04.02.2023

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„Niemandsland Niederschlesien“ setzt aufs Lokale

Eine Schule in Waldenburg wird nach Fürstin Daisy Hochberg von Pless benannt

Chris W. Wagner
01.12.2022

Schüler, Eltern und Schulpersonal der Schule Nr. 5 in Waldenburg [Wałbrzych] haben Ende Oktober einen Namenspatron ihrer Schule bestimmt. An und für sich keine große Sache, doch für polnische Verhältnisse war das Ergebnis ungewöhnlich.

Zur Wahl standen drei Persönlichkeiten: Johannes Paul II., Faustyna Kowalska, eine Heilige der katholischen Kirche, und Fürstin Daisy Hochberg von Pless. 84 Prozent der Abstimmungsberechtigten wählten die letzte Besitzerin des Schlosses Fürstenstein [Książ] zur Patronin der Schule.

„Daisy war eine Philanthropin und Kriegsgegnerin, aber ihr Charakter erfüllt nicht vollständig die gesetzliche Anforderung eines Vorbildes für Kinder und Jugendliche“, sagte Piotr Sosiński, Sekretär der Partei PiS in Waldenburg gegenüber dem Portal wpolityce.pl. Daisy von Pless war Herrin immenser Ländereien in Schlesien und galt als großzügige Gastgeberin auf den prächtigen Schlössern Fürstenstein und Pless [Pszczyna]. Sie engagierte sich im Sozial- und Gesundheitswesen. Im Ersten Weltkrieg arbeitete sie als Rotkreuzschwester. 1922 ließ sich Daisy in Berlin scheiden, lebte in England, Cannes und München, bis sie aus Kostengründen nach Waldenburg zurückkehrte.

Der Besitz der Familie von Pless wurde 1939 enteignet. Aus dem Schloss musste Daisy 1940 ausziehen, weil Fürstenstein zum Führerhauptquartier ausgebaut wurde. Sie besuchte mehrfach das Konzentrationslager Groß Rosen in der Nähe und sandte Lebensmittel dorthin. 1943 verstarb Daisy verarmt in Waldenburg. Ihr Sarg wurde vor dem Einmarsch der Roten Armee 1945 an eine unbekannte Stelle umbestattet.

Philantropin und Kriegsgegnerin

Aus Anlass ihres 80. Todestages 2023 wollen die Waldenburger Stadträte das kommende Jahr zum Daisy-Jahr ausrufen. „Eine schöne Art des Gedenkens einer historischen Persönlichkeit“, freut sich Mateusz Mykytyszyn von der Fürstin-Daisy-von-Pless-Stiftung. Ganz und gar nicht passt das dem Politiker Sosiński. „Im Allgemeinen sind polnische Heilige ein abgenutzter und unattraktiver Bezugspunkt, der es nicht wert ist, als Beispiel genommen zu werden“, wettert er. In der Huldigung der Fürstin Daisy sieht er einen „peinlichen Beweis dafür, wie sich die Identität der Polen verändert, insbesondere in den westlichen Regionen Polens“. Die „Gazeta Wrocławska“ (Breslauer Zeitung) zitiert den aus Waldenburg stammenden Vizemarschall der Woiwodschaft Niederschlesien, Grzegorz Macko (PiS): „Es gibt viele andere Persönlichkeiten der polnischen Geschichte, die als Namenspatrone für Schulen geeignet sind. Dazu zählen solche aus unserer Gegenwart, wie der Heilige Johannes Paul II. Es sind aber auch schlesische Piasten. Daisy als englische Aristokratin, die mit dem deutschen Adel verbunden war, hat keine Verbindung zum polnischen Waldenburg und seinen heutigen Bewohnern“, betont er.

Der Geistliche Przemysław Pojasek, Sprecher der Diözese Schweidnitz [Świdnica], sagte: „Johannes Paul II. ist zweifelsohne eine für Polen und die Welt herausragende Persönlichkeit, aber es heißt doch nicht, er muss nun zum Patron jeder Institution gewählt werden“, sagt er.

Für den Journalisten des Nachrichtenmagazins TVP1, Maciej Walaszczyk, ist der Westen der Republik Polen und speziell Niederschlesien seit Anfang der 90er Jahre zum Niemandsland geworden. „Es scheint ein Raum zu sein, der sich in einer unbestimmten Zukunft in eine Art schlesische Provinz der EU verwandeln wird, unter der stillen und wachsamen Schirmherrschaft europäischer und deutscher Sponsoren.“

Das Facebook-Profil der Schule Nr. 5, die nun Fürstin-Daisy-von-Pless-Schule heißen wird, füllte sich mit überwiegend positiven Kommentaren, wie: „Ein Paradebeispiel für Lokalpatriotismus, schließlich hatte die Fürstin mehr mit der Stadt zu tun als andere Kandidaten!“, „Toll. Eine mit der Region verbundene Patronin“ , so die Posts. „Die Schülergemeinschaft, die Eltern und das Schulpersonal haben ihre Wahl auf demokratische Weise getroffen. Dieses Abstimmungsergebnis soll respektiert werden“, sagte Schuldirektorin Iwona Początek gegenüber dem „Wochenblatt.pl“, der Zeitung der Deutschen in der Republik Polen.


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