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Königsberg

„Ohne Kant hätten wir keinen Computer“

Eine fruchtbare deutsch-russische Zusammenarbeit – Erinnerungen an das Kant-Jahr 2004 und an Kants Geburtstag 2021

Bärbel Beutner
17.02.2024

Ohne Kant hätten wir keinen Computer“. Diese Worte stammen von Professor Leonard Kallinikow, und sie wurden im August 2004 in Rauschen [Swetlogorsk] vor einem interessierten und erstaunten Publikum ausgesprochen.

2004 sah die Welt noch anders aus. Die Universität in Königberg, an der Kallinikow lehrte, hieß noch nicht „Immanuel-Kant-Universität“. Diesen Namen erhielt sie erst 2005, beurkundet von Präsident Wladimir Putin, aus Anlass des 750. Jubiläums von Königsberg in einem feierlichen Akt in Gegenwart des damaligen Kanzlers Gerhard Schröder (SPD).

Doch der Philosoph Immanuel Kant (1724–1804), der seine Vaterstadt nur wenige Male verlassen hat, hatte in den gut zehn Jahren seit der Öffnung des Königsberger Gebietes 1991 bereits sehr segensreich gewirkt. Ihm verdankten die russischen und die deutschen Königsberger die Auferstehung des Königsberger Domes, der bei den beiden Bombenangriffen im August 1944 zerstört worden war. Das Grabmal Kants am Nordosten des Domes, das 1924 zum 200. Geburtstag des Philosophen gestaltet worden war, war unversehrt geblieben, ein beeindruckender Schachzug der Geschichte. 46 Jahre war das Königsberger Gebiet, die Kaliningrader Oblast, militärisches Sperrgebiet, und als die deutschen Besucher 1991 kommen durften, standen sie an dem Grabmal Kants, an dem die russischen Hochzeitspaare ihren Brautstrauß niederlegten. Der größte Sohn Königsbergs war nicht vertrieben worden.

Er verhinderte auch die Sprengung der Domruine, die Leonid Breschnew durchführen lassen wollte. Russische Intellektuelle und Kulturschaffende protestierten, und die russischen Fremdenführer erzählten ihren Gästen, wie die Sprengung der Domruine im letzten Moment verhindert wurde – ganz aufregend und spannend; es wurde immer dramatischer berichtet ... 2004 stand der Dom in seiner Pracht auf der neu gestalteten Dominsel, mit dem Kant-Museum und der evangelischen und der russisch-orthodoxen Kapelle, in denen Taufen und Trauungen stattfinden.

2004 war wieder ein Kant-Jahr, nicht so bedeutend wie das große Kant-Jahr 2024, das jetzt von der ganzen Welt gefeiert wird. Der 300. Geburtstag des Philosophen am 22. April ist ein weltbewegendes Ereignis, aber auch seines
220. Todestages am 12. Februar wird gedacht. Alle Jahre mit einer „Vier“ sind eigentlich Kant-Jahre. Wie ist zu erklären, dass ein Mann nach Jahrhunderten eine so unverändert internationale, ja globale Wirkung hat?

Kants Vorfahren waren Handwerker, Riemer oder auch Sattler genannt. Die Vorfahren des Vaters stammten aus dem Memelland, die der Mutter, von welcher der Sohn besonders geprägt wurde, aus Franken. Die Eltern heirateten 1715 in Königsberg, Kant war das vierte von neun Kindern, besuchte das Gymnasium „Collegium Fridericianum“, das „Friedrichs-kolleg“ auf der Dominsel, studierte ab 1740 an der Universität seiner Geburtsstadt, an der „Albertina“, promovierte 1755 zum Magister und habilitierte sich noch im selben Jahr zum „Magister legens“. Er hielt gut besuchte Vorlesungen über Logik und Metaphysik, Geographie, Anthropologie und Pädagogik, aber erst 1770 erhielt er eine Professur an der „Albertina“. Das lag auch daran, dass er Berufungen an andere Universitäten ablehnte. Er wollte Königsberg nicht verlassen und nannte es „einen schicklichen Platz“.

Wie hat sein Denken die Welt verändert? Man spricht von einer „vorkantischen“ und einer „nachkantischen“ Philosophie. Er ist der Vollender der Aufklärung, er hat den Menschen als „Vernunftwesen“ entdeckt und damit die Menschenrechte begründet, er ist der Begründer einer logischen Morallehre und hat die Lehre von der menschlichen Erkenntnis reformiert, indem er das „Ding an sich“ bewies. Das alles sind nur kurze und unzureichende Antworten auf die Frage oben.

Kulturwoche im Samland
Im August 2004 fand in Rauschen eine „Samländische Kulturwoche“ statt, die der Kreisvertreter von Fischhausen, Louis-Ferdinand Schwarz, organisiert hatte. Im Juli 1999 hatte er bereits „Samländische Kulturtage“ ermöglicht, die mit einem breitgefächerten Programm für Aufsehen sorgten. Einer der Höhepunkte 1999 war ein Konzert im Dom, bei dem ein russischer und ein deutscher Chor auftraten. 2004 stand die Bedeutung Kants im Fokus. Es war Schwarz gelungen, die Professoren Iwan Koptzew und Leonard Kallinikow für ein philosophisches Seminar über Kant zu gewinnen – ein Plan, der auf Skepsis stieß. In der Urlaubszeit im Badeort Philosophie zu betreiben – wer würde sich dazu einfinden? Ein ganztägiges Kolloquium und ein Vortragsabend sollten stattfinden.

