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Konnte sich teure Mode leisten: Albrecht Dürer (1471–1528), „Selbstbildnis im Pelzrock“
Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek, MünchenKonnte sich teure Mode leisten: Albrecht Dürer (1471–1528), „Selbstbildnis im Pelzrock“

Kunst

Nie aus der Mode gekommen

An Albrecht Dürer, der vor 550 Jahren geboren wurde, kommt keiner vorbei. Nürnberg und Aachen planen ihm zu Ehren Großes

Veit-Mario Thiede
20.05.2021

Das Germanische Nationalmuseum Nürnberg fragt: „550 Jahre Dürer. Ist schon alles gesagt?“ Offenbar nicht, denn es kündigt einen digitalen Gesprächs-Marathon über den Renaissancemaler Albrecht Dürer an. Die Redeschlacht findet am Geburtstag des Künstlers statt, der sich am 21. Mai zum 550. Mal jährt.

Auch fern seines Geburts- und Sterbeortes Nürnberg wird Deutschlands berühmtester Künstler geehrt. Das Aachener Suermondt-Ludwig-Museum präsentiert ab Juli die Ausstellung „Dürer war hier“. Ihrem wissenschaftlichen Beirat gehört Thomas Schauerte an, der vergangenes Jahr eine lesenswerte Dürer-Biografie veröffentlicht hat.

Schauerte führt in Dürers Werk ein, zeichnet dessen Leben nach und macht auf das intellektuelle Umfeld des Künstlers aufmerksam. Für sein Schaffen elementare Anregungen verdankte er dem freundschaftlichen Kontakt zu zwei bedeutenden Humanisten: Konrad Celtis und Willibald Pirckheimer.

Was aber ist „Humanismus“ und warum ist er für Dürers Biographie so wichtig? Schauerte charakterisiert ihn als umfassende, an den großen Autoren und Denkern der Antike orientierte Bildungs- und Lebensreform. Sie sollte den Menschen in die Lage versetzen, seine Persönlichkeit frei zu entfalten. Schauerte folgert: „Die emanzipatorischen Aspekte des Humanismus schlugen sich natürlich auch im intellektualisierten Bild des Künstlers als eines selbstbewussten Schöpfers unverwechselbarer Werke nieder.“ Paradebeispiel sei Dürers „Selbstbildnis im Pelzrock“ (1500) aus Münchens Alter Pinakothek. Deren Dürer-Sammlung ist die bedeutendste der Welt.

Dürer wusste nicht nur mit Pinsel, Stift und Zeichenfeder virtuos umzugehen, sondern führte auch technisch bravouröse und inhaltlich anspruchsvolle Holzschnitte und Kupferstiche aus. Schauerte macht auf die neuartige Materialästhetik der Kupferstiche aufmerksam: „Haare und Fell, Baum und Busch, Haut und Gewänder sind in ihrer realen Beschaffenheit so lebensnah wie nur möglich charakterisiert.“

Als Höhepunkt gelten die „drei Meisterstiche“ von 1513 und 1514: „Ritter, Tod und Teufel“, „Hieronymus im Gehäuse“ und „Melencolia I“. Die geflügelte Personifikation der Melancholie hat ihr Haupt in die linke Hand gestützt, während sie in der Rechten einen Zirkel hält. Dürer hat ihr zahlreiche Gegenstände zugesellt, darunter einen Hobel, eine Kugel, eine Leiter und eine Waage. Schauerte beurteilt diesen rätselhaften Kupferstich als eines „der Hauptwerke der Kunstgeschichte. Lange vor Abstraktion und Surrealismus ist hier offenbar das erste sinnoffene Kunstwerk entstanden.“

Die meisten Werke Dürers zeichnet jedoch Eindeutigkeit aus: Sie stehen im Dienst der frohen Botschaft. Die zentralen Themen sind Darstellungen der Passion Christi und Bilder der Gottesmutter.

„Besuche den Meister!“

Die Ehrung Dürers hat in Nürnberg eine lange Tradition. Hier ist ihm das älteste öffentliche Künstlerdenkmal Deutschlands gewidmet. Den Entwurf des 1840 enthüllten Bronzestandbildes lieferte der berühmte Berliner Bildhauer Christian Daniel Rauch. Bereits 1828 eröffnete die Stadt Deutschlands erste Künstlergedenkstätte: das am Tiergärtner Tor direkt unter der Kaiserburg gelegene Albrecht-Dürer-Haus. In ihm wohnte und arbeitete der Künstler von 1509 bis zu seinem Tod.

Schauerte, der von 2009 bis 2019 das Dürer-Haus geleitet hat, weist darauf hin: „Wo Dürer geschlafen, gegessen und vor allem gearbeitet hat, ist heute kaum mehr nachvollziehbar.“ Aber im Haus stellt eine Medienstation sein Leben und Werk vor. Im „Dürersaal“ sind wertvolle historische Kopien seiner berühmtesten Gemälde zu sehen. Und am 21. Mai geht ein neues Format an den Start: „Original Dürer!“ Von da an werden im viermonatigen Wechsel einige originale Druckgraphiken ausgestellt. Falls es die Corona-Lage zulässt, begeht das Haus Dürers Geburtstag mit der Aktion: „Besuche den Meister! Freier Eintritt bis Pfingstmontag.“

Zu den ersten Adressen für Bewunderer der Malerei Dürers gehört das Germanische Nationalmuseum mit Gemälden wie zum Beispiel der „Beweinung Christi“ (um 1499), dem fiktiven Porträt „Karls des Großen“ (um 1511/13) oder dem realen von „Kaiser Maximilian I.“ (1519), welcher der wichtigste Auftraggeber und Förderer des Künstlers war. Am Geburtstag Dürers offeriert das Museum von 17 bis 20 Uhr seinen anfangs erwähnten digitalen Gesprächs-Marathon. Neun Expertenduos greifen Themen aus Dürers Leben, Werk und Wirkung auf. Etwa sein Verhältnis zur Wahrsagerei oder die Prägung seines Schaffens durch die Bilderwelt seiner Pfarrkirche St. Sebald. Per Platzreservierung über das Internet kann man sich drei Expertengespräche auswählen, an denen man online teilnehmen möchte.

Auch Dürers Reisen sind Thema des digitalen Gesprächs-Marathons. Die letzte führte ihn 1520/21 zur Krönung Kaiser Karls V. nach Aachen sowie in die Niederlande. Ihr wird die Sonderschau in Aachens Suermondt-Ludwig-Museum nachgehen. Sie umfasst 40 Bilder und Skulpturen von Zeitgenossen Dürers sowie 100 Werke des Meisters selbst. Zu den Prunkstücken gehört das einzige Tafelbild, das Dürer auf der Reise malte: „Der heilige Hieronymus“ (1521), eine Leihgabe aus Lissabon. Es ist das am häufigsten kopierte Gemälde der älteren deutschen und niederländischen Kunstgeschichte, wie Schauerte darlegt.



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Kommentare

Chris Benthe am 29.05.21, 08:59 Uhr

Wunderbar. Das Wissen um Dürer trägt dazu bei, sich bewusst zu werden, wer wir sind und woher wir kommen.
Danke für diesen interessanten Beitrag.

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