zwei der drei Häuptlinge in einem Krieg gegen benachbarte Stämme gefallen. Der Machtbereich und das Existenzrecht der afrikanischen Stämme wurde ständig seitens anderer Stämme blutig angefochten, das Leben der Afrikaner war kurz. Das ist eine der historischen Grundlagen zur Bewertung des Sklavenhandels. Denn es waren in der Regel nicht die Europäer, die Menschen gefangennahmen, um sie zu versklaven. An der sogenannten Sklavenküste waren es in erster Linie Afrikaner, die Afrikaner gefangennahmen, um sie den Europäern als Sklaven zu verkaufen. Begehrte Tauschware war in erster Linie Eisen für Waffen.

Als von der Groeben mit der „Churprinz“ in Accoda, dem heutigen Akwidaa, landete, musste er mit den Cabisters (Häuptlinge) nicht lange verhandeln. Sie sagten ihm zu, dass die Brandenburger auf der dortigen Halbinsel ein Fort errichten dürften, was die Schiffsführung und die Häuptlinge auf der „Churprinz“ mit reichlich Branntwein begossen. Ernüchterung trat allerdings ein, als am folgenden Tag ein holländischer Kaufmann vom nahen Fort Elmina aus eintraf, in Accoda ein- und seine Fahne aufzog. Die „Churprinz“ fuhr zur Vermeidung eines Konflikts daraufhin wenige Meilen ostwärts und gelangte zum Dorf Poqueso, an dem der Berg Manfro, eine erhöhte Gesteinsformation, sich ein wenig in den Atlantik schiebt. Auch hier verhandelte von der Groeben mit Erfolg. Der Standort für die Hauptfestung stand damit fest. Von der Groeben hisste am 2. Januar 1683 unter dem Klang von Pauken und Schalmeien die kurbrandenburgische Fahne. Dazu schossen die kurbran­den­burgischen Soldaten „mit fünf scharf geladenen Stücken das Neujahr“. Aus mitgebrachten Backsteinen errichteten die Brandenburger die Festung, die zum Zentrum des gerade einmal rund 16 Kilometer langen und kaum einen Kilometer tiefen Schutzgebiets wurde.

Doch auch die vorangegangenen Gespräche blieben nicht ungenutzt. In Accoda entstand ab 1685 unter Hauptmann Carl von Schnitter die zweite Befestigung auf der Halbinsel, die später nach der zweiten Frau des Kurfürsten Dorotheenschanze genannt wurde. Die Festung besteht als vom Dschungel überwachsene Ruine noch heute. Zwischen diesen beiden Festungen wurde am Kap der drei Spitzen beim Dorfe Taccrama eine weitere kleine Schanze, zuletzt Sophie-Luise-Schanze genannt, errichtet. Ihr genauer Standort ist bis heute unbekannt. Die drei Anlagen bildeten das Wehr- und Handelsgerüst für das Schutzgebiet Groß Fried­richsburg. Eine zusätzliche Handels-Lodge in Taccarary, dem heutigen Takoradi, wurde bereits 1688 von den Holländern eingenommen.

Sparsamkeit des Soldatenkönigs
Man darf sich über die Ausmaße des Protektionsgebiets keine falschen Vorstellungen machen. Zwischen den beiden äußeren Festungen Groß Friedrichsburg und der dreieckigen Dorotheenschanze liegen kaum 16 Kilometer Luftlinie. In die Tiefe des Landes ging der Machtanspruch der Brandenburger nur so weit, wie der Schuss einer Kanonenkugel reicht, denn Busch und Dschungel waren voller Gefahren. Nicht wenige Brandenburger erlagen dem Gelbfieber, der Malaria, Schlangenbissen oder den Angriffen Einheimischer im Busch. Sie zogen daher nie ins Landesinnere, sondern ließen sich Nahrungsmittel und eben auch Sklaven von Einheimischen zuführen.

Der ständige Mangel an Mitteln und der Verlust von Schiffen ließ die Handelskompanie in Emden alsbald bankrottgehen. Der sparsame Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. verkaufte schließlich 1717 sämtliche afrikanische Besitzungen für 7200 Dukaten und „12 Negerknaben [...], von denen sechs mit goldenen Ketten geschmückt sein sollten“ an die Niederländisch-Westindische Kompanie. Tatsächlich hatte der Soldatenkönig der „Garde der langen Kerls“ zu deren Aufwertung afrikanische Spielleute zur Seite gestellt. Damit endete nach nur 30 Jahren die erste deutsche Unternehmung in Afrika, Preußen hatte im Reigen der auf den Weltmeeren im Sklavenhandel konkurrierenden Europäer nicht bestanden.

Doch erst 1724, vor 300 Jahren, konnten die Niederländer von Axim aus Groß Fried­richsburg einnehmen. Der noch heute in Ghana verehrte Großhäuptling Nana Kone (Jan Cunny) hatte die Festung nämlich noch über Jahre gehalten, bis er ins Landesinnere verschwand. Der Legende nach soll Cunny die Fahne mit dem roten Adler Brandenburgs dabei mitgenommen haben, was im 19. Jahrhundert den preußischen Oberstleutnant, Militärschriftsteller und Dichter Fedor von Köppen zu dem Huldigungsgedicht auf Cunny bewogen haben mag, in dem es heißt: „Nun steigen Sonn' und Sternenpracht / am Himmel auf und nieder. / Jan Cunny hält die Flaggenwacht. / ‚Wann kehrt der Preuße wieder?'“

Bernhard Knapstein war 2016/17 auf Expedition in Ghana und hat auf der Festung Groß Friedrichsburg gewohnt. Gemeinsam mit dem unlängst verstorbenen Historiker und Autor Ralf Küttelwesch, der ebenfalls für die PAZ zur Kolonialgeschichte geschrieben hat, hat er nach der verschollenen Sophie-Louise-Schanze geforscht.


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