Doch schon zu den Vorstellungsrunden erschienen überraschend viele Teilnehmer, Russen und Deutsche. In seinem Eingangsreferat betonte Koptzev, Kant habe als Erster das Schweigen über die Geschichte durchbrochen. Ihm sei nicht nur die Rettung des Domes zu verdanken, sondern auch die intensive Annäherung von Russen und Deutschen.

Es waren glückliche Zeiten. Niemand von uns ahnte etwas von den Konflikten und Problemen, die zwei Jahrzehnte später eintreten sollten. Die Schatten des Kalten Krieges schienen endgültig überwunden. „Freude schöner Götterfunken“ tönte aus den Lautsprechern, opulente Ausstellungen ostpreußischen Kulturgutes zogen Russen und Deutsche an. Über Webkunst, Strickmuster, Trachten und Jostenbänder konnte man sich über die sprachlichen Grenzen hinweg verständigen. Es sah so aus, als käme man Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“ von 1795 nahe, eine kleine Broschüre, als Reclam-Heft leicht in die Tasche zu stecken. Dort findet man alles über Völkerrecht, Staatsrecht und Bürgerrecht und praktische Anleitungen, wie Kriege zu vermeiden sind.

Der Vortragsabend mit Kallinikow in jenem August 2004 machte das unerwartet zahlreiche Publikum mit Kants Erkenntnistheorie bekannt, auf eine völlig neue Weise. Vereinfacht ausgedrückt, hat Kant eine Jahrhundert-Leistung erbracht, indem er eine Lösung für zwei unterschiedliche philosophische Richtungen fand. Eine war der „Empirismus“, der besagte, dass nichts in den Geist des Menschen kommen könne, was nicht zuvor mit seinen Sinnen aufgenommen worden sei, also alle Erkenntnis kommt aus der empirischen, sinnlichen Erfahrung. Dagegen stand der „Idealismus“, der, als Erbe des griechischen Philosophen Platon, sagte, nur die Ideen seien von Bedeutung, sinnliche Erfahrungen zweitrangig, wenn nicht gar überflüssig. Beide Theorien schienen sich gegenseitig auszuschließen. Kant erdachte und schlussfolgerte, dass der Mensch beides ist, ein „Sinnenwesen“ und ein „intelligibles (geistiges) Wesen“ und dass er in seinem Verstand sogenannte „Kategorien“ hat, Raum und Zeit, die „a priori“, also von vornherein, angeboren vorhanden sind und die ihm eine Orientierung in der Welt überhaupt erst ermöglichen. Der Verstand ordnet also, selektiert die sinnlichen Eindrücke. Die moderne Hirnforschung hat Kants Ergebnisse bestätigt.

Kallinikow sprach Russisch, sein Kollege Koptzev übersetzte ins Deutsche, und so konnten die Zuhörer durch das „verlangsamte Tempo“ gut folgen. Kallinikow begann gleich mit der These, ein so konsequentes philosophisches System wie das Kants habe die Menschheit bis dahin nicht gekannt und kenne sie bis heute nicht. Dann wies er nach, dass nach Kant der Mensch die „phänomenale Welt“, also die Welt der Erscheinungen, mit Hilfe seines Verstandes bildet, mit den Kategorien Zeit und Raum. Das hat aber auch zur Folge, dass der Mensch das reine Objekt, das „Ding an sich“, nicht erkennen kann, eine bekannte Tatsache, die manchen Zeitgenossen verzweifeln ließ. Die positive Schlussfolgerung aber lautet: das „Ding an sich“ kann der Mensch jedoch denken, ausrechnen, benutzen. „Mit unseren Sinnen und Gefühlen können wir Elektronen nicht wahrnehmen, aber wir leben in einer Welt, in der der Mensch ohne Elektronen nicht mehr auskommen kann.“

Virtuelle Feier 2021
Den Segen der Elektronik erlebten die Anhänger Kants, als sein Geburtstag am 22. April 2021 in einer virtuellen Feier begangen wurde. Die Pandemie hatte alles lahmgelegt, aber an dieser virtuellen Geburtstagsfeier nahmen 170 Gäste aus vierzehn Nationen teil. Professor Wladimir Gilmanow von der Kant-Universität hielt die Festansprache für das „Geburtstagskind“. Er legte seinen Ausführungen Kants Ethik zugrunde, die in dem „Kategorischen Imperativ“ gipfelt. Kant stellt Forderungen an den Menschen als ein Wesen mit Verstand und Vernunft. „Sapere aude – Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Das ist für ihn der „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, und damit beantwortet er die Frage: „Was ist Aufklärung?“ Der Mensch kann und muss selbst nachdenken und ist folglich selbst verantwortlich für sein Handeln. Seine Freiheit muss er selbst bewahren und verwirklichen und darf sie nicht seiner Bequemlichkeit opfern.

