18.06.2024

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Brauchtum

Nikolaiken und sein Stinthengst

Fabelwesen aus ferner Vergangenheit – „KrÓl Sielaw“ wird jeden Sommer auch von Polen gefeiert

Wolfgang Reith
18.01.2024

Jede Reise durch das südliche Ostpreußen führt zwangsläufig auch nach Nikolaiken [Mikołajki]. Das Städtchen, das einst als „ostpreußisches Venedig“ bezeichnet wurde, lebt das ganze Jahr über vom Tourismus, hat sich seit den 1990er Jahren zu einem modernen Wassersportparadies entwickelt und ist so auf dem besten Weg, wieder eine Art „Venedig Masurens“ zu werden.

Im Pfarrhaus neben der schön restaurierten Nikolaikirche, die in den Jahren 1841/42 erbaut wurde (der Turm datiert von 1880) und die dem Ort den Namen gab – sie ist auch heute noch ein evangelisches Gotteshaus –, befindet sich ein liebevoll eingerichtetes Museum der Reformation mit einer reichhaltigen Sammlung an historischen Kirchendokumenten und Bibeln.

Nikolaiken wurde erstmals 1444 urkundlich erwähnt und besitzt seit 1726 das Stadtrecht. Die Haupteinnahmequelle seiner Bewohner waren die Fischerei, die Holzfällerei und der Holzhandel sowie die Flößerei. Der Ort zählt heute zirka 4000 Einwohner und gehört zum Kreis Sensburg [Powiat Mągrowski]. Die Oberschule der Stadt erhielt im Jahre 1995 den Namen „Lyzeum Marion Dönhoff“ wegen der Verdienste der Gräfin um die deutsch-polnische Versöhnung, die ihr zugeschrieben wird. Vor allem aber ist Nikolaiken bekannt für sein Wahrzeichen, den Stinthengst, einen an die Seebrücke angeketteten, im Wasser schwimmenden Fisch – eine Maräne – mit einer Krone auf dem Kopf („Fischkönig“), der einer Legende entspringt und der für den Fischreichtum des Sees sorgen soll.

Riesiger Fisch mit goldener Krone
Danach lebte vor langer Zeit in den umliegenden Gewässern ein riesiger Fisch mit einer goldenen, edelsteinbesetzten Krone, vor dem sich die Fischer fürchteten, weil er immer wieder unter ihre Boote schwamm, diese umwarf und viele Fischer dann ertranken, da sie nicht schwimmen konnten. Eines Tages gelang es einem mutigen Fischer, das „Ungetüm“ zu fangen. Er schleppte es zunächst zur Teufelsinsel, holte dann Hilfe, und gemeinsam schleppten die Fischer das gewaltige Tier nach Nikolaiken, wo die Einwohner das Todesurteil fällten.

Als der Stinthengst dies hörte, sagte er mit menschlicher Stimme: „Ihr könnt mich zwar töten, aber wenn ihr das tut, werden in den Seen alle Fische verenden, und ihr werdet verhungern.“ Nach eingehenden Beratungen beschloss man deshalb, den Fisch nicht zu töten, ihn aber auch nicht freizulassen, sondern ihn mit einer Kette an der Talter-Brücke festzubinden. Natürlich gibt es zu dieser Legende auch einen realen Bezug. Dieser betrifft den an der Brücke (Baujahr 1516) aus Baumstämmen angeketteten Sperrbalken (Zollschranke), welcher die Durchfahrt erst freigab, wenn man den Brückenzoll (Mautgebühren) entrichtet hatte.

Später – seit wann, ist nicht mehr genau feststellbar – entwickelte sich vor Ort eine Festlichkeit, bei welcher zu Beginn jedes Sommers, für gewöhnlich zwischen „St. Johannes und Peter und Paul“ (zwischen dem 24. und 29. Juni), manchmal aber auch erst im Juli, ein bunt bemalter, drei Meter langer hölzerner „Maränenhengst“ mit einer Ankerkette an einem Pfeiler unter der Fußgängerbrücke, die über der Wasserenge zwischen Talter Gewässer und Spirdingsee führt, befestigt wurde, nachdem man ihn zuvor durch die Straßen der Stadt zum Seeufer getragen hatte, wo die Fischer ihn in Empfang nahmen und mit zwei Ruderbooten an seinen bestimmten Platz transportierten.

Feier mit Orchester und Sekt
Dazu spielte stets ein Orchester, und eine große Menschenmenge verfolgte das Ritual. Und so dümpelte der sagenhafte Stinthengst dann bis zum Herbst an der Brücke, wenn er zur Aufbewahrung ins Rathaus gebracht wurde. Nachdem der alte „König der Maränen“ vermodert und nicht mehr schwimmfähig war, wurde er im Sommer 1939 durch ein neues Exem-plar ersetzt, das am Ende des Zweiten Weltkrieges wohl spurlos verschwand.

1955 erbaute man an der Stelle der oben erwähnten hölzernen Fußgängerbrücke eine neue Brücke aus Stein, und zwei Jahre später erfuhr man, dass an dieser auch wieder ein Stinthengst liege. Inzwischen hatten die Polen den alten Volksbrauch erneut aufleben lassen, was vor allem der touristischen Attraktivität des Ortes dienen sollte, und so wurde fortan der „Rybi Król“ (Fischkönig) oder „Król Sielaw“ (Stintkönig), wie er jetzt hieß, alljährlich wieder zu Wasser gelassen.

Dabei wird er vom Bürgermeister mit einer Flasche Sekt gesegnet und seine Krone mit einem Blumenstrauß verziert. Am Talter-Ufer steht übrigens eine weitere steinerne Stinthengst-Figur, und auf dem Marktplatz der Stadt, wo einst das Gericht über den Fisch abgehalten wurde, befindet sich in der Mitte eines Brunnens ein dritter, wasserspeiender Stinthengst, der nach 1945 aufgestellt wurde und zunächst aus Holz geschnitzt war. Später wich er einer Nachbildung aus Plastik, und vor einigen Jahren ersetzte man diese wiederum durch eine steinerne Figur. Seit 1922 ist das sagenhafte Tier schließlich auch Teil des Wappens von Nikolaiken, wovon sich die Fischer einmal mehr einen üppigen Fang erhoffen.


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Kommentare

sitra achra am 20.01.24, 18:37 Uhr

Leider sind die Bestände der kleinen und großen Maräne durch Wasserverschmutzung und Überfischung arg zurückgegangen.

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