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Ukraine

Nur nicht den Glauben verlieren

Deutschstämmige Lutheraner geraten im Ukrainekrieg zwischen die Fronten

Bodo Bost
24.07.2022

Russlands Überfall auf die Ukraine hat mehrere Kirchengemeinden der DELKU der „Deutschen evangelisch-lutherischen Kirche der Ukraine“ hart getroffen. Zwei davon haben Putins Truppen erobert, zugleich wurden Kirchenmitglieder verhaftet. Der zuständige Bischof Pawlo Schwarz fürchtet um die Kircheneinheit mit der ELKRAS, den anderen lutherischen Bistümern der ehemaligen Sowjetunion, mit denen die DELKU einst eine Union bildete.

Die DELKU hat rund Tausend Mitglieder in 15 Gemeinden, die über die gesamte Ukraine verteilt sind. Der Angriff Russland am 24. Februar kam nicht ganz überraschend für diese Kirche, die schon 2014 durch die Besetzung der Krim und der beiden Donbass-Republiken den Abfall einiger Gemeinden zu beklagen hatte.

Die DELKU befand sich jedoch seit Sommer 2021 in einer Phase des Neustarts, nachdem eine jahrelange Spaltung des Bistums überwunden werden konnte und die Minderheitengruppe, der es um den Zugriff auf die Kirchen-Immobilien ging, die Besetzung und damit die Blockade der bischöflichen Verwaltung in Odessa aufgegeben hatte. Dadurch konnten auch dank des energischen Auftretens von Bischof Schwarz die Beziehungen zur bayerischen Landeskirche, der langjährigen Partnerkirche der DELKU, wieder aufgenommen werden.

Gleich zu Beginn des Krieges wurden leider zwei Gemeinden, Berdjansk und Schlangendorf im Bezirk Cherson, von russischen Truppen erobert. Viele Mitglieder aus den Gemeinden in den Großstädten Kiew, Charkiw, Saporischschja, Krementschuk und Krywyj Rih verließen die Städte und flüchteten ins westliche Ausland oder in die dörflichen Gemeinden bei Odessa, Peterstal und Neuburg. Die letzteren beiden Gemeinden, zumeist zusammengesetzt durch Umsiedler aus Zentralasien, verdoppelten die Anzahl ihrer Gemeindemitglieder durch Flüchtige aus dem Osten und konnten deshalb sogar langjährig brachliegende Erweiterungsprojekte in Angriff nehmen.

Am schlimmsten erging es der Gemeinde in Berdjansk, einer der wenigen Gemeinden in der Ukraine, der es vor einem Vierteljahrhundert gelungen war, ihr altes aus der Zarenzeit stammendes Kirchengebäude zurückzuerlangen. Seit 1998 hat die dortige Gemeinde in der bayerischen Kirchengemeinde Rednitzhembach eine Partnergemeinde, die noch kurz vor der russischen Besetzung eine Geldspende überweisen konnte.

Ein Bischof auf der Flucht

Im April wurde die Gemeinde erschüttert, als der Vorsitzende des Kirchenrates von Berdjansk, Arthur Koschewnikow, von den Russen bei einem Spaziergang auf dem Primorskaya-Platz festgenommen wurde. Er war der führende Kopf bei der Wiederherstellung der Gemeinde im Jahr 1997. Seit dem Tag der Inhaftierung gab es keinen Kontakt mehr zu dem herzkranken Koschewnikow. Berdjansk spielte auch für die politische Wiedergeburt der Russlanddeutschen in der ehemaligen Sowjetunion eine wichtige Rolle, weil der führende Kopf dieser Bewegung, Heinrich Groth, bis nach der Jahrtausendwende in Berdjansk gelebt hat.

Auch die Gemeinde in Schlangendorf [Zmiewka] (Cherson Oblast), die am Dnjepr-Ufer liegt, befindet sich auf besetztem Territorium. Dort ist die Situation sehr angespannt, weil die von der Kirchengemeinde betreuten Gebiete zwischen die Fronten geraten sind.

Der Kontakt zu den Partnerkirchen im Rahmen der ELKRAS, der deutschstämmigen lutherischen Diözesen in der ehemaligen Sowjetunion wurde abgebrochen, weil sich einige der Pfarrer der ELKRAS in Russland die russische Staatspropaganda zu diesem Krieg zu eigen machten. Die ELKRAS war fast vier Monate führungslos und der Bischof der ELKRAS, Dietrich Brauer, in den ersten Tagen des Krieges nach Deutschland geflüchtet. Sein Nachfolger als Bischof, Wladimir Proworow, der ehemalige Propst der Propstei Wolga-Kama und Pfarrer der Mariengemeinde in Uljanowsk, wurde erst im Juni gewählt. Bischof Schwarz befürchtet allerdings, dass die ELKRAS durch den Krieg, durch die Propaganda und den Verlust gegenseitigen Vertrauens zerstört werden könnte.

Bischof Schwarz hatte im Mai die Zentrale des Lutherischen Weltbundes (LWB) in Genf besucht und kurze Zeit später eine Delegation des LWB in der Ukraine empfangen. Im August wurde die DELKU in den LWB als 149. Mitglied aufgenommen. Die Unterstützung aus dem Westen sei sehr gut. Die deutsche Kulturstaatsministerin Claudia Roth hatte die Kirchenleitung in Odessa im Juni besucht und ihr weitere Unterstützung zugesagt. Aber von den Partnerkirchen der ELKRAS bleibe diese Unterstützung aus. Im Gegenteil: Manchmal erfahre man sogar Beleidigungen von deren Mitgliedskirchen, so Bischof Schwarz in einem Interview mit einer deutschen Kirchenzeitung.



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