Da der Mensch ein „Vernunftwesen“ ist, liefert ihm die Vernunft Ideen, die er nicht aus seiner Erfahrung ableiten kann. Er hat auch sie „a priori“, das heißt von vornherein, also angeboren. Daraus ergeben sich moralische Forderungen. Man wird kaum Beispiele für die vollkommene Wahrheitsliebe, die bedingungslose Freundschaft, die perfekte Gerechtigkeit und grenzenlose Hilfsbereitschaft in der Realität finden, aber der Mensch kann diese Ideale denken und soll sich darum bemühen. Es geht sogar noch weiter. „Handle so, dass die Maxime (der Grundsatz) Deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte!“ So lautet der „Kategorische Imperativ“, der unbedingte Befehl. Dem Menschen wird damit eine große Verantwortung auferlegt. Seine Handlungen und sogar sein Wille sollen zum Maßstab, zur Regel für alle Menschen werden können.

Das Vernunftwesen hat Anspruch auf die Achtung seiner Menschenwürde und ist ebenso zur Achtung dem Mitmenschen gegenüber verpflichtet. Die Pflicht hat bei Kant einen hohen Stellenwert. Die Menschenrechte ergeben sich daraus. Der Kategorische Imperativ, von dem es mehrere Fassungen gibt, verlangt auch, dass man den anderen niemals zum „Mittel“, also zum Objekt machen darf. Der Mitmensch muss der „Zweck“, das Ziel der eigenen Handlungen sein.

Blick auf die aktuelle Weltlage
Eine „ideale Welt“ wäre also nach Kant möglich, zumindest denkbar. Gilmanow aber lenkte am 22. April 2021 den Blick auf die aktuelle Weltlage und sprach von dem „widernatürlichen Ende aller Dinge“ im Kantischen Sinne. Kant lastet in seiner Schrift „Das Ende aller Dinge“ aus dem Jahre 1794 dem Menschen die Schuld dafür an, wenn es zu einem Untergang, zu einer endgültigen Katastrophe kommen sollte. Gilmanov konkretisierte diese Befürchtung dahingehend, dass die technischen Voraussetzungen zu einer globalen Vernichtung heute gegeben sind. Er hatte dabei die Pandemie vor Augen und mehr noch die politischen Spannungen, die kaum ein Jahr später kulminieren sollten. Während Kant dem Menschen seine Unmündigkeit als selbstverschuldet zum Vorwurf machte, ging Gilmanow weiter und nannte die moderne Zivilisation „irregeführt“, behaftet mit einem verstörenden Menschenbild und mit dem Verlust einer moralischen Orientierung. Das könne zum Abgrund führen. Er zeigte aber auch den Gegenentwurf zu dieser Gefahr auf, und zwar in der „sittlichen Verfassung“, die die Vernunft durch das moralische Gesetz vorschreibt. Kant bietet also auch eine Lösung an, indem er von „dem moralischen Gesetz in mir“ spricht.

Die Anhänger Kants und besonders die Königsberger unter ihnen werden auf eine harte Probe gestellt. Zehn Monate nach der virtuellen Geburtstagsfeier 2021 brach ein Krieg mitten in Europa aus. Kants Gedanken „Zum ewigen Frieden“ hatten ihn nicht verhindern können. Noch bitterer quält das inzwischen verdunkelte Verhältnis zwischen Russland und Deutschland die Samländer, die sich von ihren russischen Freunden getrennt fühlen, während die Russen kaum noch ins Ausland reisen können. Wie wohl taten uns allen die Worte Gilmanows an Kants 297. Geburtstag, als er sagte, dass Kant trotz seines Weltbürgertums ein deutscher Philosoph sei. Sich selbst nannte er einen „Kant liebenden Russen“ und sprach von seiner Liebe zur deutschen Geistesgeschichte. Eine positive Beziehung zwischen Russland und Deutschland war und ist für ihn eine Voraussetzung für Rettung und Frieden.


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Kommentare

Gregor Scharf am 17.02.24, 10:40 Uhr

Sie können noch so vorbildlich in Erscheinung treten, Menschen anführen, anleiten, mitreißen, lehren, beschützen und fordern, scheitern werden Sie immer an der charakterlichen Labilität des Einzelnen und an einer dogmatischen Gesetzgebung, die jegliche Moral ad absurdum führt. Nur in einem straff organisiertem Staat oder unter Menschen auf annähernd gleichem Bildungsniveau lässt sich Kants Theorie erleben. Wir hier leben in der Anti-Kant-Republik. Hätte er ahnen können, dass jemals Gayparaden und sexuelle Ausschweifungen zum Maß der Dinge werden. Hier ist die Welt Kants auf den Kopf gestellt. Wie würde er damit umgehen? Freundlich und verständnisvoll, angewidert ablehnend oder voller Mitleid mit den Betroffenen?

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